Sich heimlich auf die Bühne schleichen, das Publikum überraschen. Diesmal nicht. Die Zeit der leisen Auftritte ist vorbei. Serdar Somuncu betritt mit hämmernden Hip-Hop-Beats die Bühne und kommt ohne Umschweife zur Sache. Unter dem tobenden Applaus des ausverkauften Bonner Pantheons rapt er Obszönitäten und Beleidigungen, bei denen selbst harte Jungs wie Bushido oder Sido rot anlaufen würden. Somuncu schimpft auf Bonn, die Bonner und alles andere auch. Empörung beim Publikum? Fehlanzeige. Der "Hassprediger" hat sich seinen Ruf hart erarbeitet. Wer in sein Programm geht, der erwartet ein verbales Donnerwetter in Fäkalsprache ohne Tabus und mit intellektuellem Subtext. Er ist das perfekte Alibi für das Bildungsbürgertum, das auch mal primitive Witze hören, über "verbotene" Worte lachen will.
Mit entlarvenden Lesungen aus Hitlers "Mein Kampf" wurde der Deutschtürke bekannt. Mittlerweile ist er nur noch Deutscher, Türke nur noch bei Bedarf. Das Thema Faschismus beschäftigt ihn heute noch – Diktaturen gibt es überall, oft sogar unbemerkt. Der neue Diktator ist viereckig und steht in jedem Wohnzimmer: Fernsehen ist die Diktatur von heute. Es gibt Meinungen vor, propagiert Haltungen, verfälscht, beschönigt und verharmlost. Verspottet Minderheiten, grenzt aus. Kann man da noch differenzieren und sich für die eigene Haltung entscheiden? Somuncu spricht wieder Wahrheiten aus, die jedem bewusst sind und doch ist es so schwierig, sich dieser Bequemlichkeit zu entziehen. Das gelingt auch dem "Propheten" selbst nur bedingt, sind doch TV-Auftritte fester Bestandteil der Arbeit eines Kabarettisten.
Somuncu ist kein Eisen zu heiß. Kaum jemand scheut sich noch davor, den Missbrauchskandal der Katholischen Kirche zu thematisieren. Somuncu geht einen Schritt weiter und erklärt sich selbst zum Pädophilen, greift dieses Thema immer wieder auf. Von Empörung im Publikum keine Spur. Dabei sind die Grenzen zwischen Spaß und Ernst, zwischen Fiktion und Realität so fließend und kaum noch wahrnehmbar. Somuncu spielt mit diesen Grenzen, lotet sie immer wieder neu aus und stößt offensichtlich auf immer mehr Unempfindlichkeit. Hat er den Kampf gegen die Einfältigkeit am Ende doch verloren?
Was Somuncu auf der Bühne tut, schockiert nicht halb so viel wie die Reaktionen im Saal. Selbst als er einen Ausflug der Psychiatrie Bonn vermutet, macht sich statt Empörung nur Gelächter breit. Nimmt man den knallharten Aufklärer und selbsternannten Propheten am Ende gar nicht mehr ernst? Braucht es nur noch ein paar böse "verbotene" Worte, um das Publikum zum Lachen zu bringen? Und wie weit muss man gehen, um zu schockieren, zu verärgern, Wut zu ernten? Somuncu wird es sicher weiter versuchen mit der Hoffnung auf echte Emotionen und eigene Standpunkte. "Wir glauben alles und wissen gar nichts." - Somuncu plädiert für mehr Wissen und weniger Glauben, auch wenn das mehr Mut, mehr Arbeit und weniger Bequemlichkeit bedeutet.
Mehr Informationen zu Serdar Somuncu und aktuelle Tourtermine gibt es auf seiner
Homepage.