Wladimir Kaminer ist ein lustiger Zeitgenosse. Das sieht man gleich. Eigentlich hat er noch gar nicht viel gemacht: Eben erst hat er die Bhne betreten und jetzt steht er da, schlicht gekleidet, in Jeans und leicht zerknittertem weiem Hemd, und schaut mit seinen groen braunen Augen ins Publikum. Irgendwie will man schon lachen. Wie macht er das blo? Ich geh mir jetzt erstmal einen Stuhl holen, sagt er mit deutlich hrbarem russischen Akzent. Klar, so eine Lesung kann ja schon mal anstrengend werden. Dann fngt Kaminer an zu erzhlen: Von den Finessen der kaukasischen Mode zum Beispiel. Unglaublich, was man auf den dortigen Mrkten alles ergattern knne: vergoldete Sportanzge, Designer-Taschen in Hlle und Flle oder Kleinodien wie einen Grtel mit einem Batzen Dollarnoten als Schnalle. Letzteren hat Kaminer gleich mitgebracht und prsentiert ihn stolz dem Bonner Publikum - als Anschauungsobjekt und vielleicht auch als Beweis: dafr, dass seine Geschichten aus dem Leben gegriffen sind.

Mysterise Hotels und kaukasische Schwiegermtter

Um Missverstndnissen vorzubeugen: Es ist keineswegs eidesstattlich bezeugt, ob Frau Kaminer auf der Suche nach einer Handtasche fr ihre beste Freundin tatschlich stundenlang durch kaukasische Taschenberge stiefelte immer Ausschau haltend nach einem Exemplar, das gut, aber eben nicht zu gut sein sollte. Man kann Kaminers Erzhlungen also bestimmt nicht als Eins-zu-eins-Abbildungen seiner persnlichen Realitt verstehen. Trotzdem haben seine Geschichten, so scheint es zumindest, immer einen biographischen Anstrich: Ob er nun vom mysterisen Hotel seines letzten Rgen-Urlaubs berichtet oder, wie in seinem neuen Buch, von der kaukasischen Schwiegermutter immer glaubt man, ein mehr oder weniger zugespitztes Stck vom Menschen Kaminer darin zu finden.

Helden des Alltags

Wladimir Kaminer, der seit 1990 in Berlin lebt, hat in seinem Leben schon so ziemlich alles gemacht: Er war Toningenieur, Hilfsarbeiter und Germanistik-Student und arbeitet heute unter anderem als Schauspieler, Kolumnist und Fernsehmoderator. Nicht zuletzt ist er natrlich Schriftsteller - seine Texte verfasst er brigens auf deutsch. Quasi ber Nacht berhmt geworden ist Kaminer mit seiner 2002 erschienenen Erzhlsammlung Russendisko, in der er mit feiner Beobachtungsgabe skurrile Szenen des Berliner Lebens und seiner Protagonisten schildert. Aber nicht nur diese Vorliebe fr die Helden des Alltags (der Titel eines seiner Bcher) zieht sich wie ein roter Faden durch seine Texte. Ebenfalls leidenschaftlich gern widmet sich Kaminer deutsch-russischen Klischees, die er selbstredend mit einer gehrigen Portion Ironie kommentiert.

Russische Seele vs. deutsche Ordnung?

Kein Wunder also, dass auch an diesem Abend die russische Seele und die deutsche Ordnung aufs Tapet kamen. Dass sich das bunt gemischte Bonner Publikum herzlich wenig um solche vermeintlichen Differenzierungen scherte, wurde bei der anschlieenden legendren Russendisko deutlich, zu der Alt und Jung, Russen und Deutsche, das Tanzbein schwangen. Kaminer, der selbst an den Turntables stand, schien seine Musik einen nochmaligen Energiekick gegeben zu haben. Jedenfalls stand er nach eineinhalbstndiger Lesung putzmunter auf der Bhne, hopste hin und her und schmetterte das ein oder andere Lied enthusiastisch in seinem Mikrofon mit.

Alles in allem ein beraus vergnglicher Abend!

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