Peter Wawerzinek
   
In der kleinen Buchhandlung reiht sich Stuhl an Stuhl, und die zuletzt kommenden Gste nehmen sogar auf Ablagebnken und Treppenabstzen Platz. Das Publikum unterhlt sich lachend und angeregt wie alte Bekannte. Als Herr Wawerzinek hinter einem Schreibtisch Platz nimmt, applaudiert es intensiv und lange und auch das journalistische Blitzgewitter lsst nicht lang auf sich warten.

Widmungen und Waschsinfonien

Peter Wawerzinek konfrontiert das Publikum mit einer sehr ungewhnlichen Lesung. Nach einer Vorstellung des Autors durch den Besitzer der Buchhandlung, Herrn Bttger, kndigt er an, seine Lesung mit dem Rezitieren der Widmungen zu beginnen. Auf diesen speziellen Einstieg folgt eine differenzierte Erklrung, wen diese Nennungen betreffen und warum diese Menschen ihre Widmung verdienen.

Wawerzineks eigentliches Werk, aus welchem er nun beginnt Stcke vorzutragen, erzhlt die Geschichte seiner eigenen Kindheit. Der Autor wurde 1954 unter dem Namen Peter Runckel in Rostock geboren. Seine Kindheit verbrachte er in verschiedenen Kinderheimen und Pflegefamilien, nachdem ihn seine Mutter in der DDR als Waise zurckgelassen hatte. Sie floh in den Westen.

Ruhig liest er von seinem ersten Aufenthalt im Kinderheim mit vier Jahren. Von seiner Weigerung zu sprechen, dem fehlenden Kontakt zu den anderen Kindern, dem mangelnden Versuch, eine neue Mutter zu finden, und seiner Kommunikation mit den Vgeln des Gartens. Er beschreibt den vergeblichen Versuch der Kchin, ihn zu adoptieren ihr Ehemann mochte keine Kinder und seine Ankunft in eine neue Pflegefamilie. Die neue Mutter war sehr diszipliniert, lebte streng nach Knigges Regeln und erwartete von ihrem Adoptivsohn, dass er es ihr nachtat. Dieser Auszug wird von Seiten des Publikums ebenso mit begeistertem Lachen kommentiert wie die Beschreibung des morgendlichen, adoptiv-vterlichen Waschrituals, welches der Stiefsohn mit klassischen Symphonien vergleicht.

Neben dem Einstieg in die Lesung, ist auch die Vortragsart des Autors sehr individuell. Er macht Pausen an den ungewhnlichsten Stellen, gelegentlich sogar mitten im Wort. Einige Passagen werden sehr schnell vorgetragen, andere so langsam und stockend, als msse sich der Autor erst mit dem Text vertraut machen.

Intensive Erinnerungen an eine Kindheit als Auenseiter

Entgegen seiner ersten Ankndigung steht der Autor nun noch fr Fragen zur Verfgung, welche er ausfhrlich und groe Bgen schlagend beantwortet. In diesem Rahmen erzhlt Wawerzinek nicht nur von der Zeit im Kinderheim, sondern auch von seiner Schulzeit. Er sei dort gerne Auenseiter gewesen, und er habe sich gerne bestrafen lassen. War er bestraft, musste er meist in der Ecke stehen, manchmal auch auf dem Flur. Einmal sei er bei einer solchen Strafe in der Schule vergessen worden und durch die leeren Rume gestrichen, welche er mit einem Dietrich geffnet habe. Er habe die Umkleidekabine der Mdchen betreten, an den zurckgelassenen Kleidungsstcken gerochen, sie angezogen und sich vorgestellt ein Mdchen zu sein. Anschlieend sei er eingeschlafen und nach seinem Aufwachen durch ein Fenster entkommen. Zuhause habe ihn erneut eine Strafe erwartet.

Unkonventionelle Recherchemethoden

Auf Nachfragen des Publikums erzhlt der Autor, dass er fr dieses Buch neun Jahre recherchiert habe. Seine Erinnerung reiche zurck bis ins vierte Lebensjahr. Dabei erklrt er auch seine besondere Art, sich an die Erlebnisse aus seiner Kindheit zu erinnern: Er gehe in den Wald und lege sich auf den Boden whrend er nach innen lausche. Diese Methode habe ihn viel weiter gebracht als das Reden mit Menschen aus seiner Vergangenheit. Nichtsdestotrotz traf sich Wawerzinek auch mit diesen. Oft sprach er beispielsweise mit Mitarbeiterinnen seines ehemaligen Kinderheims. Er betont jedoch, dass seine Erinnerungen, verglichen mit denen anderer Menschen, berdurchschnittlich genau gewesen seien.

Im Rahmen dieser Untersuchungen nahm Wawerzinek auch, entgegen des Rats seiner Schwester, erstmals nach fnf Jahrzehnten wieder Kontakt zu seiner Mutter auf. Es blieb bei einer Begegnung, doch er lernte seine acht Halbgeschwister kennen. Eine seiner Halbschwestern sei immer Mutter genannt worden, da die wirkliche Mutter selten fr die Kinder da gewesen sei. Sein Vater ist bisher nicht aufgefunden worden.

Die mehrfachen Versuche Bttgers, das Ende der Lesung und die Veranstaltungen im November anzukndigen, ignoriert der Autor geflissentlich. Viele Zuhrer verlassen die Buchhandlung aufgrund der vorangeschrittenen Zeit bereits vor dem Ende der Veranstaltung. Begleitet von erneutem Blitzlichtgewitter gibt Wawerzinek nun neben seiner Kindheit auch seine Unterschrift her und signiert die Exemplare aller Interessierten.

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