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Herta Mller erhielt 2009 den Literaturnobelpreis fr ihr Gesamtwerk ber die rumnische Diktatur. Ihr Roman Der Fuchs war damals schon der Jger schildert die Unterdrckung des Volkes durch das totalitre System im kommunistischen Rumnien unmittelbar vor der Revolution. Irritieren tut an ihrem komplex angelegten Werk vor allem unstimmige und berzogene Bildlichkeit.

In ihren Texten mchte Herta Mller ausdrcken, wie Diktaturen Menschen ihrer Wrde berauben. 1953 in Rumnien geboren, gehrte sie dort viele Jahre zusammen mit ihrer Familie einer deutschen Minderheit an. Als bersetzerin in einer Maschinenfabrik wurde sie 1979 nach ihrer Weigerung, mit dem rumnischen Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten, entlassen. In der rumnischen Region Banat gehrte sie einem, durch die Securitate spter aufgelsten Autorenkreis an. Ihre Manuskripte wurden in Rumnien von Verlagen jahrelang zurckgehalten, oder in stark zensierter Fassung verffentlicht. Sie kam 1987 mit ihrem damaligen Ehemann in die Bundesrepublik Deutschland. Auch hierzulande sei sie noch seitens der Securitate mit dem Tod bedroht und von ihren Gegnern mit anonymen Briefen belstigt oder ffentlich diskreditiert worden, behauptete Mller 2008 in einem Gesprch.

Nachdem der deutschsprachigen Autorin 2009 der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde, wurde Mllers Roman Der Fuchs war damals schon der Jger von 1992 im gleichen Jahr neu aufgelegt. Das 285seitige Werk behandelt die Unterdrckung des Volkes durch das totalitre und korrupte System Rumniens unmittelbar vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes und dem Tod des rumnischen Staatschefs Nicolae Ceaușescu im Jahre 1989. Anschaulich wird dem Leser ein circulus vitiosus aus Verzweiflung, Angst und Unterdrckung im einfachen Volk vor Augen gefhrt.

Die Autorin arbeitet dabei berwiegend mit Beschreibungen ihrer Perspektivtrger und schildert wenige eigenmchtige Handlungen derselbigen. Hauptperspektivtrgerinnen sind die junge Lehrerin Adina und die mit ihr befreundete und in einer Fabrik arbeitende Mechanikerin Clara, wobei die Perspektive von der ersten zur dritten Person wechselt und oft uneindeutig ist.

Die Pappeln sind grne Messer - Perspektivische Uneindeutigkeiten

Mllers Stil ist geprgt durch Bewusstseinsstrmungen, Perspektivumbrche, wrtliche Rede ohne Anfhrungszeichen, Aneinanderreihungen von Sequenzen und kurzen Geschichten oder Beobachtungen, assoziative Sinneseindrcke und Abbrche von Gesprchsfetzen durch z.B. eingeschobene Beobachtungen.

Neben eingefgte imaginierte Gesprche oder Trume und zeitliche, perspektivische oder lokale Parallelebenen treten weiterhin Unterbrechungen, Zeilensprnge, Widersprche, Personifizierungen und Dmonisierungen von Naturelementen und Pflanzen, eingeschobene Songverse und Volksweisheiten.
Herta Mller Der Fuchs war damals schon der Jgerl

Verlag: Fischer
Erschienen: 6. Februar 2009 (Originalausgabe: 1992)
Genre: Vergangenheitsbewltigung
ISBN:978-3596181629
Bindung: Taschenbuch
Seiten: 285
Preis: 9,95 Euro
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Aufgrund der Vielzahl der Umbrche und der Stilmittel ist der Text schwer zugnglich und man ertappt sich wiederholt dabei, einzelne Passagen mehrfach zu lesen. Schaden tut Mller ihrer Geschichte vor allem durch unstimmige, oft surreale und poetisch detailverliebte Bilder, die bereits beim Titelmotiv anfangen, dessen Bedeutung im gesamten Roman unklar bleibt. Am Anfang des Romans heit es: Die Mutter der Nadel ist die Stelle, die blutet und an einer anderen Stelle steht: Ein Straendorf ist jede Nacht ein Strumpf wie ihre Hlse. Wenn man trotz der schwierigen Bildlichkeit weiterliest, erschlieen sich einem langsam eine Vielzahl an Geschichten.

Machtlosigkeit und Ersetzbarkeit des Einzelnen

Verschiedene Charaktere beobachten und erleben Diebstahl und Ausbeutung in der Fabrik, Ausbeutung von Kindern in der Schule als Erntehelfer und sexuelle Ausbeutung von jungen Frauen durch Vorgesetzte. Das Leben der Figuren ist geprgt durch Hunger und Armut, Brutalitt und schlechte Behandlung, berwachung und Zensur durch beispielsweise den Geheimdienst, und gewohnheitsmige und irrsinnige Handlungen ihrer Vorgesetzten.

Wiederholt werden Selbstmorde geschildert und Gedanken an den eigenen Selbstmord oder die Angst vor dem Verrcktwerden stehen mehrfach im Handlungszentrum. Das Individuum ist in der geschilderten Gesellschaft wertlos und austauschbar. Die Lehrer sagen den Kindern in der Schule: Ein guter Mensch ist so gut wie ein Stck Brot. Die Kinder werden von Beobachtern Warzenketten genannt, wenn sie sich als Erntehelfer ihre Hnde blutig pflcken. Geohrfeigt werden die Kinder nicht nur nach der Erntearbeit von dem Aufseher und Agronomen, sondern auch ihre Mtter schlagen ihnen im Streicheln mitten ins Gesicht.

Korruption und Missbrauch

Einigen Figuren sagen an mehreren Stellen die Worte Macht nichts, macht nichts, welche Mller ihren Roman auch als Zitat von Wenedikt Jerofejew einleitend vorangestellt hat. Als machtlos erscheinen die Individuen tatschlich gegenber dem totalitren und korrupten Regime, dass die Arbeiter skrupellos ausbeutet, Unzufriedene durch Einbrche des Geheimdienstes ngstigt und spter zum Schweigen bringt oder beseitigt. Die Anzahl der Toten und in der Donau ertrunkenen scheint bekannt, nicht aber ihre Identitt oder ihr Name.

Die Skrupellosigkeit der im Staatsdienst ttigen wird honoriert, whrend der einfache Arbeiter fr kleine Vergehen im Sinne der Selbstsorge schwer bestraft wird und oftmals seine Arbeitsstelle danach quittieren muss. Die Machthierarchien sind jedoch nicht vor der breiten Masse der Bevlkerung sicher: Der Pfrtner sieht zum Himmel hinauf. Wenn die Spatzen einzeln in der Sonne fliegen, sind sie leicht, nur der Schwarm ist schwer.

Unterdrckung schafft Angst

Die Naivitt und Gutglubigkeit der nicht aufsssigen Arbeiter uert sich in ihren Gewohnheiten und aberglubischen Gedankengngen, z.B. in ihrem Glauben an Gerchte und an das Schicksal. An mehreren Stellen meinen einige Charaktere sinngem: 'Fluchen bringt nichts.' Flche erscheinen hier als selbstttig und somit selbstmarternd.
Die Furcht der Perspektivtrger wird dem Leser durch uneindeutige Stze veranschaulicht. So heit es z.B. ber Adina: Die Schuhe klappern auf ihrer Wange., Die Schuhe klappern im Kopf. und Auf dem Heimweg geht Adina hinter sich her.
Ein Kind erzhlt, dass seine Mutter das Telefon immer in den Khlschrank legt, wenn sie jemand besucht. Umgeht diese Mutter damit ein Abgehrtwerden, oder fhrt die stndige berwachung gemeinschaftlicher Aktivitten und das Verbot von Versammlungen, wie z.B. von Hochzeitsgesellschaften, zu irrsinnigen misstrauischen Handlungen?

Die rumnische Revolution

Nach der brutalen Erschieung des Staatsprsidenten Ceaușescus und seiner Frau durch das Volk und dem Niedergang seines Regimes, berleben in Mllers Roman bekannte und skrupellose Gewinner des diktatorischen Systems seiner Amtszeit unter falschem Namen. So nimmt beispielsweise der Geheimdienstmitarbeiter Pavel die Identitt eines zuvor von ihm verhrten und vermutlich durch ihn ermordeten Regimeopfers an und setzt sich ins Ausland ab. Er ist der Liebhaber Claras, die sich im Verlauf der Geschichte von ihm korrumpieren lie, und die ihm als 'Volksverrterin' wahrscheinlich ins Ausland folgen wird.

Authentisch und anschaulich geschilderten Ungerechtigkeiten ber die im politischen System geduldeten Korruptionen lassen den Roman lange nachwirken. Man fragt sich, wie sich die politische Situation in Rumnien wohl nach dem Umsturz im Jahr 1989/90 verndert hat und wie das politische System Rumniens wohl heute aussieht. Insgesamt bleibt jedoch auch die eigene Irritation hinsichtlich der unstimmigen, schrgen und gewollt poetischen Bilder Mllers in Erinnerung, die ihrer Geschichte an manchen Stellen geschadet haben drften.

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