Mit Peter Esterhazy kam am 18.11. einer der ganz Groen der europischen Literatur in den Klner Stadtgarten. Im Rahmen des Literarischen Salons stand der preisgekrnte Schriftsteller seinen Kollegen Helminger und Kermani Rede und Antwort. Campus-web war dabei.

Im Literarischen Salon herrscht gepflegte Jazzclub-Atmosphre: Gedmpftes Licht, rot gepolsterte Sthle und Musik von Charlie Parker. Gemtlichkeit macht sich im Saal breit, gepaart mit einem Schuss gespannter Erwartung: Wie er wohl sein mag, der berhmte ungarische Literat? Da ist er: Peter Esterhazy, Friedenspreistrger des Deutschen Buchhandels, Spross eines Jahrhunderte alten Adelsgeschlechts und - nicht zu vergessen Autor des Fuballbuches des Jahres 2009. In leicht zerknittertem Hemd und mit gewohnt wuscheligem, grauen Haarschopf betritt er gemeinsam mit seinen Schriftstellerkollegen Guy Helminger und Navid Kermani die Bhne, setzt sich auf einen der Barhocker und blickt entspannt in den Saal. Dass, wie sich spter herausstellt, er es war, der die Charlie Parker-Musik mitgebracht hat, wundert einen nicht.

Ungarischer Dallas-Clan?
Die drei, die sich da auf der Bhne versammelt haben, wirken ein bisschen wie kleine Jungs, die gespannt darauf sind, was der Abend wohl bringen mag. Es ist vermutlich mehr als nur wechselseitige Sympathie, die fr diese lockere Atmosphre und die augenscheinliche Vertrautheit sorgt. Hier sind drei Autoren zusammengekommen, um auf Augenhhe miteinander ber Literatur zu diskutieren. Und so steht Esterhazy seinen Kollegen bereitwillig Rede und Antwort und plaudert frei von der Leber weg von der Entstehung seines Erfolgsromans Harmonia Caelestis. Das Buch erzhlt die 400 Jahre alte Geschichte der Familie Esterhazy allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern in Form hunderter narrativer Schnipsel. Also kein Dallas-Clan in groߓ, bringt es Navid Kermani auf den Punkt.

Wildschwein-Effekt
Neun Jahre hat Esterhazy an dem von den Kritikern gefeierten Werk gearbeitet. Die Schwierigkeit, so der Ungar, sei bei jedem Buch dasselbe: Ich wei nicht, was ich mache. Ich habe keinen Boden unter den Fen; dieser Boden entsteht erst beim Schreiben. Immer wieder msse man verschiedene Varianten der Erzhlung durchspielen und ausprobieren. Zur Not msse man dann auch einmal 280 gut geschriebene Seiten die Arbeit eines halben Jahres wegwerfen. Solange man nicht wisse, dass die Lsung, die man gefunden habe, optimal sei, knne man jedenfalls nicht weitermachen. Irgendwann ist dann aber auch fr Esterhazy Schluss mit dem mentalen Hin und Her: Dann heit es: rein in den Saft. Da bin ich wie ein Wildschwein. Ohne diesen Wildschwein-Effekt also die instinktive Entscheidung fr einen bestimmten Fortgang der Erzhlung gebe es keinen Schriftsteller.

Spitzelttigkeit des Vaters
Natrlich erzhlt Esterhazy an diesem Abend nicht nur von seiner Harmonia Caelestis, er liest auch aus ihr. Und zwar, wie er verschmitzt ankndigt: Einen ganz schn langen Abschnitt. Das passt Euch beiden vielleicht nicht, - er wirft einen Seitenblick zu Helminger und Kermani aber jetzt ist es schon zu spt. Urkomisch ist die von Esterhazy ausgewhlte Passage: So lebendig und anschaulich schildert er einen Inkognito-Restaurantbesuch im kommunistischen Ungarn, dass sich das Publikum immer wieder zu lautem Lachen hinreien lsst.
Weniger lustig geht es zu, als Esterhazy davon erzhlt, wie er kurz vor Erscheinen des Familienromans herausfinden musste, dass sein Vater als Spitzel fr den ungarischen Geheimdienst gearbeitet hatte. Wie sehr ihn diese Erkenntnis schockiert hat, merkt man ihm noch heute an. Verbesserte Ausgabe heit der Roman, in dem Esterhazy die Enttarnung des Vaters literarisch verarbeitet hat.

Oh, Lord, wont you buy me
Gegen Ende des Abend besttigt sich dann, was die Charlie-Parker-Melodien bereits zu Beginn nahe gelegt hatten: Dass nmlich Esterhazy nicht nur mit Leib und Seele Schriftsteller ist, sondern auch eine besondere Schwche fr die Musik hat. Er habe da noch etwas mitgebracht, verkndet er. Janis Joplins Oh, Lord, wont you buy me Von dem Lacher, der am Schluss des Liedes erklingt, ist Esterhazy vollauf begeistert: Genauso sollte ein Roman sein! Mit dieser Mischung aus Unmittelbarkeit, energischer Frhlichkeit und Hoffnungslosigkeit. Zwischen Musik und Literatur gibt es eben mehr Parallelen als man vielleicht denken wrde.

Die nchste Ausgabe des Literarischen Salons gibt es brigens am 13. Januar 2011. Zu Gast bei Helminger und Kermani ist dann der Kinderbuchautor Paul Maar.

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