campus-web Bewertung: 3/5
   
Freiheit, das ist fr Jonathan Franzen der Zustand der Erkenntnis, wer man ist und was man kann. Keine theoretische Freiheit fr unmgliche Trume, sondern Akzeptanz der Gegebenheiten. Und wenn man den Gedanken weiterspinnen mchte: Kein American Dream der unbegrenzten Mglichkeiten, sondern ein Reich der gefundenen eigenen Mitte. Freiheit, Franzens vierter Roman, lsst Figuren und Leser nach dieser Mitte suchen. Und tatschlich gibt es sehr viel Mitte zu finden: Mittelstand, Midlife Crisis und Mittelma. Die Neue Mitte war gestern, willkommen in der Ewigen Mitte.

Dabei scheint das Mittelma gar nicht mal so nahe zu liegen: Die Berglunds, die in Freiheit als die typische amerikanische Familie herhalten mssen, bewegen sich im gehobenen Mittelstand. Patty und Walter, die Eheleute Berglund, scheinen mit unbegrenzten Mglichkeiten und Talenten ins Leben gegangen zu sein. Sie eine begabte Sportlerin aus gutem, politisch aktivem Hause, er ein ehrlicher und strebsamer Weltverbesserer, der unter der Knute von perspektivlosen Alkoholikern auf- und ber sich hinauswuchs. Und auch ihr Sohn Joey scheint eine auergewhnliche Figur zu sein: Die neurotische Beziehung zu seiner Jugendliebe fungiert nur als Spitze des Eisbergs seiner psychischen, nun, Andersartigkeit. Seine Gedankenwelt ist gleichzeitig schlssig-stringent und auf nicht wirklich nachvollziehbare Weise krankhaft. In einer liberal geprgten Weltsicht bietet sie so den idealen Nhrboden fr eine Karriere in den Reihen der neokonservativen Republikaner.

In der Mitte der Gesellschaft, auf der Suche nach der Goldenen Mitte

Als wir die Berglunds kennenlernen, knnen wir all das aber noch gar nicht ahnen. Whrend Joey und seine (im Roman weitestgehend ausgeklammerte und somit ziemlich blasse) Schwester aufwachsen, sammelt Patty ihre Neurosen an einem der wichtigsten Schaupltze der US-amerikanischen Nachkriegsgeschichte: Der Vorstadtsiedlung. In Suburbia, wo nur die wohlhabenden Amerikaner wohnen, und man noch Mastbe fr die Gesellschaft anlegen kann. Wo man noch Wunschvorstellungen und amerikanische Trume formulieren kann. Und wo man mit groen Erwartungen eigentlich nur grandios scheitern kann im familiren Super-GAU.

Jonathan Franzen - Freiheit
Verlag: Rowohlt
Erschienen: September 2010
Genre: Gesellschaftsroman
ISBN: 978-3498021290
Bindung: Hardcover
Seiten: 736
Preis: 24,95
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Nach dieser Einleitung schreibt Patty selbst nieder, wie ihr Leben an diesen Punkt kommen konnte und wie es danach weiterging als therapeutische Manahme. Da sie in der dritten Person, als scheinbar unbeteiligte Erzhlstimme, in Erscheinung tritt, denkt man oft eher an Franzen als an die fiktive Frau. Und tatschlich hat der Autor uns einiges mitzuteilen ber die Auswchse der Gesellschaft, ber Beobachtungen des sich wandelnden Alltags, ber Episoden der extremen Entwicklungen. Patty lebt ein exemplarisches Leben zwischen Schicksalsschlgen und Unentschlossenheit. Wenn Angriffe und Unflle das Leben nicht versalzen, dann ist es die eigene Unfhigkeit, einen klaren Lebensweg in Angriff zu nehmen. Allen voran ihr Liebesleben: Sie hofft auf den Rockmusiker Richard, arrangiert sich mit dem verlsslichen Walter und wre wohl mit keiner der beiden Alternativen richtig glcklich geworden. Und hier, in Ermangelung der Goldenen Mitte, versackt alles im Mittelma. Das in der Welt der groen Trume auch nichts anderes ist als unertrgliche Unzulnglichkeit.

Der Mittelteil des Romans widmet sich den Mnnern in Pattys Leben Walter, Richard und Joey und mndet in Pattys nchstem Selbst-Therapie-Versuch nach dem nchsten Super-GAU. Der Kreis schliet sich, soviel sei verraten, in einer anderen Nachbarschaft, in der die ewigen Probleme des Mittelstandes und des Mittelmaes in die nchste Runde gehen. Auch unter Schmerzen weiterspielen, so benennt der Roman Pattys prgendsten Charakterzug seit der Zeit als jugendliche Sportlerin, und so bewegt sich die Existenz auch im ewigen Schmerz des Mittelmaes weiter. Wenn die Berglunds eine Lsung finden, so muss diese wie ein Deus Ex Machina in den Scho fallen.

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