Mit ungewhnlichen Performances berraschte dieses Wochenende BARNES CROSSING in der Wachsfabrik Kln-Srth. In diesem Jahr bot das Programm 'Movement & Art Development (MAD)' erstmals jungen Knstlern Raum und eine Frderung fr ihre Arbeit an Kurzchoreographien. Sechs bei einer einwchigen Residenz entstandene oder weiterentwickelte Kurzperformances wurden nun uraufgefhrt. Die Hintergrnde und Schwerpunkte der von MAD ausgewhlten Knstler sind unterschiedlich. Einige von ihnen sind Akrobaten von der Hochschule der Zirkusknste ESAC in Brssel oder Performer des Masterstudiengangs Performance Studies in Hamburg. Die meisten kommen jedoch von der Hochschule fr Musik und Tanz (ZZT) in Kln.

"tracing" selbstgewhlte Rhythmen und Bewegungsverlufe

Es fllt bei allen Chorographien auf, dass diese ohne oder nur mit sehr dezenter Musikunterlegung auskommen. Die erste Performance ist das Solo-Projekt "tracing" von Fernanda Carvalho Lima. Unterschiedliche, alltgliche Objekte liegen auf dem Boden verteilt in einem ansonsten leeren Raum. Obwohl die Performance durch Gedichtzeilen aus "I like for you to be still" von Pablo Neruda eingeleitet wird, entwickelt sie schnell eine eigene Dynamik. Beim Ertasten der Gegenstnde erzhlen Carvalho Limas Bewegungen von Emotionen, die diese Dinge in ihr auslsen. Erinnerungen an Vertraute werden wachgerufen und finden in raumgreifenden Gesten Ausdruck.

Die Tnzerinnen Susanne Grau und Lisa Kirsch hinterfragen mit ihrem Stck "Tea, bring me some coffee" alltgliche Bewegungsablufe als mglicherweise sinnfrei. Sie tragen durchsichtige Regenmntel und spielen damit vielleicht auf das gegenwrtig regnerische Sommerwetter an. Raumgreifende Bewegungen sind mal synchron und dann wiederum gewollt asynchron. Manchmal drcken die Knstlerinnen in Bewegungen auch eine Distanz zueinander aus. Der Zuschauer fhlt sich bei eigenen gewohnheitsmigen Handlungsweisen im Alltag ertappt, wenn das Duo mal ausdrucksvoll auf ein imaginres Mobiltelefon eintippt oder wiederholt auf imaginre Armbanduhren schaut.

Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst auflockern

Judith Ouwens und Gabriela Tarcha von somebody kollektiv performen in einer anderen Rumlichkeit und gebrauchen dafr zahlreiche Accessoires. In ihrer ungewhnlichen lecture performance "n.n. beit Gedanken" weicht das Duo spielerisch eine Trennung von Wissenschaft und Kunst auf. Baumelnd von einer Seilsicherung malt eine von ihnen assoziativ in schwarzer Farbe auf eine groe Leinwand, whrend die andere Worte aus Werken von Roland Barthes oder Michel Foucault zitiert. Bei dieser spontan wirkenden Aktion wird u. a. in Sprachspielen dem Wort "Wirtschaft" das "Wir" als Essenz entzogen.

Die Choreographin Ursula Nill erarbeitete sich mit "Recherche #1" hingegen erstmalig fr MAD alleine ein Stck, nachdem sie bereits u. a. mit Karin Beier arbeitete. Auf Knien verfolgt sie in ruhigen und gleichfrmigen Bahnen imaginre Linien durch den Raum. Ihre in bengstigender Monotonie roboterartig ablaufenden Bewegungen verraten keine Emotion. Auch ihr Blick ins Publikum ist ausdruckslos. Die Exaktheit ihrer dynamischen Bewegungen vermag es den Zuschauer zu rhren.

Stimmungsvolle Partnerakrobatik

Das Kurzstck "Eh la" des Overhead Projects, einem Zusammenschluss der beiden Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky, ist ein visuelles Highlight des Festivals. Als bergreifendes Thema des Partnerings wird eine bedingungslose Abhngigkeit im krperlichen Zusammenspiel zelebriert. Bereits zu Anfang des Stckes bernimmt ein Tnzer eine passive Opferrolle. Dieser wird in anmutigen Bewegungen wiederholt von seinem Widerpart an die etwa vier Meter hohe Bhnendecke gehoben und dort an Einbuchtungen abgehngt. Dann setzt er mit den Fen wieder auf den Schultern des anderen auf. In der Erkundung der Hhe unterschiedlicher Raumebenen findet eine existentielle Aneinandergebundenheit Ausdruck. Gegen Ende des Stcks baumelt einer der Akrobaten ohne Absicherung kopfber von der Bhnendecke.

Die Hamburgerin Regina Rossi schlielich setzt sich in ihrer Solo-Choreographie "andamento variable" mit dem brasilianischen Karneval auseinander. Ihre Performance besticht durch kraftvolle Rhythmik, die sie alleine durch durchgehende laute und sich steigernder Samba-Schritte erzeugt. An den Zuschauer richtet sie dabei einen kurzen Monolog ber ihren Lebensweg bis hin zu ihrer Heirat. Gegen Ende ihrer Darbietung lsst sie mit einem Seil ausgehlte Holzkpfe in der Luft kreisen. Die vorderen Reihen fhlen sich mitunter gefhrdet und schrecken berrascht zurck. Ein Affront gegen die Zuschauer? Zum Abschluss dieser wohl provokantesten Performance wird man noch ihres blanken Arsches gesichtig.

Der Abend regte zum Nachdenken ber Bewegungen im Alltag und in den eigenen Gedanken an. Es bleiben stimmungsvolle Bilder in Erinnerung. Bei den meisten Performances ist man von den Ideen und ihrer gekonnten Umsetzung innerhalb weniger Tage berrascht.
Seit 2006 bietet Barnes Crossing Plattformen fr Tanz, Performance und Kunst im Klner Sden. Barbara Fuchs und Sonia Franken sind die knstlerische Leitung des MAD Projektes. Sie wollen das Festival in den Sommermonaten der nchsten Jahre als feste Gre der Nachwuchsarbeit etablieren.

Fr Kurzentschlossene: Heute abend beginnt um 18 Uhr die zweite Auffhrung des MAD Festivals bei Barnes Crossing in der Industriestrae 170. Mehr Infos findet ihr hier.

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