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Von April bis Juli 2010 findet in vierzehn nordrhein-westfälischen Städten das Kulturfestival Scene Ungarn in NRW statt. 109 Künstler und Kompanien aus den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Film, Kunst und Dialog geben Einblicke in die zeitgenössische ungarische Kulturszene. Eigentlich ist die Flußlandschaft des Donau-Deltas ein ruhiger, beschaulicher Ort; fast schon besinnlich, wäre sie nicht in einer Klangkulisse aus Fröschen und Grillen versunken. Zu Beginn von Kornél Mundruczós Film "Delta" wird die Szenerie jedoch erstmal mit überaus dramatischer Musik unterlegt. Das düstere Wabern stammt eigentlich aus dem Soundtrack von Werner Herzogs 1978er "Nosferatu"; vor Vampiren müssen sich die Protagonisten in "Delta" allerdings nicht fürchten, um so mehr jedoch vor ihren eigenen Artgenossen. Wenn man zwei Eindrücke aus diesem Film mitnimmt, dann die Schönheit der Natur und die Boshaftigkeit des Menschen. Der Plot verläuft dabei äußerst geradlinig, variiert zur Mitte des Films ein wenig, bricht sich zum Schluß jedoch selbst auf schmerzhaft vorhersehbare Weise ab. Ein junger Mann kehrt in seine Heimat zurück, die Dorfbevölkerung reagiert sehr skeptisch auf ihn. Selbst seine Mutter kann ihn bei aller (zurückhaltenden) Liebe nicht bei sich aufnehmen. Zögerliche Herzlichkeit erhält er nur von der ihm unbekannten Halbschwester. Als er sich in der verfallenen Hütte seines verstorbenen Vaters einquartiert und ein eigenes Haus auf dem Fluß bauen will, schließt sich das stille Mädchen ihm sofort an. Man kann es ihr nicht verübeln – wie ein Ferienabenteuer bringt die Aktion plötzlich frischen Wind in eine Welt, in der die Männer nur versoffen in der Kneipe abhängen und von Zeit zu Zeit ein Schwein geschlachtet wird. Die visuelle Ebene, gepaart mit den Naturklängen der Tonspur und der Violinenmusik des eigenen Soundtracks, vermittelt die Lebensfreude im Delta vorzüglich. Der Vergleich mit einem Ferienabenteuer liegt tatsächlich nahe, die Naturgebundenheit und das grundlegende Erschaffen einer eigenen Leistung in Form des Hauses bringen dem jungen Geschwisterpaar offensichtliche Glücksgefühle. Auch der Zuschauer bekommt Lust, mit anzupacken und einen Tag lang Holzbretter festzunageln. "Delta" schafft es jedoch, diesem Wohlgefühl die kalte Realität der bösen Menschenwelt entgegenzusetzen. Von Außenseitern zu Zielscheiben Nicht nur die grundsätzliche Abneigung seitens der gescheiterten Existenzen im Dorf, auch viele andere Faktoren machen die Protagonisten von Außenseitern zu Zielscheiben. Der Mann hat eine riesige Summe Geld dabei, und zum Schluß des Films wird hierdurch Neid begründet; er hält sich nicht an bürokratische Auflagen beim Bau seiner Hütte, wodurch das Alpha-Männchen des Dorfs seine Autorität angegriffen sieht; der schönen Halbschwester wird stets eine inzestuöse Beziehung zu ihrem Bruder unterstellt (womit das Dorf dann sogar richtig liegt); und den Rest erledigt unser Held selber, da er in Gegenwart anderer Menschen immer nur stumm den Kopf senkt und höchstens mal zufrieden lächelt, was schon ein wenig als Überheblichkeit ausgelegt werden kann. Selbst seinen Onkel fertigt er recht einsilbig ab, als dieser ihm beim Hausbau hilft. Man merkt, daß der junge Mann zwar in die Heimatlandschaft, nicht jedoch in die Heimatgemeinde zurückwollte. Als er schließlich zum Fest an der fast fertigen Hütte einlädt, ist es bereits zu spät; seine Gäste sind nur aus Gier auf Speis und Trank gekommen und nutzen nachher noch die Gelegenheit, erst seine Schwester zu demütigen und dann beide kurzerhand zu töten. Ein tragisches Ende, das meilenweit zu erkennen ist, eigentlich schon seit der düsteren Ouvertüre mit Horrorfilm-Vertonung. Spätestens aber, als das Mädchen in der Mitte des Films ihren Koffer packt und ganz zu ihrem Bruder ziehen will, nur um vom Stiefvater (dem besagten Alpha-Männchen) vergewaltigt zu werden, macht man sich keine Hoffnung mehr auf einen angenehmen Ausgang der Geschehnisse. Der Stiefvater tritt, scheinbar von sich selber schockiert, danach zwar nur noch kleinlaut in Erscheinung, der Schaden ist jedoch bereits angerichtet. Zaghaft erzählt der Hinzugezogene seiner Schwester den Bruchteil eines Bruchteils seiner Lebensgeschichte, eine äußert zögerliche Liebe blüht auf – für ein wirkliches Leben als Aussteiger liegt die bösartige Gesellschaft jedoch noch viel zu nah. Intensiv, aber nicht angenehm Wie die Schildkröte, die seine Schwester als Haustier mitbringt, kann der junge Mann nicht wegrennen oder sich wehren, sondern nur hoffen, daß sein Panzer stark genug ist zum Überleben. Regisseur Mundruczó inszeniert die Beschaulichkeit und Bedrohlichkeit der Welt im Donau-Delta mit einer Geschwindigkeit, die sich an die Schildkröte anpaßt: Er folgt dem Stil des ebenfalls ungarischen Filmemachers Béla Tarr ("The Man from London") und zeigt lange, ruhige Einstellungen, in denen nur ganz wenig Information durch Dialoge transportiert wird. Als Zuschauer lebt man sich so zwar gemütlich in die idyllischen Momente ein, allerdings fehlt auch der Fluchtpunkt in den unangenehmen Momenten. Die Vergewaltigung wird von der Kamera aus der Entfernung teilnahmslos und ohne Schnitt abgefilmt. Und als das Mädchen zum Schluß erneut bedrängt wird, windet man sich minutenlang in der bedrückenden Vorahnung, daß sie aus dieser Situation wohl kaum unbeschadet herauskommen wird. Mundruczó gelingt so ein intensives Filmerlebnis, ein angenehmes jedoch auf keinen Fall. "Delta" lebt davon, die Momente der Schönheit und der Brutalität – Momente der Natur – unmittelbar einzufangen. Plotentwicklung und Spannungsaufbau überzeugen über die Länge des Films nicht ganz, so daß ein Zuschauer sich wohl eher auf extreme emotionale Erfahrungen einrichten sollte als auf eine klassische Erzählung. Und wenn man schließlich den Kino-Saal verläßt, wird man erstmal gegen die deprimierende Misanthropie ankämpfen müssen, die als Schlußbotschaft im Raume steht. Die Schildkröte verzieht sich ins Wasser. Soll die Menschheit sich doch selber auslöschen. Kino in der Brotfabrik Scene Ungarn in NRW: Informationen zum Filmprogramm
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