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Volker Harry Altwasser, Letzte Fischer (Matthes und Seitz Berlin, September 2011) Zum Autor: Jahrgang 1969. Gelernter Elektronikfacharbeiter, Reichsbahn-Heizer. Wassermensch: NVA-Matrose. Fregatten-Gefreiter, Beförderungs-, weil Schiffsverpasser. Zuletzt kam er zum Schreiben. Deshalb sind seine Titel das Letzte. Zum Buch: Eine Frau. Ihr Auftrag: Geleitschutz für einen Walfänger. Die Wellen hoch, das Leben rau, die Männer hart. Die Liebe zart, die Affäre gefährlich. Nicht nur das Meer unzähmbar. Der Stiefvater auf letzter Fahrt. Dem Wunsch der Frau folgend. Dort hofft er Kurznasenfledermäuse zu häuten. Wie Erzählen das Leben rettet. Ein Walgesang auf das Meeresleben und Ende der ausritualisierten Männerwelt. Jan Brandt, Gegen die Welt (DuMont, August 2011) Zum Autor: Jahrgang 1974. Nicht leer, sondern da kommt er her. Am dem Geburtsort himmelsrichtungstechnisch entgegengesetzten Zipfel der Republik journalistisch geschult. Zum Buch: Kühe auf der Weide, gewachste Neuwagen in der Einfahrt, umraht von getrimmten Tujenhecken. Das ist Dorf. Das ist Osfriesland. Geringe Möglichkeiten. Aber die Fantasie des Sprosses einer Drogistendynastie ist groß. Normalität war gestern. Kornkreise und Hakenkreuze sind heute. Und immer ist ein Schuldiger zur Hand. Ein Netz. Ein Verstrickter. Allein gegen alle. Michael Buselmeier, Wunsiedel (Das Wunderhorn, März 2011) Zum Autor: Jahrgang 1938. Zwar gebürtiger Berliner, aber Heidelberger aus Passion. Ausgebildeter Schauspieler. Zum Buch: Wunsiedel liegt in Oberfranken. Dort gibt es die Luisenburg-Festspiele. 1964 bedeuten sie für den schauspielernden Erzähler leidvolle Wochen. Jahrzehnte später hat der Himmel gewechselt. Am Ende der Straße in die romantische Vergangenheit liegt das Grab von Rudolf Heß. Denn Wunsiedel hat Jean Paul geboren und Heß beerdigt. Aber wer weitergeht, hat die Chance auf einen Neuanfang. Alex Capus, Léon und Louise (Hanser, Februar 2011) Zum Buch: 1. Weltkrieg. Liebe. Trennung. Man hält sich für tot, vergnügt sich anderweitig, trifft sich wieder. In Paris. Wo sonst. Wilhelm Genazino, Wenn wir Tiere wären (Hanser, Juli 2011) Zum Autor: Jahrgang 1943. Georg-Büchner-Preisträger. Zum Buch: Die moderne Welt will so viel. Der Mann kann so wenig. Wie soll man da zurecht kommen? Plötzlich sind es drei Frauen. Ach, wenn wir doch Tiere wären und die täglichen Zumutungen einfach übersehen könnten! Navid Kermani, Dein Name (Hanser, August 2011) Zum Autor: Jahrgang 1967. Habilitierter Orientalist. Erhielt 2009 doch den Hessischen Kulturpreis. Zum Buch: Unter der Welt mache ich es nicht. Wenn schreiben, dann über alles, was es zu wissen gibt. Über mich, mein Leben, unser Leben, das Leben. Und einen Großvater, der von Nahost nach Deutschland geht. Esther Kinsky, Banatsko (Matthes und Seitz Berlin, Januar 2011) Zum Autor: Jahrgang 1956. Wandlerin auf den Spuren der umziehenden Ministerien. Autorin, Slawistin und Übersetzerin. Zum Buch: Feier für eine Landschaft. Sehnsucht nach Banat. Irgendwo zwischen Ungarn, Serbien und Rumänien. Mitten in Europa und doch jenseits der Welt. Die Straßen halbverfallen. Die Natur wuchernd, sirrend, flirrend. Das Inventar: Das Kino, die Bewohner, eine Liebe. Das Zuhause. Das Leben riechen. In Stille ereignet sich Welt. Der Schmerz, der in den Dingen wohnt, wird gefühlt. Nicht beklagt. Angelika Klüssendorf, Das Mädchen (Kiepenheuer & Witsch, August 2011) Zum Autor: Jahrgang 1981. Leipzigerin, die 1985 rübermachte. Jetzt in Berlin. Wo sonst. Zum Buch: Ein Mädchen. Jung – natürlich. Stark – natürlich. Allein – natürlich. Die Eltern, der Lehrer, der Staat. Tyrannisch, versoffen, bürokratisch. Natürlich. Die Welt eine Kapsel. Brehms Tierleben als Hort einer Kraft. Man muss sich holen, was man braucht. Und auch Heime bieten Kindheit. Doris Knecht, Gruber geht (Rowohlt.Berlin, März 2011) Zum Autor: Jahrgang 1966. Österreicherin. Journalistin – witzig. Sagt man – in Österreich. Rhiz-DJane. Zum Buch: Das war es mit dem Kragen des Karrieristen. Ihm geht es dran. Ein zynischer Bescheidwisser ist kein cooler, sexy Superheld. Sondern nur ein zynischer Bescheidwisser. Ein Tumor wird zur Lernhilfe. Die Welt gerät aus den Fugen. Alles wird wieder heil. Nur besser? Peter Kurzeck, Vorabend (Stroemfeld, März 2011) Zum Autor: Jahrgang 1943. Döblin-Preisträger. Erzählt. Eigenwillig, detailliert, von sich. Konserviert die gelebte Zeit. Sein Projekt heißt "Das alte Jahrhundert". Zum Buch: Ein langes Wochenende im Herbst. Der Erzähler ist müde. Will schlafen. Um ihn herum vertraute Stimmen. Auch in seinem Kopf. Er muss erzählen. Eine lange Reise. Wir begleiten ihn in das Land seiner Kindheit. Gestern noch hier und jetzt ein versunkenes Land. Man muss die Gegend erzählen. Und die Zeit. Ein ganzes Zeitalter und jeder Augenblick fängt zu reden an. Im Sommer 2010 vom Autor öffentlich diktiert. Ludwig Laher, Verfahren (Haymon, Februar 2011) Zum Autor: Jahrgang 1955. Österreicher. Lebt in St. Pantaleon. So heißen in Oberösterreich nicht nur Kirchen, sondern auch Orte. Zumindest einer. Zum Buch: Kosovo. Krieg. Schlecht, wenn man als Serbin in der Minderheit ist. Gewalt. Traumatisierung. Selbstmordversuche. Dann lieber Österreich. Doch dort mahlen die Mühlen des Asylrechts. Nur recht ist daran nichts. Sibylle Lewitscharoff, Blumenberg (Suhrkamp, September 2011) Zum Autor: Jahrgang 1954. Bachmann-Preisträgerin. Zum Buch: Ein Philosoph. Ein Arbeitszimmer. Und plötzlich liegt darin ein Löwe. Niemand sieht ihn. Den Philosophen stört er nicht. Ein Ulk oder doch eine Auszeichnung? Doch der Löwe bewegt. Auch andere Menschen. Der Weltbenenner begegnet – dem Unbenennbaren. Wir nennen es Löwe. Thomas Melle, Sickster (Rowohlt.Berlin, September 2011) Zum Autor: Jahrgang 1975. Geborener Bonner. Studierter Philosoph. Theaterautor, auch wenn das Herz ein lausiger Stricher ist. Übersetzer, auch wenn Gloria Huren bekommt. Zum Buch: Das Leben schnellt dahin – vorbei. Die Front der Konsumwelt. Der Idealist als gedachter Loser und von schläferischer Wut getragener Ölkonzernkundenblattautor. Der Manager, der leidet: Am Sex. Am Alk. Am Clubbing. Am Moloch. Eine Freundschaft. Einstürzende Fassaden. Eine Dreiecksbeziehung. Und die Suche nach der Wahrheit im Wahn. Klaus Modick, Sunset (Eichborn, Februar 2011) Zum Autor: Jahrgang 1951. Ehemaliger Stipendiat der Villa Massimo. Promovierte über lion Feuchtwanger. Zum Buch: Brecht ist tot. Exilanten sind eine aussterbende Rasse. Vor allem die großen. Und deutschen. Lion Feuchtwanger lebt noch im Schatten der Argwöhnerchargen in Kalifornien. Was ist: August. Was war: die Freundschaft zu Brecht. Aber warum schreibe ich? Trauer, Traumata, Schuld – und Liebe. Die Sonne geht unter. Die Bilanz ist gezogen. Astrid Rosenfeld, Adams Erbe (Diogenes, Februar 2011) Zum Autor: Geborene Kölnerin. Später gelebte Kalifonierin. Versuchte Schauspielerin. Direktierende Casterin. Zum Buch: 1938 – 2004. Zwei Welten. Zwei Männer. Adam und Edward. Edward gleicht Adam. Sagt man. Zwei Generationen trennen sie. Aber eine Gesichte vereint sie. Den Familienbande sind mächtig, Wahlverwandschaften kräftig. Auch wenn Adam ein schwarzes Schaf ist. Sein Vermächtnis bleibt. Wann ist es Zeit zu träumen – und wann zu suchen? Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts (Rowohlt, September 2011) Zum Autor: Jahrgang 1954. Am Ural geboren. In Ostberlin studiert und der Physik der Erde gewidmet. In den Westen gegangen. Döblin-Preisträger. Zum Buch: Eine deutsche Familie. Eine deutsche Geschichte. Flucht. Exil.Wende. Heimkehr. Altern. Mexiko, Sibirien, Deutschland. Gipfel und Abgründe der Geschichte. Drei Generationen. Und ein Glaube. An Veränderung. Aber die Strahlkraft der politischen Utopie verdunkelt sich. Es ist die Zeit des abnehmenden Lichts. Judith Schalansky, Der Hals der Giraffe (Suhrkamp, September 2011) Zum Autor: Jahrgang 1980. Studierte Kunstgeschichtlerin und Kommunikationsdesignerin. Zum Buch: Die Weisheit der Biologielehrerin: Anpassung ist alles. Die Welt schrumpft im vorpommerschen Hinterland. Der DDR-Kuhbesamer wird zum Straußenzüchter. Die Tochter verweigert sich der Besamung. Die Erde dreht sich – noch. Aber man verweigert sich dem Lauf der Natur. Auch wenn ihn der Unterricht beschwört. Doch Gefühle dämmern und die Biologie wankt – samt der Welt. Es lässt sich nicht retten, was nicht zu retten ist. Auch so eine Weisheit. Jens Steiner, Hasenleben (Dörlemann, Februar 2011) Zum Autor: Jahrgang 1975. Schweizer. Zum Buch: Koffer auf und Leben raus und alles neu. Vagabunden in der Schweiz: eine Mutter, ihre Kinder. Der Traum von der Familie. Die Nächte lang, die Keller dunkel, die Kinder allein. Blicke durch den Türspion. Schnitte in der Haut. Ein Mann taucht auf. Sie haut ab. Die Welt gerät aus den Fugen. Marlene Streeruwitz, Die Schmerzmacherin (S. Fischer, September 2011) Zum Autor: Jahrgang verweigert. Österreicherin. Schrieb mal für "Natur ums Dorf". Zum Buch: Verschleppen, Verschwinden. Einsperren, Foltern. Sicherheitsdienst nennt sich das. Privat nennt sich das. Geheim nennt sich das. Doch die Ahnung ist da. Doch was ist Realität? Und wie soll man sie wahrnehmen? Fähigkeit zum Verrat. Nicht ob. Sondern nur wer. Und wann. Antje Rávic Strubel, Sturz der Tage in die Nacht (S. Fischer, August 2011) Zum Autor: Jahrgang 1974. Ausgebildete Buchhändlerin. Studierte Psychologin. Gearbeitete Off-Off-Beleuchterin. Name selbstostifiziert. Schweden als Sehnsuchtsland. Auch wenn es das Sommerhaus nicht mehr gibt. Zum Buch: In der Ostsee gibt es Inseln. Darauf gibt es Vögel. Und Menschen, die sie beobachten. Und in die Mann sich verlieben kann. Die Vergangenheit reizt – und verfolgt. Man jagt ihr nach – und rennt vor ihr weg. Nicht nur die Vögel sind gefährdet. Sondern die Fangarme untergegangener Systeme lang.
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