Amazon

Lisa Chudalla im Single Wheel-Reifen
Schon vor Beginn des Varietés mischen sich verkleidete Artisten unter das Publikum. Ein Narr räkelt sich mit geschlossenen Augen elegant auf der Brüstung des Bonner Pantheons. Eine Elfe hypnotisiert einen Drink an einem Tisch im Publikum. Als sie ihn fortträgt, wird sie von einer Dompteuse lautstark ermahnt. Erst kurz vor Showbeginn zieht sich der bunte Reigen hinter die Bühne zurück. Eingeleitet vom Kultsong „I’m gonna be (500 Miles)“ der Schotten The Proclaimers entfaltet sich dann auf der überschaubaren Pantheon-Bühne ein eindrucksvolles Spektakel. Der Zuschauer wird auf einer mysteriösen Reise in die Welt ausdrucksstarker Pantomime, ästhetischer Jonglage und gewagter Luftartistik entführt.

Spielerische Sinnesfreude und gekonnte Akrobatik
David Severins Reifen jonglierend


In Stephan Masurs vierter Produktion im Bonner Pantheon wechseln sich junge und erfahrene internationale Artisten mit ihren akrobatischen Darbietungen ab, begleitet von stimmungsvoller Musik wie etwa dem Jazzklassiker „Via con me“ Paolo Contes. Lukas Aue verkörpert einen Wanderer, für den Alltagsgegenstände wie ein Stuhl oder ein Fluginsekt zu unüberwindlichen Hindernissen werden, denen es unter Einsatz sämtlicher Körperglieder auszuweichen gilt. Almut Sarrazin jongliert fingerfertig im Land der Elfen und Trolle mit Keulen, die zuvor übergroße Narzissenblüten erleuchteten. Lisa Chudalla, eine Studentin der niederländischen Zirkushochschule Codarts, schwingt sich kraftvoll in einen schweren und rotierenden Single Wheel-Reifen. Im ersten Teil des Abends dynamisch noch sechs Reifen unterschiedlicher Größe jonglierend überzeugt David Severins später auch im zweiten Teil durch einen charmanten beinahe-Striptease mit einem kecken Zylinder.
Fingerfertig im Feenland: Almut Sarrazin
Das Highlight des Abends sind jedoch ohne Frage das kraftvolle Zusammenspiel von Camille Tremblay und dem jungen Kanadier Louis-Marc Bruneau-Dumoulin. In ihrer anmutigen Duo-Handstandnummer trägt Bruneau-Dumoulin den eigenen Körper und den Körper seiner Partnerin schließlich nur noch durch den Einsatz einer einzigen Hand.

Fehlender Mut zur gepflegten Extravaganz

Camille Tremblay mit Louis-Marc Bruneau-Dumoulin
War Masurs Varietespektakel "Cirque de Tuque" von 2011 noch gewollt gewagt homoerotisch, wirkt „Le Voyage“ im Vergleich stellenweise etwas brav und bieder. Die durchaus gelungenen und gekonnten akrobatischen Darbietungen sind manchmal allzu gefällig und altbewährt, dafür jedoch überaus kinderfreundlich. Wenn Stephan Masur einzelne Besucher im Publikum auf die Bühne holt und in seine Kunststücke einbezieht, ist seine divenhafte Gastgeberrolle leicht überzogen, ein wenig espritarm und stellenweise langatmig. Hier hätte eine stärkere erzählerische Funktion in der moderierenden Figur des Le Comte angelegt werden können. Auch bei den Kostümen und den Bühnenbildern hätte man sich mehr Mut zur Extravaganz und mehr inszenatorische Kniffe erhofft. Weil die jungen Künstler trotz allem mit ihrem artistischen Können zu unterhalten und zu verzaubern wissen, ist das Varieté „Le Voyage“ dennoch durchaus prickelnd und sehenswert.

Die nächsten Vorstellungen im Pantheon: 17., 18., 20., 21., 22., 24. und 25.08. ab 20 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) und am 19.08. ab 17 Uhr.
Karten: 19,50 € und für Studierende, Schüler, Azubis und Arbeitslose ermäßigt 15,50 € zuzüglich Vorverkaufsgebühr.
Ticket-Hotline: 0228-212521.

Mehr Infos zum Varietéspektakel findet ihr hier.


Artikel drucken