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Kann eine einzelne Langspielplatte genug Stoff fr seine eigene Biographie bieten? Da muss schon eine spannende Geschichte hinter dem Songwriting, den Aufnahmen und der Verffentlichung stehen, damit man nicht nur eine Funote oder ein Kapitel hinbekommt, sondern gleich ein ganzes Buch. Nun handelt es sich bei Bob Dylans Highway 61 Revisited aus dem Jahr 1965 nicht nur um eine stets hochgelobte Platte, und beim darauf vertretenen Song Like A Rolling Stone nicht nur um einen unantastbaren Rock-Klassiker. Das Album wird eigentlich erst dadurch richtig interessant, dass es die Begleitmusik zum vermutlich spannendsten Abschnitt von Dylans Karriere darstellt. Der Musikjournalist Colin Irwin hat das erkannt und nutzt Highway 61 Revisited als Aufhnger fr eine genaue Betrachtung des Musikers wie kam er dazu, seinen Stil so radikal weiterzuentwickeln, und wie reagierte die Welt darauf?

Hintergrnde und Tangenten

Irwins Strke ist definitiv das Aufzeigen von Hintergrnden. Zum Einstieg wird direkt der amerikanische Mythos vom Highway 61 erklrt, um die Bedeutung des Albumtitels aufzuzeigen. Auch im weiteren Verlauf nimmt sich der Autor die Zeit, Details aufzugreifen und als Absprung fr eine Tangente zu nutzen. Die Lebensgeschichte eines Session-Musikers, die Story, die in einem Song nur angedeutet wird, die Entstehung des wichtigen Newport-Folkfestivals im Internetzeitalter knnte man all diese Informationen per Hyperlink erforschen, nur verlre man dabei wahrscheinlich schnell das eigentliche Thema aus den Augen. Irwin kehrt dagegen stets rechtzeitig zurck zum eigentlichen Kern seiner Betrachtung. Der grte Exkurs, den er sich leistet, ist gleichzeitig auch der wichtigste: Was machte Dylan in den Jahren vor Highway 61 Revisited? Wieso unterschied sich sein neuer Stil so grundlegend von dem, was ihn berhmt gemacht hatte? Und wieso konnte seine Vernderung so starke Reaktionen hervorrufen?

Colin Irwin Bob Dylan - Highway 61 Revisited: Ein Album schreibt Geschichte

Verlag: Edel
Erschienen: September 2010
Genre: Musik/ Biographie
ISBN: 978-3941376175
Bindung: Hardcover
Preis: 19,95
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Der Schlssel zur Bedeutung der Platte findet sich nmlich in Dylans Verhltnis zur Folk-Bewegung. Mit Wandergitarre und Mundharmonika hatte er Songs ber den Mann von der Strae zum Besten gegeben, pointiert wie kaum ein anderer vor ihm. Die Brgerrechtsbewegung verehrte ihn fast wie einen Messias, und seine musikalische wie auch private Partnerschaft mit der Folk-Ikone Joan Baez war fast zu schn, um wahr zu sein. Dylan wollte aber nicht verehrt werden, und dann wollte er auch noch E-Gitarren. Experimente mit elektrisch verstrkten Instrumenten wurden in der Folk-Szene nicht gern gesehen die Musik sollte schlielich nur den Text transportieren, ihn auf keinen Fall bertnen. Der unfreiwillige Star sah den Folk jedoch nicht als den Zenit seiner Karriere, sondern nur als eine Entwicklungsstufe. Dreckig, wtend und beleidigend wurden seine Songs, und er hatte einen unheimlichen Spa dabei. Like A Rolling Stone ebnete ihm den Weg in den Mainstream. Sein letzter Auftritt in Newport wurde fr ihn und die ganze Szene das Ende einer ra.

Vom Experten, berwiegend fr Uneingeweihte

Ein paar Vorkenntnisse ber Dylan sollte der Leser natrlich mitbringen. Insgesamt berwiegt aber der Eindruck, dass hier ein Experte fr Uneingeweihte schreibt. Selbst ein Schlagwort wie Motown erhlt eine Funote, die wohl kein Musikliebhaber brauchen wird. Teilweise grenzt Irwin sich bewusst von den selbsternannten Dylanologen ab. Aus der wilden Interpretation der Songtexte, der Jagd nach realen Personen, die von Dylan besungen bzw. angegriffen werden, hlt er sich grtenteils raus. Nur manchmal wirkt es so, als zeige er die Theorien nicht nur aus Grnden der Vollstndigkeit auf, sondern auch aus eigenem Eifer. Und wenn dann die Details des Aufnahmeprozesses aufgezhlt werden, wenn minutis niedergeschrieben wird, wann welcher Take eingespielt wurde, dann fllt Irwin auch schon mal in die Fan-Falle zu viele Einzelheiten, zu wenig Abwechslung. Insgesamt kann der Zoom auf Dylans Karriere aber unterhalten und erhellen.

Einen kleinen Abstrich gibts brigens fr die deutschen Lektoren (beziehungsweise ihr Fehlen). So wird in besagter Motown-Funote der Name des berhmten Labels tatschlich falsch geschrieben zweimal, auf unterschiedliche Weisen. Vergleichsweise unauffllig und dadurch eigentlich schdlicher kann die bersetzung sich dann nicht darauf einigen, ob Dylans skandaltrchtiger Newport-Auftritt am 25. Juni oder am 25. Juli 1965 stattfand (richtig ist der Juli). Wenn die vom Folk verpnten verstrkten Instrumente dann auch noch als elektronisch statt als elektrisch beschrieben werden, verwischt die deutsche Fassung achtlos die musikalischen Genregrenzen. Hier sollte in Zukunft ein wenig mehr Aufmerksamkeit herrschen, schlielich zahlt man nicht fr den aufwndig gestalteten Umschlag, sondern vielmehr fr den Inhalt.

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