Vor der Abendkasse in den Bad Godesberger Kammerspielen stehen die Leute Schlange. Doch es gibt keine Karten mehr. Die Lesung ist ausverkauft. So ist das eben, wenn ein ganz Groer aus einem ganz groen Buch liest. Bruno Ganz ist hierzulande einer der bekanntesten Schauspieler und Foster Wallaces Unendlicher Spa, erstmals 1996 in den USA verffentlicht, gilt als Meilenstein der amerikanischen Literatur. Erst vorletztes Jahr erschien die deutsche Fassung. ber den Abend mit bersetzer Ulrich Blumenbach und den Inhalt des Buches berichtete Campus-Web bereits (zum Artikel geht es hier). Nun geht es furios in die nchste Runde. Wenn der Verein Literaturhaus Bonn, der den Abend gemeinsam mit dem Theater Bonn veranstaltet hat, so weiter macht, knnen sich die Literaturbegeisterten in Zukunft auf viele weitere Highlights freuen.

Der Saal ist bis auf den letzten der 473 Pltze gefllt. Der schwarze Vorhang teilt sich kurz. Schon gehen die Gesprche der Besucher im Applaus unter. Bruno Ganz hat die Bhne betreten. Bekannt ist der Schweizer Schauspieler aus zahlreichen Theaterstcken und Filmen. Unter anderem verkrperte er Hitler in Der Untergang und spielte in der Hollywood-Produktion Der Vorleser mit. Gegenwrtig ist er im Kino an der Seite von Senta Berger in Satte Farben vor Schwarz zu sehen. Fr seine herausragende Arbeit erhielt er viele Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz und den Europischen Filmpreis fr sein Lebenswerk.

Szenen am Abgrund, durch die Lupe betrachtet

Es gibt nicht viel Gerede um den heien Brei herum. Bruno Ganz liest eine kurze Zusammenfassung des Buchinhalts und der drei Auszge vor, die das Publikum zu hren bekommen wird. Schon geht es los. Der Schauspieler beginnt mit einem Textauszug, in dem David Foster Wallace beschreibt, wie sich Joelle van Dyne, die als Madame Psychosis nachts als Radiomoderatorin arbeitet, in prsuizidaler Stimmung zu viel Spaߓ genehmigt. Auf der Toilette einer Party bastelt sie aus einer Pepsi-Flasche eine Crack-Pfeife. Wobei, eigentlich beschreibt Wallace die Szene nicht nur. Vielmehr hlt er dem Leser ein Mikroskop vor die Augen. Alles ist bis ins Kleinste geschildert: der Raum, Joelles Gedanken und jeder ihrer Handgriffe. Selbst wie sie sich nach dem Rauchen erbricht, wird schonungslos detailliert dargelegt.

Das Publikum lacht oft. Wer nicht lacht, muss zumindest schmunzeln. Dabei ist die Szene eigentlich eher traurig. Aber Wallace berrascht immer wieder mit unerwarteten Wrtern und Wendungen in der Handlung. Der schwarze Humor erzielt die erwnschte Wirkung. Bei einem Wort stockt selbst Bruno Ganz in seinem Lesefluss. Wallace soll, wie auch eine der Hauptfiguren im Buch, das Oxford Dictionary of English komplett gelesen haben. Das prgt offensichtlich.

Auch Gesellschaftskritik wird gebt. In einem anderen Auszug will der junge Barry Loach seinem misanthropischen Bruder beweisen, dass Menschen zu Nchstenliebe fhig sind. Dafr geht er eine Wette ein. Er muss sich ungewaschen und in alter Kleidung zu den Obdachlosen am Bahnhof gesellen und die Passanten bitten, ihn zu berhren. Diese meiden ihn wie eine heie Herdplatte, geben ihm allerdings Geld. Mehr sogar als den anderen Bettelnden. Also gehen sie dazu ber, ebenfalls um Berhrungen zu bitten, um mehr Bares zu bekommen. Enttuscht von diesem Ergebnis, glaubt Barry selbst nicht mehr an das Gute im Menschen. David Foster Wallace hlt der Gesellschaft den Spiegel vor.

Das Ende: zu frh und unerwartet

Don Gately sitzt mit einer wunderschnen Frau am Kchentisch. Sie ist der Tod. Er befindet sich in einem irren Fiebertraum. Gerade hat er verstanden, dass man am Ende eines jeden Lebens von einer Frau in den Tod geholt wird, die im nchsten Leben des Getteten immer dessen Mutter sein wird. Ein ewiger Kreislauf, der die mtterliche Frsorglichkeit entlarvt als Versuch, einen Mord aus dem letzten Leben wieder gut zu machen. Gately leidet, er will, dass ihm die Dame den Gnadensto gibt und ihn erlst. Ihr Gesicht verschwimmt und sie sagt: Warte...

Bruno Ganz blickt auf, hebt die Augenbrauen und zuckt mit den Schultern. Es geht ein Raunen durch das Publikum. Die Lesung ist zu Ende. Warum musste er gerade jetzt aufhren? Die Leute wollen wissen, wie es weitergeht. Der Wallace-Kosmos hat sie in seinen Bann gezogen. Es ist so, wie der bersetzer Ulrich Blumenbach das Gefhl beim Lesen des Buches beschrieb: Man macht eine Tr hinter sich zu und will nicht mehr heraus.

Lange braucht das Publikum aber nicht, um sich von der Verblffung zu erholen. Es hagelt Applaus und noch mehr Applaus. Ohne ein weiteres Wort verneigt sich ein dankbar lchelnder Bruno Ganz mehrmals und verschwindet hinter dem Vorhang. Die Leute hren nicht auf zu klatschen. Er kommt wieder und verneigt sich erneut. Verdient hat er das Lob. Es war sehr angenehm seiner Erzhlerstimme zu lauschen.

Doch eigentlich ist es David Foster Wallace, der gefesselt hat. Der Autor von der tragischen Gestalt, der sich 2008 nach langer Krankheit das Leben nahm, hinterlsst mit Unendlicher Spa ein Buch, das in allen Regenbogenfarben schillert. Es ist lustig, traurig, anstrengend, unterhaltsam, kritisch, brillant und so viel mehr.


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