campus-web Bewertung: 4/5
   
Eine Rezension zu diesem Werk knnte im negativen Sinne auch gut in unser Ressort Campus & Karriere passen, da es die berufliche Perspektivlosigkeit von philologischen Hochschulabsolventen anschaulich und sehr unterhaltsam beschreibt. Anne Khler, eine Diplom-Kulturwissenschaftlerin, verffentlicht in ihrem Debt gesammelte und berarbeitete Eintrge ihrer Jetzt.de-Kolumne Anne und ihre Jobs. Sie zeichnet in tagebuchartiger Form chronologisch eine groe Anzahl verschiedener Nebenttigkeiten nach, mit denen sie whrend und nach ihrer Studienzeit ihren Lebensunterhalt erwirtschaftete. In Berlin, Hildesheim, Frankfurt und Israel bte sie ber einen Zeitraum von vierzehn Jahren mindestens zwanzig vllig unterschiedliche Jobs aus. Sie schlug sich etappenweise u. a. als Kchin, Hostess, studentische Hilfskraft, Lektorin, Kchenhilfe, und wiederholt auch als Praktikantin, Volontrin und Kellnerin durchs Leben. Keine dieser Ttigkeiten vermochte es gnzlich ihren Broterwerb zu sichern oder verschaffte ihr in einer anderen Form vollkommene Befriedigung. Deshalb gab sie die Ttigkeiten auf oder wechselte sie.

Klassisches Dilemma: Es muss schnellstens ein Job her!

Jedes Kapitel wird durch die berschriften Als ich war eingeleitet. Gleichwertig werden nebeneinander Ttigkeiten betrachtet, die nur einen Tag oder ganze drei Jahre andauerten und die bezahlt oder unbezahlt waren. Durch regelmiges Abwgen und Vergleichen ihrer Jobs gestaltet sich die Autorin aktuelle Ttigkeiten ertrglicher. Neben Pro- und Contra-Argumenten veranschaulichen witzige Abschnitte und Ideen auch eigene ngste, wie z. B.: Nachts trumte ich von meiner Beerdigung. Auf meinem Grabstein stand in Goldlettern: Sie war stets bemht. Der Leser mag eigene Enttuschungen in den Geschichten der Autorin wiederfinden, wenn ihr beispielsweise bei der Agentur fr Arbeit nicht weitergeholfen wird, wenn sie Silvester fr eine Ttigkeit als Kellnerin wider Erwarten keinen Zuschlag erhlt, oder wenn sie als Teilnehmerin bei einem Autorenwettbewerb nicht unter den Gewinnern ist.
Anne Khler - Nichts werden macht auch viel Arbeit

Verlag: DuMont
Erschienen: August 2010
Genre: Humor/ Reportage
ISBN: 3832195912
Bindung: Broschiert
Seiten: 144
Preis:14,95
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Ehrfurchtsvolle Unterordnung und fehlendes Selbstwertgefhl

Der Duktus des Buches ist durchaus gesellschaftskritisch, obwohl die Autorin selber nur in Anstzen Kritik an dem Missverhltnis uert, dass philologischen Hochschulabsolventen wenige Tren fr anspruchsvolle und gutbezahlte Ttigkeiten offen stehen. Beim Leser regt sich wiederholt Widerstand gegen die leicht und witzig beschriebenen Situationen, bei denen sich die Erzhlerin als engagierte Arbeitskraft ausbeuten lsst. Unkommentiert absolviert sie z. B. ein neunmonatiges unbezahltes Verlagspraktikum, bei dem sie sich durch die zugewiesenen anspruchsvollen Aufgaben schon mal berfordert fhlt. Sie schluckt rger hinunter, stellt keine Forderungen gegenber Vorgesetzten und erweist sich wiederholt als Stehaufmnnchen. Eintnige und frustrierende Jobttigkeiten hellt Khler durch Phantasiereichtum und einen hohen Grad an Vertrumtheit auf. In ihrer Funktion als Bro-Dame inszeniert sie sich schon mal als Miss Moneypenny und motiviert sich durch diesen kreativen, neuen Selbstentwurf. Wiederholt wird auch der verstndliche Wunsch geuert, dass jemand einem den Broterwerb abnehmen knnte, z. B. durch Heirat.

Wir bleiben in der Nhe wenn Herausforderungen zu Herzensangelegenheiten werden

Anne Khler verwirft mehrere Seiten lang Heiratsantrge an den Autor Tilman Rammstedt, den sie nicht persnlich kennt. Nicht Rammstedt selber, sondern sein Roman Wir bleiben in der Nhe (DuMont-Verlag, 2005) lste bei ihr Heiratsgedanken aus. Gerne mchte Khler ber eine Heirat mit dem Urheber die Lebensentwrfe seiner Protagonisten selber beeinflussen. ber ihre Bewunderung fr Rammstedt findet Khler die eigene Kraft zu schreiben. Denn das mchte sie vor allem sein, eine Schriftstellerin. Als talentierte Autorin erweist sich Khler in ihrem unterhaltsamen Debt allemal. Die Ttigkeitsbeschreibungen sind literarisch kreativ gestaltet und lassen in ihrer manchmal naiven, manchmal realittsnahen Anschaulichkeit stets auch Raum fr eigene Phantasie. Man freut sich mit der Autorin, wenn es auf dem Heimweg von einer erfolgreich bestandenen Probearbeitsschicht heit: Auf dem Heimweg sah ich die Sonne nicht nur, sondern sprte sie auch wieder.

Nichts werden macht auch viel Arbeit ist leichte Unterhaltungslektre mit witzigen, manchmal auch naiven Ideen. Jedes Kapitel wird durch ganzseitige Schwarzwei-Illustrationen von Katharina Bitzl aufgelockert. Zahlreiche interessante Berufsbereiche werden sehr persnlich und anschaulich in kurzen Abschnitten skizziert. Anne Khlers Debtroman bringt die Problematik der Ausbeutung von Hochschulabsolventen durch schlecht bezahlte Nebenjobs in das Bewusstsein der Leser, ohne die Belastung herauszustellen, die die beschriebene Lebenssituation fr Betroffene bedeuten kann. Bleibt der Autorin zu wnschen, dass es kein Fortsetzungswerk geben wird, z. B. mit der berschrift: Als ich Hartz VI-Empfngerin war, weil ich mich den Herausforderungen in Nebenjobs nicht mehr gewachsen fhlte.

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