Amazon


   
 

   
Wir befinden uns in einem kleinen Buchladen auf der Sülzburgstraße in Köln. Alle Geschäfte sind um kurz vor acht an einem Mittwochabend im November schon zu, nur der kleine Laden hat seine alte Tür noch offen, um neugierige Literaturliebhaber zu begrüßen. Für sieben Euro ist auch ein Glas Wein mit drin. Die Kartenständer wurden in die Ecken geschoben, blaue Klappstühle um die Kasse aufgebaut. Ich nehme Platz zwischen Kinder- und Jugendliteratur und den Sachbüchern. Hier fühle ich mich wirklich wohl. Der Buchladen an der Sülzburgstraße hat die junge Autorin Alina Bronsky zu Gast. Mitgebracht hat sie ihren erfolgreichen Roman Scherbenpark. Alina Bronsky ist ihr Künstlername. Ihren wahren Namen verrät sie uns nicht. Bei dem Heimspiel ihres Verlages Kiepenheuer & Witsch lässt es sich ihr Lektor nicht nehmen, seine Autorin persönlich vorzustellen. Ihr Scherbenpark brachte ihr Glück, denn Alina Bronsky gehört zu den Wenigen, die es geschafft haben. Sie hat ihr unverlangtes Manuskript per Mail an drei Lektoren versandt und innerhalb von zwei Wochen hatte sie den Buchvertrag in der Tasche. Für beide Seiten sei es eine Ehre gewesen. Denn Alina Bronsky schaffte es mit ihrem Roman sogar nach Klagenfurt, zur Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Den erhielt aber jemand anderes.

Mittlerweile hat sie es sich schon neben der Kasse des Buchladens bequem gemacht. Ausgestattet mit einer Lampe, einem Mikro und ihrem Buch, das sie selber mitgebracht hat. Passanten werfen im Vorbeigehen immer wieder neugierige flüchtige Blicke in den kleinen Buchladen.
Genau wie das Cover ihres Buches, bestimmt ein feuriges Rot ihre Haarfarbe. Jetzt tritt ihre zarte, leicht zerkratzte Stimme zum Vorschein. Doch sie lässt lieber Sascha, ihre Romanfigur, schnell zu Wort kommen, denn die wollen auch all die Gäste hören. Deswegen sind sie hier. Sie wollen den Scherbenpark. Darin schildert die 29-jährige gebürtige Russin, die mit 13 von Swerdlowsk nach Deutschland kam und heute in Frankfurt am Main lebt, das Leben der Sascha Naimann in einer deutschen Hochhaus-Siedlung. Das junge Mädchen ist aus Moskau nach Deutschland gekommen. Sie ist anders als alle in ihrem Hochhaus-Ghetto. Sie ist hochbegabt und will Vladim töten. Ihrer Tante gibt sie Nachhilfeunterricht und plant feste Vorlesestunden in ihren Terminplaner ein. Im Laufe des Romans wird ihre Vergangenheit immer deutlicher. Wer war für den Tod ihrer Mutter verantwortlich?

Selbstbewusst und geradeheraus, beiläufig und trocken kommentiert die 17-jährige ihre Umgebung und ihre Lebensumstände. So auch Alina Bronsky. „Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.“ So beginnt ihr Roman. Die Autorin und ihre Geschichte ist authentisch, wenn sie sagt: „Beim Schreiben war ich mehr Russin als in den zehn Jahren davor zusammen.“ Denn sie hat es selbst erlebt, das Leben in sozial schwachen Vierteln. Sie ist ruhig und verzieht zunächst keine Miene. Selbst bei einem klingelnden Mobiltelefon bleibt sie gelassen und fragt, ob es der Babysitter sei.

Wenn sie ihre eigenen Worte vorliest, dann fühlt man die trockene Traurigkeit ihrer Romanfigur. Doch Sascha Naimann vermittelt auch Hoffnung. „Früher wollte ich natürlich berühmt werden“, teilt Sascha dem Leser mit. Das hat ihre Autorin nun erreicht. Ein zweites Buch ist schon in Arbeit, verraten wird aber noch nichts. „So, mehr lese ich heute nicht.“ Nach ihren Leseproben gab es noch die Möglichkeit Fragen zu stellen. Im Auge dabei hatte man stets den literarischen Katzenkalender 2009 und „Kölsch für ze plane 2009“, die den Hintergrund Alina Bronskys dabei schmückten.

Die Fragerunde war weniger fruchtbar und lebendig. Mittlerweile war es auch schon 21 Uhr. Nach leichtem Applaus lagen noch einige Exemplare zum Verkauf an der Kasse. Meine Signierung habe ich bekommen und verließ zufrieden den Scherbenpark in Sülz.

Auf www.scherbenpark.de erfährt man alles zur Autorin und zum Buch. Scherbenpark umfasst 287 Seiten, kostet 19,95 Euro und ist 2008 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Artikel drucken