Amazon


   
 

   
Von April bis Juli 2010 findet in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten das Kulturfestival Scene Ungarn in NRW statt. 109 Künstler und Kompanien aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film, Kunst und Dialog geben Einblicke in die zeitgenössische ungarische Kulturszene.


Über zwei Dinge sollte man vorab ein paar Gedanken verlieren, wenn man "Die Budapester Klang- und Lichtbewegung" besucht: Zum einen muß man wissen, daß es sich bei dieser Multimedia-Performance hauptsächlich um experimentelle Musikkunst handelt. Zum anderen sollte man dann überlegen, ob man sich auf experimentelle Musikkunst einlassen will und vor allem auch kann.

Das mag nun den ein oder anderen potentiellen Besucher abschrecken. Und es ist wirklich nicht ganz leicht verdaulich, was die fünf ungarischen Künstler im Rahmen ihres Programmes da auftischen. Das ist aber andererseits nur noch mehr ein Grund, sich das Ganze einmal anzusehen. Die Sache ist zwar schon sehr eigen – aber dafür auch ungeheuer faszinierend.

Alle Reize bedienen

Der Titel "Die Budapester Klang- und Lichtbewegung" steht für ein Programm aus drei Projekten. Das erste heißt "Lektrónia". Vor dem Hintergrund einer gewaltigen und mitunter leicht kakophonen elektronischen Musik- und Geräuschdarbietung steht hier eine Tanzperformance. Gleichzeitig gibt es "Live visuals". Eine Mischung, die elektronische und "echte", lebendige Elemente miteinander verbindet.

Zsolt Sörés erzeugt live die Musik, die Töne – mit einer eindrucksvollen Schalttafel, Mischpulten, einer Bratsche, einem Becken und modifizierten Spielzeuginstrumenten. Was er da genau macht, kann der Zuschauer nur erahnen. Er hört allerdings unweigerlich das Ergebnis: Kreischender, stampfender, pulsierender, fiepender und in jedem Falle lauter Elektrosound, kühl, synthetisch und verstörend verzerrt. Ab und zu kommen Harmonien durch, schimmert eine klare Sequenz hinter der Klangwand, die sich da dem Besucher in die Trommelfelle schleift.

Zsolt Koroknai gibt hierzu "Live visuals": Er selbst steht auf der Bühne, seine Oberlippe wird via Beamer als Hintergrund an die Leinwand projeziert und schwenkt dort groß und mit Bild im Bild hin und her – was zwar schon, aber dann auch wieder nicht so recht zum "Klang" paßt.

Márta Ládjánszki tanzt. Aber nicht zur, sondern mit der Musik. Sie scheint ihren Körper (den sie grandios in aber auch wirklich jeder Bewegung beherrscht!) den Klängen und damit dem Diktat des Livemusikers Sörés bedingungslos auszuliefern. Sie interpretiert hier nicht bloß, sie gehorcht! Das ist beeindruckend und besticht in jeder Hinsicht.

Und durch diese drei vollkommen verschiedenen Elemente wird dieses erste Projekt schlüssig – irgendwie jedenfalls. Zumindest fesseln sie allesamt, denn der Besucher ist hier nicht bloß auditiver Konsument einer Klangwelt, sondern auch visuell-ästhetischer Konsument der Hintergrundbewegung und der Tanzperformance. Das macht ihn zum bewußten wie auch unterbewußten Simultan-Zuschauer-Zuhörer. Und das ist in jedem Falle ein Erlebnis!

Audio-visuelle Digitalwelten

Das zweite Projekt nennt sich "I don't feel any nostalgia". Zsolt Gyenes und Andrea Szigetvári sind seine Schöpfer. Es ist – lakonisch ausgedrückt – eine audio-visuelle Digitalshow: Ein Video zeigt Formen, Farben und Gebilde, die sich mit oder vor elektronischer Musik bewegen, entwickeln... jedenfalls verändern. Und fast entsteht der Eindruck, man blicke in einen lebenden Mikrokosmos, in Petrischalen mit Bakterien- und Pilzkulturen, mit amöboid und kristallin geformten Kleinstlebewesen, die sich nicht bloß stumm wandeln, sondern auch noch Töne erzeugen. Der Anblick fesselt auch hier, die Darbietung strahlt mitunter hypnotische Faszination aus.

Das dritte Projekt ist wieder (und das muß man wissen) eine Live-Performance. Andrea Szigetvári bedient hier nämlich ihr experimental-akustisches Laptop. Damit schafft sie live einen Auftritt digital-brennender "Käfer" in "CT-Atmo", denn die "Bühne" ist eine Anmutung der Computertomographieaufnahmen von Zsolt Gyenes (der Mann röntgt Plattenspieler und schiebt generell für seine Photos so einiges in "die Röhre").

Was einfach seltsam klingt. Aber: wiederum ist es faszinierend. Den technischen Aspekt einmal ganz außer acht gelassen: es hat nämlich ein gewaltiges ästhetisches Moment. Und auch, wenn es im großen und ganzen immer dieselben Formen und Bewegungen sind, die der "Krieg der Digiviecher" da auf die Leinwand malt, wirkt die Sache und sorgt für ausgesprochene Kurzweil.

Wegweisende Elektrokunst?

Zugegeben: Die ganze Geschichte ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Und man darf auch hier selbstverständlich die berühmten Fragen stellen. Eindrucksvoll ist es aber unbestreitbar. Wenn, ja wenn man sich denn darauf einlassen will. Und kann. Aber das ist ja überall der Fall.

Stellt sich nur noch die Frage, ob mit dieser Multimedia-Performance ein Stückweit schon "die Kunst der Zukunft" durchscheint. Sicher: es ist sehr experimentell. Aber die Verschränkung verschiedener Kunstformen besticht. Und die elektronische Ausrichtung ist gleichermaßen anziehend wie befremdlich: Anziehend, weil sie ästhetisch ist, bei aller audio-visuellen Dissonanz. Befremdlich, weil hier Lebendiges, Reales so ganz anders lebendig und real ist, als man es kennt.

Damit gibt "Multimedia-Performance-Kunst" eine Antwort auf die Entwicklungen der technologisch-virtuellen Post-Postmoderne und ihren Bestrebungen nach einem geeigneten Ausdrucksmittel.
Soll sich jeder selbst ein Bild machen, ob diese Antwort treffend ist. Warten wir's mal ab. Die Sache ist spannend!

Die Budapester Klang- und Lichtbewegung gastiert noch am 11. Juni in Münster und am 12. Juni in Dortmund.


Zur Festivalhomepage.



Scene Ungarn in NRW bei Facebook und Twitter

Artikel drucken