Der Begriff Stunde Null wurde nach dem 8. Mai 1945 angewendet und implizierte ein Schweigen ber die deutsche Kriegsvergangenheit. berlebende des Holocaust haben oft lange gewartet, bevor sie ihre Lebenserinnerungen niederschrieben. So auch die 1931 in Wien geborene Ruth Klger, die einen Teil ihrer Kindheit als inhaftierte Jdin im KZ Ausschwitz verbrachte. Sie konnte gegen Kriegsende zusammen mit ihrer Mutter fliehen. Nach ihrer Ausreise in die USA und der eigenen Familiengrndung litt Klger nach eigener Aussage darunter, ihren in Amerika aufwachsenden Shnen die eigene Vergangenheit vorzuenthalten. Heute ist das autobiographische Werk Weiter leben Eine Jugend (1992) der emeritierten und vielfach ausgezeichneten Germanistikprofessorin eines der literarischen Standardwerke zum Thema Vergangenheitsbewltigung nach 1945.

Die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart berwinden

Auf der Frankfurter Buchmesse sprach die Literatur-Journalistin Iris Radisch von DIE ZEIT eine halbe Stunde lang mit Ruth Klger ber ihr literarisches Werk, den Holocaust und darber, ob weibliche Autoren mglicherweise anders schreiben. Klger fiel es in den 90er Jahren sehr schwer, fr ihre Erinnerungen den richtigen Ton zu finden. Der Suhrkamp-Verlag lehnte ihr Projekt weiter leben als zu wenig literarisch ab. Sie fand einen anderen Verleger und besagtes Werk, eines der wenigen Holocaust-Zeugnisse einer Frau, groe Anerkennung. Begrndet wurde diese Anerkennung auch durch eine begeisterte Besprechung von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett. Klger erklrt im Buchmessegesprch, dass besonders ltere, mnnliche Autoren weibliche Inhaftierte oft als minderwertige KZ-Opfer betrachteten und ihnen wertvolle Holocaust-Zeugnisse absprachen. Klger ist es wichtig, ihre Wut ber ihre weibliche Auenseiterrolle in der Literatur, und spter auch ihre weibliche Auenseiterrolle als Universittsprofessorin im akademischen Bereich, gelegentlich in der ffentlichkeit zu zeigen, als eine Seite, die nicht allen angenehm ist.

Keine ausladende, literarische Inszenierung

Iris Radisch wirft whrend des Gesprchs mit Klger einen Blick auf das Programm der diesjhrigen Frankfurter Buchmesse. Sie meint, dass ihr sympathisch sei, dass Klger in ihren Autobiographien nicht hnliche Hhen erklimmen wrde, wie beispielsweise ihre ebenfalls kanonisierten Altersgenossen Gnter Grass oder Martin Walser. Grass und Walser messen sich in ihren Lebensrckblicken Grimms Wrter. Eine Liebeserklrung (2010), bzw. Ein liebender Mann (2008) an den Gebrdern Grimm, bzw. Goethe. Radisch lobt den nchternen Berichtston Klgers auch mit Bezugnahme auf ihre zweite Autobiographie unterwegs verloren. Erinnerungen (2008). Ihre Erzhlweise sei keine ausladende, literarische Inszenierung, wie etwa bei Grass oder Walser, sondern knapp, unprtentis und schonungslos. Keineswegs akademisch ausgefallen, sondern in einem stets sehr klaren und leicht zugnglichen Schreibstil lasse Klger Unvershnlichkeit nicht nur gegenber anderen, wie u. a. gegenber ihrer Mutter walten, sondern immer auch sich selbst gegenber, lobt Radisch. Klger erwidert, sie habe keine Lust an Verrtselungen und verwerfe in ihren Werkentwrfen oft zu komplexe Einzelheiten wieder.

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