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Eigentlich ist die geistige Gesundheit des Menschen das große Thema von Jussi Adler-Olsens 1997 erschienenem Debütroman Das Alphabethaus, der nun erstmalig in deutsche Sprache vorliegt. Eigentlich geht es darum, was die psychiatrischen Behandlungsmethoden der 1940er Jahre mit einem Mann anstellen können. Eigentlich. Tatsächlich steht aber ein versteckter Nazi-Schatz im Mittelpunkt der Handlung um die beiden britischen Piloten Bryan und James, die 1944 bei einem Aufklärungsflug abgeschossen werden und denen es gelingt, sich als geistesgestörte SS-Offiziere in ein Speziallazarett bei Freiburg bringen zu lassen. Zwischen Elektroschocks und experimentellen Drogen versuchen die Beiden, bei Verstand zu bleiben und gleichzeitig ihre Tarnung aufrecht zu erhalten. Doch schnell merken sie, dass sie nicht die einzigen Simulanten in dem so genannten Alphabethaus sind – und den anderen ist jedes Mittel recht, um das Geheimnis ihrer versteckten Reichtümer zu wahren. Schließlich kann Bryan entkommen, muss aber James zurücklassen. Eine Tat, die ihn fast 30 Jahre lang verfolgt, bevor die Geschehnisse um das Alphabethaus endlich ihre Auflösung finden. Die Jagd nach dem Nazi-Schatz Adler-Olsen hatte sich für seinen Erstling keine leichte Aufgabe gestellt – und sich letztlich übernommen. Auch wenn ihm als Sohn eines Psychiaters das theoretische Gerüst zu einem in einer Irrenanstalt handelnden Roman zur Verfügung stand, reichte dies nicht für einen gelungenen Thriller. Denn dazu gehört mehr: Überzeugende Charaktere, eine konsistente Handlung und vor allem jede Menge Atmosphäre – das ABC des Schreibens. An all diesem mangelt es dem Alphabethaus. Während die Piloten James und Bryan noch gelungen dreidimensional wirken, sind ihre Gegenspieler einfallslos, platt, bedienen die klassischen Stereotypen von Nazi-Schergen a la James Bond (bei dem hünenhaften Lankau fehlte lediglich das Stahlgebiss, bei dem ominösen Postboten eine weiße Katze). Die Handlung dagegen weist zahlreiche logische Fehler auf: Warum kennt niemand im Lazarett Arno von der Leyen, dessen Identität Bryan angenommen hat, obwohl dieser Mann ein besonderer Vertrauter Hitlers gewesen sein soll und der einzige Grund ist, warum die Gruppe der Simulanten überhaupt behandelt wird? Warum wird immer wieder betont, wie gut die Bewachung des Lagers ist, nur um schließlich Bryan, seinen Freund zurücklassend, mit angeknackstem Fuß entkommen zu lassen – und zwar gleich noch von zwei Feinden verfolgt? Abzieh-Nazis und logische Fehler Und schließlich die Atmosphäre, essentiellstes Element eines jeden guten Thrillers. Adler-Olsen hat den ersten Teil des Romans in das weltkriegszerrüttete Nazi-Deutschland verlegt – einen guten Grund gibt er dazu in seinem Nachwort aber nicht an. Stattdessen versucht er sich in Plattitüden und lässt die dunkle Zeit des Dritten Reichs in seinem Roman nie Wirklichkeit werden. Zumal sich das Setting weitgehend über die Personen definiert, über die Nazi-Wärter und die Pflegerinnen, über die Entlassenen, die fröhlich und traurig-plattitüdenhaft ihren Arm zum Hitlergruß heben. Der Krieg außerhalb der Mauern der Anstalt spielt kaum eine Rolle, nur einmal sorgt ein Fliegeralarm für einen Deus-Ex-Machina-Effekt, um eine der Hauptfiguren nicht zu früh sterben zu lassen. Lediglich die dunkle Stimmung innerhalb der Station, wenn die Patienten unter sich sind und sich die Handlung zum Kammerspiel wandelt, entfacht hier und da einen Funken von Begeisterung. In diesen Momenten zeigt Adler-Olsen, warum er heutzutage ein derart beliebter Schriftsteller ist, hier beweist er einen Anflug von echter Genialität. Dennoch, insgesamt kann der erste Teil nur bedingt überzeugen. Jussi Adler-Olsen – Das Alphabethaus Verlag: dtv Erschienen: 23. Januar 2012 Genre: Thriller ISBN: 978-3423248945 Bindung: Taschenbuch Seiten: 592 Preis: 15,90 Euro Direkt bestellen Und schon wieder vorbeigelaufen! Noch schlimmer wird es allerdings im zweiten Teil des Buches. Bryan, inzwischen ein erfolgreicher Unternehmer und Arzt, bedauert immer noch das Zurücklassen von James 28 Jahre zuvor. 1972 kehrt er schließlich nach Freiburg zurück, um mit der Vergangenheit abzuschließen. Warum Adler-Olsen den Terroranschlag auf die Olympischen Spiele in München dabei in die Handlung einbezieht, ist völlig unklar – dramaturgisch ergibt dies keinen Sinn. Ebenso wenig wie die ständig aneinander vorbeilaufenden Protagonisten, die oft nur Meter oder Minuten voneinander entfernt auf der Suche nach den erfreulicherweise alle in einer Stadt lebenden Nazi-Simulanten sind. Diese wiederum sehen ihren Reichtum in Gefahr, ihren Schatz – und schlagen, obwohl sie doch hochdekorierte SS-Offiziere und eiskalte Killer waren, mit einer erschreckenden Stümperhaftigkeit zurück. Wer mit einer fehlerhaften und schlecht ausgerichteten Waffe zu einem Attentat geht, ist selber schuld... Stilistisch mischt Adler-Olsen in diesem zweiten Teil altbackene Thriller mit einer ordentlichen Portion Rosamunde Pilcher (letztere vor allem in der Beziehung zwischen Schwester Petra und ihrem Lieblingspatienten) zu einer trägen und vorhersehbaren Masse. Von Spannung keine Spur. Und so endet Das Alphabethaus schließlich da, wo auch jede zweite Südengland-Schnulze ihren Abschluss findet: An den windumtobten Kreidefelsen von Dover. Diese Ähnlichkeit ist das Tragischste des gesamten Romans und ein bitterer Schlag für alle Thriller-Fans. Nur eins ist beruhigend: Die kommenden Werke von Jussi Adler-Olsen werden besser sein. Carl Mørck sei Dank.
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