Silvia Pistotnig
   
Als die Wienerin am vergangenen Freitag ihren Debtroman Nachricht von Niemand vorstellte, waren fast alle Pltze des Pantheon belegt, unter anderem mit Gewinnern der 1LIVE-Ticketverlosung. Radio-Moderator Mike Litt leitete das Gesprch gegen 23:00 Uhr damit ein, zu erwhnen, dass die Autorin die Tsunami-Katastrophe des Jahres 2004 hautnah miterlebte. Pistotnig erklrte, sie sei an dem Morgen zum Katastrophenzeitpunkt glcklicherweise nicht am Strand gewesen. Sie sei heute von dem Erlebnis nicht traumatisiert, habe aber ber ihre Erfahrungen vor Ort berichtet.

Mike Litt kommt nun schnell auf Pistotnigs Roman zu sprechen. Nachricht von Niemand ist ein Liebesroman im modernen Medienzeitalter. Zwei einsame und zurckgezogen lebende Menschen nhern sich ber anonymen Emailaustausch einander an. Unvermeidlich stellt Litt die Frage, ob ihre Geschichte denn in Auszgen auch autobiographisch sei. Pistotnig antwortet schlicht: Es ist mir so selber noch nicht passiert.. Sie sei jedoch ebenso chaotisch und arbeite auf ebenso vielen Baustellen gleichzeitig, wie ihre erzhlende Protagonistin Luise, eine Wiener Studentin.

Bildschirmaustausch als selbstbezgliche Kommunikation

Litt lenkt das Erkenntnisinteresse des Gesprchs hin zur Frage, ob der Kontakt via E-Mail stets auch die Mglichkeit bietet, sich in Kontakten zurckzuziehen und abzuschotten. Das Gegenber bleibe ja stets virtuell und damit unsichtbar. Die Kommunikation via Internet-Tools sei so auch Kommunikation mit dem Selbst, da man in den potentiellen Email- oder Chatpartner hineininterpretieren knne, was man sich selber wnsche. Pistotnig gesteht Litt gegenber ein, dass ihr persnliche Kontakte lieber seien, als der meist durchaus praktischere Kontakt via Email.

Als ersten Buchausschnitt liest Silvia Pistotnig eine Email des Protagonisten No-one[at]hotmail.com vor, dessen Mitteilungen mit einem K. signiert sind. Es ist K.s zweite Nachricht an Luise, kurz Lu, deren Adressfeld alleswirdbesser[at]gmx.at ihn zu seinem Text inspirierte. Ihre Emailadresse, die er angeblich in einem Verteiler fand, war fr ihn wie ein Hoffnungsschimmer, ein Zeichen. Im Roman gibt es verschiedene Erzhlstrnge neben den integrierten Email-Korrespondenzen.

Der von der Autorin nun vorgetragene Text wirkt sehr konzentriert und ruhig. Er entspricht nicht gngigem Email-Jargon. Der Text behandelt Einsamkeit und die Angst vor anderen Menschen. Es werden in ihm auch akustisch ins Off hinein Fragen gestellt, wie etwa Mchten Sie mir zuhren?.

Die Einsamkeit des Schreibenden und die Suche nach Nhe

Nach einer kurzen Pause, in der 1LIVE-DJ Larse in Musikbeats berblendet, entsteht ein Gesprch ber die Werkgenese des Romans. Nachricht von Niemand war fr Pistotnig eine lange Geburt von etwa sechs Jahren. Es gab einige befreundete Mitwisser, welche der Autorin motivierend beistanden. Insgesamt sei Schreiben jedoch eine einsame Kunst. Ihre Figuren schlugen andere Wege ein, als dies beabsichtigt war. Sie gewannen dadurch an Komplexitt.

Im weiteren Verlauf der Radioaufzeichnung lernen wir noch einige Details vom Privatleben der Romanfigur Lu kennen. Die Autorin trgt weitere Textauszge vor. Bei Lu weckt K. mit seinen ungewhnlichen Emails Interesse. Obwohl diese ihr zunchst suspekt sind, versucht sie gut ber ihren Urheber zu denken und antwortet schlielich.

Auerdem gert sie dank des geheimnisvollen Schriftverkehrs ins Grbeln ber den eigenen Lebensentwurf. Ihre Daueraffre mit einem selbstbezogenen, erfolgreichen Anwalt langweilt sie. Ihre Beziehung zu ihm kann sie fr sich nicht befriedigender gestalten, da sie keine eigenen, den Kontakt betreffenden Wnsche umsetzt. Ein Ventil fr ihre daraus hervor gehende Frustration findet sie in ihrer Phantasie, in der sie als Wlfin den Liebhaber zerfleischt. Ihren Wunsch, einen befriedigenderen und ehrlicheren Kontakt zu gestalten, thematisiert sie schlielich in ihrem Emailkontakt zu K.

Das Phnomen des Verrcktseins: zum familiren Hintergrund der Protagonistin

Zusammen mit ihrer kleinen Schwester Marion wuchs die Romanfigur Lu in einer sterreichischen Kleinstadt auf und litt unter der alleinerziehenden, psychisch kranken Mutter. Lus schwierige Kindheit hat sie fr ihr Leben geprgt und ihre Unsicherheiten entscheidend mit initiiert. Mike Litt hebt im Gesprch mit Silvia Pistotnig hervor, dass die psychisch kranke Mutterfigur nicht autobiographisch motiviert ist, wie er in Recherchen herausfand. Pistotnig meint, ihr habe bei ihrer Ausarbeitung dieser Figur eine pdagogisch geschulte Freundin geholfen. Das Phnomen des Verrcktseins veranschaulicht sie in verschiedenen Zwischentnen.

Die kurzweilige Radioaufzeichnung schliet mit dem Vortrag eines aufwhlenden Romanabschnittes. In einer Rckblende in die Vergangenheit der Protagonistin wird von der Wahnhaftigkeit der Mutter erzhlt. Die Veranstaltung schrt insgesamt Neugier auf das Buch, weil viele naheliegenden Fragen offen bleiben: Werden sich die Romanfiguren Lu und K. im realen Leben begegnen? Ist K. mglicherweise eine Frau? Knnen sich ihre hnlichen Lebensauffassungen und ngste mglicherweise ergnzend befruchten? Knnen Lu und K. eine neue Lebensperspektive fr sich entwickeln? Da ist eine Email an Versandbuchhandlungen nahezu vorprogrammiert.

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