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Mit seinem neuen Roman 1Q84 ist Murakami groe Kunst gelungen. Schon auf der ersten Seite ergreift den Leser das Gefhl etwas Unerklrlichem, Geheimnisvollen beizuwohnen. Aomame, eine junge Geschftsfrau, befindet sich in einem Taxi auf der Stadtautobahn, unterwegs zu einem Termin. Sie hrt eine Sinfonie im Radio, die ihr, obwohl sie sie zum ersten Mal hrt, sehr vertraut vorkommt. Sie kann ihr sogar den Komponisten zuordnen und kennt dessen gesamten Lebenslauf.

Der Taxifahrer reit sie aus ihren Gedanken, indem er ihr sagt, dass sie es keinesfalls mehr pnktlich zu ihrem Termin schaffen wird. Er schlgt ihr vor, eine Treppe zu nehmen, die von der Stadtautobahn herunter fhrt, da sie so noch pnktlich kommen kann. Doch nicht nur diese Treppe ist auergewhnlich, erklrt der Taxifahrer: Wenn Aomane sich fr diesen Weg entscheide, werde sich vermutlich noch mehr Seltsames ereignen. Man drfe sich nicht vom ueren Schein tuschen lassen, denn "es gibt immer nur eine Realitt", so lautet seine Warnung.

Verrckte Parallelwelt

Aomane schafft es rechtzeitig zu ihrem Termin, jedoch ist sie nicht lnger die professionelle Geschftsfrau, sondern eine professionelle Auftragskillerin. Ihre Opfer sind Mnner, die Frauen gegenber gewaltttig sind. Eine geheimnisvolle Aura liegt ber ihrer neuen Umgebung. So stehen in der darauf folgenden Nacht zwei Monde am Himmel: ein kleiner und ein groer. Da sie jedoch die Einzige ist, die sich darber wundert, kommt sie zu dem Schluss: Nicht ich bin verrckt, diese Welt ist es. Sie nimmt an, dass sie ber die Treppe in eine Parallelwelt gelangt ist und gibt ihr den Namen 1Q84. Der Gedanke, in ihre eigene Welt 1984 zurckzukehren, kommt ihr vorerst nicht. Stattdessen findet sie eine Freundin in 1Q84 ausgerechnet eine Polizistin. Ansonsten bleiben ihre Beziehungen, insbesondere zu Mnnern, oberflchlich und suchend.

Legasthenikerin verfasst Bestseller

Eine weitere Hauptfigur des Romans ist Tengo, ein erfolgloser Schriftsteller. Auch bei ihm luft am Tag von Aomanes Taxifahrt vieles anders als bisher. Er wird gebeten, den Roman der 17-jhrigen Fukaeri zu berarbeiten, der zwar inhaltlich innovativ ist, aber einen wenig flssigen Schreibstil hat. Trotz anfnglicher Bedenken stimmt Tengo zu, mit der Autorin zu sprechen. Fukaemi ist eine sehr wortkarge Legasthenikern, deren Roman anscheinend eigene Kindheitserinnerungen widerspiegelt. Inhalt ihres Romans sind die "Little People": Lebewesen, die es anscheinend auch in der wirklichen Welt gibt. Wer sie genau sind, ist ungeklrt. Sie stehen in enger Verbindung zu der Sekte "Die Vorreiter", deren Fhrer Aomane tten will. Die Autorin stimmt der berarbeitung durch Tengo zu. Nach der Verffentlichung des Romans gewinnt dieser den Literaturpreis. Allerdings gibt er auch die Geheimnisse der Vorreiter preis. Fukaeri verschwindet daraufhin spurlos.

Haruki Murakami 1Q84

Verlag: DuMont Buchverlag
Erschienen: 9. Dezember 2010
Genre: Roman
ISBN: 978-3-832-19587-8
Bindung: Gebundene Ausgabe
Preis: 32,00 Euro
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Lobpreis an die Liebe

Murakami erzhlt immer abwechselnd ein Kapitel lang die Erlebnisse einer seiner Hauptfiguren. Im Laufe des Romans erfhrt der Leser, wieso beide Hauptfiguren, Aomane und Tengo, ein unausgeflltes Liebesleben haben: In Wirklichkeit lieben sie einander, haben sich aber aus den Augen verloren. Beide beschlieen, den jeweils Anderen zu suchen. Parallel geht auch die Suche nach Fukaeri weiter, denn ihr Wissen stellt eine Bedrohung fr die Vorreiter dar.

Murakami ist mit diesem Roman ein Meisterwerk gelungen. Auf ber 1000 Seiten Lnge bricht die Spannung kein einziges Mal ab. Im Gegenteil: Auf den letzten Seiten steigert sie sich in einem so hohen Mae, dass man die inzwischen vertraut gewordenen Figuren weiter auf ihrem Weg begleiten mchte. Denn dieses imposante Werk ist nur der Auftakt zu der Geschichte von Tengo, Fukaeri und Aomame: Es sind lediglich die ersten beiden Teile einer Trilogie. Der dritte Teil wird im Herbst in deutscher Sprache erscheinen.

Auch die Aufmachung des Buches wird Liebhabern gerecht: Die Seiten sind ordentlich gebunden, nicht geklebt. Das Buch knackt nicht beim ffnen und bleibt auch geffnet liegen. Einziges Manko: Im geschlossenen Zustand prangt fr alle gut lesbar in neongrner Schrift "Murakami" auf den Seiten. Dennoch stellt es einen Meilenstein von Murakamis Werken dar.


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