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Heute startet in der Bundeskunsthalle die weltweit einmalige Ausstellung "Byzanz: Pracht und Alltag". Über 600 Exponate geben aus verschiedenen Blickwinkeln Einblicke in die Geschichte, Archäologie und die Kunst des Byzantinischen Reiches. Schirmherren sind Bundespräsident Horst Köhler und der türkische Staatspräsident Abdullah Gül. Der Atem der Antike Jahrhundertelang stand der Name Byzanz für Dekadenz und verschwenderischen Reichtum. In der Altertumsforschung war es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein verpönt, sich mit der "unausprechlichen Epoche" überhaupt zu beschäftigen. Die war allerdings mehr als nur eine extravagante spätantike Phase. Das Byzantinische Reich hatte über 1100 Jahre Bestand: von der Gründung seiner Hauptstadt Konstantinopel (dem heutigen Instanbul) im Jahre 324 bis hin zur Eroberung durch die Osmanen 1453. Seit dem Ende des 4. Jahrhunderts war das Christentum im gesamten römischen Reich Staatsreligion. Das Erbe der griechisch-römischen Antike war dadurch jedoch nicht ausgelöscht. Ganz im Gegenteil lebte es nach dem Untergang des weströmischen Reiches 476 in Byzanz fort. Hier in "Ostrom" verband sich antikes Kaisertum mit christlicher Tradition und schuf eine Kultur, die über ein Jahrtausend lang nicht bloß antiken Geist atmete, sondern ihn auch durch kulturelle Einflußnahme weitergeben konnte. Die Bedeutung dieser Entwicklung für Europa kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn im Westen war die kulturelle Kontinuität durch die Folgen der Völkerwanderung zunächst durchbrochen worden. Die Kirche bewahrte das Erbe der Antike bis weit ins Mittelalter hinein, und schon die Karolinger griffen auf die konstantinische Ära zurück; aber erst in der Renaissance kam es zur Wiederentdeckung und gesamtgesellschaftlichen Konsolidierung antiker Werte. Der kulturelle Riese im Osten Byzanz sorgte mit der Christianisierung zahlreicher ost- und südosteuropäischer Völker dafür, daß die mediterrane Kultur in Europa ansässig wurde. Nicht zuletzt ist es dem byzantinischen Widerstand gegen den sich ausbreitenden Islam des ersten Jahrtausends zu verdanken, daß Mittel- und Westeuropa die Möglichkeit zur Entwicklung hatten. Die Verbindung von weltlicher Macht und Religion im Byzantinischen Reich wirkt aus heutiger Sicht befremdlich: Der Kaiser nahm eine rituelle Sonderposition ein, ihm kam eine beinahe priesterliche Rolle zu. Das allerdings stärkte die Religion. Sie war wichtiger Bestandteil kultureller Identifikation, was es erleichterte, nachhaltig Einfluß auf andere Völker zu nehmen. Byzanz unterhielt Handelsbeziehungen bis nach China hinein. Der Westen profitierte auch davon, indem er Konstantinopel als Tor zum Orient nutzte. Dazu kamen ein Steuersystem und ein stabiles Geldwesen, die auch in schwierigen Phasen erhalten blieben. Byzanz war trotz großem Machtverlust im Hochmittelalter vor allen Dingen kulturell und zivilisatorisch stark und stellte eine feste Konstante dar, aus der sich ganz Europa nährte und auch heute noch nährt. Ahnenschau Denn ob christlich-antikes Erbe, das die europäische Mentalität seit jeher prägt, oder kulturelle Komponeneten wie beispielsweise das byzantinische Rechtssystem, das wir heute noch besitzen – Byzanz schlug eine Brücke vom Altertum in das moderne Europa und verband zugleich Ost und West. Europa, so wie wir es kennen, wäre ohne Byzanz schlichtweg nicht denkbar. Die Fülle an Exponaten trägt diesem Umstand Rechnung: Zahlreiche archäologische Artefakte, Mosaiken, Schmuckstücke und Bücher geben Zeugnis vom atemberaubenden Standard der "griechisch-römischen Nachfolgekultur", sowohl im religiösen Bereich wie auch im profanen Alltag. Besonders in den Vordergrund sticht der Aspekt der Ausdehnung des Reiches. Die CAD-Rekonstruktion des alten Ephesos beeindruckt hier genauso wie Ikonen aus dem griechisch-orthodoxen Katharinenkloster am Sinai. Die Raumkonzeption der Ausstellung kommt dem Besucher hier entgegen: der Rundgang kann in mehrere Richtungen begonnen werden, da die Schau nicht chronologisch aufgebaut ist. Die Auswahl der Exponate geht auch auf die oft genug verzerrte "Wahrnehmung von außen" ein: Der materielle Reichtum Byzanz' in Form von Seide und Gold wird zusammen mit Zeugnissen des geistigen Reichtums gezeigt: Bücher, Ikonen und liturgische Gewänder. Das ist wohltuend wie auch wichtig, denn schließlich steht Byzanz für eine allemal heute noch lebendige geistliche Kultur: nicht bloß die orthodoxen Kirchen führen die Tradition fort, auch die Liturgie der römischen Kirche kennt einen byzantinischen Ritus. Nur in Bonn – nur für drei Monate Aus 81 Museen sind die Exponate nach Bonn gekommen. Die Bundeskunsthalle wie auch das kooperierende Römisch-Germanische Zentralmuseum Mainz haben selbst diplomatische Kanäle genutzt, um die Ausstellung in ihrer Form realisieren zu können. Die Mühen haben sich gelohnt. Am 13. Juni ist alles wieder vorbei. Grund genug, der Bundeskunsthalle vielleicht gerade in diesen Zeiten einen Besuch abzustatten und die Arbeit von Kurator Falko Daim und Projektleiterin Katharina Chrubasek gebührend zu würdigen. Denn selten präsentierte sich die unbedingte Bedeutung von Antike und Christentum für unseren Alltag eindringlicher. Weitere Informationen über die Homepage der Bundeskunsthalle .
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