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Der erste Samstag der Internationalen Stummfilmtage in Bonn stand ganz im Zeichen der Eisenbahn. Es war nicht ganz ersichtlich, ob dadurch zusätzlich Eisenbahnfreunde ins Publikum gelockt worden waren (scheinbar fand in Köln am selben Wochenende ein Fest zum „Rheingold“-Zug statt). Aber wie dem auch sei, der Arkadenhof der Uni Bonn mußte am dritten Abend in Folge noch vor offiziellem Beginn der Vorführung geschlossen werden – jeder Platz war besetzt. “Der Geisterzug“ Los ging’s mit der Komödie „Der Geisterzug“. Heute würde man vielleicht „Mystery-Thriller“ dazu sagen, wenn eine Gruppe zufällig zusammengewürfelter Figuren in einem Spukhaus festsitzt und mit einem übernatürlichen Geheimnis konfrontiert wird. Statt einem Spukhaus gibt’s hier einen Wartesaal an einer Spuk-Bahnstrecke. Und die Reisenden sitzen im strömenden Regen fest, weil der scheinbare Vollzeit-Idiot Teddy Puffnut für eine „Verzögerung im Betriebsablauf“ gesorgt hat. Zur Hälfte besticht der „Blödiant“ durch Dummheit, zur Hälfte durch höchst durchdachte Gewitztheit. Nach einigen Gruselmomenten ist die Geschichte vom „Geisterzug“, dessen Anblick jeden Menschen mit ins Reich der Toten zieht, jedoch vergessen. Der Wartesaal wird zum Ort des hemmungslosen Klamauks. Als es dann doch wieder ernst wird, findet der Film eine Auflösung, die – soviel sei verraten – den Drei Fragezeichen alle Ehre machen würde (nebenbei: tatsächlich ermitteln die Drei Hörspiel-Detektive auch einmal im Fall „Geisterzug“, mit dem Film und der Theaterstück-Vorlage hat das aber nichts zu tun). Neben witzigen Einfällen und guten schauspielerischen Leistungen besticht die deutsch-britische Ko-Produktion aus dem Jahr 1927 vor allem durch ihre Zwischentitel. Die Texte sind in schöne Graphiken eingebunden, was den Film noch viel stimmungsvoller werden lässt. Die deutsche Fassung, die dieses Jahr in Bonn gezeigt wurde, stammt übrigens aus der Sammlung eines Bielefelder Filmfreundes. Einige Schäden gab es an der Kopie allerdings noch, die fehlenden Teile konnten überwiegend durch die englische Version ersetzt werden. “Der Blaue Express“ Nachdem das Publikum beim „Geisterzug“ fast nicht aus dem Lachen rauskam, bedeutete „Der Blaue Express“ deutlich schwerere Kost. Die Zuschauerreihen hatten sich für das sowjet-russische Drama aus dem 1929 etwas gelichtet. Spaßige Unterhaltung sollte man sich auch besser woanders suchen, im Arkadenhof war nun nämlich Revolutionsfilm angesagt. Ein Reisezug in China als Parabel auf die Drei-Klassen-Gesellschaft, die Unterdrückung der Arbeiter und Bauern führt zur Revolution. „Dieser Express ist verrückt geworden!“ ruft ein Passagier, als die frisch bewaffnete Meute durch die Wagen stürmt. Ziel sind der regierungstreue General und ein britischer Botschafter, die sich beide schon früh im Film durch Geringschätzung der armen Bevölkerung disqualifizieren konnten. Die Botschaft wird also so offensichtlich gehalten, dass auch der letzte kleine Revolutionär im Publikum sie verstehen kann und mit einem Schlachtruf auf den Lippen aus dem Saal stürmen sollte. Viel differenzierter ist da schon die technische Seite des Films. Filmschnitt war in den 1920ern in der Sowjetunion zur Montagetheorie perfektioniert worden. Kein Wunder also, dass „Der Blaue Express“ nicht nur klare Zusammenhänge zwischen seinen Szenen aufzeigt; der Film wird trotz des gemächlichen Plots recht kurzweilig und entwickelt eine immer höhere Geschwindigkeit. Die Filmauswahl der Stummfilmtage zeigte so an einem Abend zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen an Film – einmal als realitätsferne Unterhaltung, dann als zielgerichtete Propaganda. Die thematische Überschneidung wirkte da fast schon wie eine falsche Fährte. Aber Hand aufs Herz – wer war nur als Eisenbahnfreund da? Die Stummfilmtage laufen noch bis zum 22. August. ***Programm und weitere Informationen***
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