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Gestern, am 12. Februar, startete die Ausstellung „Linie Line Linea – Zeichnung der Gegenwart“ im Kunstmuseum Bonn. Sie präsentiert die Arbeiten zwanzig deutscher Künstler, die die Zeichnung in den Mittelpunkt ihres Schaffens gelegt haben. Das Kunstmuseum führt mit der Ausstellung die Reihe „Zeichnung“ fort, die schon 1997 begonnen wurde. Die Zeichnung galt lange als der Malerei untergeordnet, mitunter als geradezu nebensächlich. Dabei ist sie ein Medium, das in der Welt allgegenwärtig ist und darüber hinaus in allen Kulturen auftritt. Sie ist sozusagen omnipräsent, dabei „in sich stabil, kreativ“, so Kurator Dr. Volker Adolphs. So steht sie seit geraumer Zeit schon gleichberechtigt neben der Malerei. Im Fokus der auf drei Räume verteilten Schau steht die Linie. Sie bildet immer den Hintergrund, zeigt sich konzentriert im minimalen Raum. Dabei offenbart die Auswahl der Werke eine verblüffende Vielfalt, die den Anspruch der Zeichnung überzeugend unterstreicht, als eigene Gattung zu gelten; und die eindrucksvoll unter Beweis stellt, wieviel Macht von einem vorderhand unbedeutenden „Strich“ ausgeht. Die Linie erschließt die Welt Der erste Raum präsentiert die Zeichnung unter einem geradezu kartographischen Aspekt: „Papierperspektive Nr. 1“ und „Papierperspektive Nr. 2“ von Nanne Meyer beispielsweise nehmen den Betrachter mit auf eine Reise über die Wolken, von wo aus die Welt teils unklar und verdeckt, teils aber auch präzise und in ihrem geplanten Aufbau überschaubar wird. Mit dem Acrylgalsobjekt „Gehäusegravur: Atelier“ beweist Pia Linz, daß die Linie als Element der Zeichnung äußerst vielfältig ist und vermittels vielleicht auch ungewohnter Techniken sehr wohl Räumliches zu bilden vermag. Hier macht die Linie eine Wandlung durch, eine wahre Metamorphose hin zum plastischen Element. So auch bei „Ghashgai“ von Pauline Kraneis. Bleistift und Papier schufen mit feingeordneten Mustern das Abbild eines Orientteppichs, der äußerst dynamisch aus dem Rahmen herauszuschlagen scheint. Die Line wirkt hier im Muster eingebettet als Atom einer geschaffenen Welt, in die die Wirklichkeit durch den Betrachter hineininterpretiert werden muß. Das läßt über Wesen wie auch Rolle der Zeichnung in der Kunst nachdenken. Linie ist nicht gleich Linie Im zweiten Raum sind es vor allem die Arbeiten von Malte Spohr, in denen Linien die Wirklichkeit ganz konkret weiterführen. Zugrundeliegende Photographien werden zeichnerisch verdichtet, dadurch einerseits rekonstruktiv, andererseits assoziativ interpretiert. Geometrische Muster und Linienkonstruktionen geben den Zeichnungen von German Stegmaier vordergründig einen vorläufigen Charakter. Darüber hinaus verleihen sie jedoch der Linie als solcher tragende und konstituierende Bedeutung. Denn auch wenn die Anordnungen durch Ausradierungen durchbrochen scheinen: die Linie trägt Räumliches und entwickelt grundlegende Dynamik. Dadurch wird deutlich, daß sie das Grundgerüst der Wahrnehmung schlechthin bildet. Christiane Löhr schließlich erhebt in ihren an botanisch-morphologische Studien erinnernden Zeichnungen die Linie zum alleinigen Objekt: Geflechte und Verläufe geben Spielraum für Interpretationen, binden gleichzeitig an die Linie selbst, da sonst nichts ist – scheinbar. Die Linie erzählt Nicht erst, seitdem es den Comic gibt, spricht die Zeichnung und erzählt die Linie. Alexander Roob zeigt mit „Marcel I“ einen Bildroman, der durch die Reduktion auf das Wesentliche seine Fülle erhält. Es bedarf hier keiner Panoramen und detaillierter Hintergründe, die puristischen Zeichnungen sprechen für sich. Markus Vater nutzt ähnlich zurückhaltend die Reduktion. Seine kommentierten Zeichnungen sind skurril, absurd und witzig, streifen dabei das Surrealistische. Im Gegensatz dazu schafft Ralf Ziervogel mit „Ofu“ einen Reigen, dessen obszön-brutaler Detailreichtum sich erst auf den zweiten Blick offenbart. Hier ist alles mit allem mit- und ineinander verbunden. Ein Schrei voller Kraft, abstoßend und anziehend zugleich. Sein „Euroma“ hingegen erinnert an einen „Regenbogen aus Phytoplankton“: filigrane und geometrisch präzise Formen scheinen im Halbkreis vor dem Auge des Betrachters voller Anmut vorbeizuschwimmen. Konzipiert für die Reise, passend zur Programmatik des Hauses Die Ausstellung ist in der Art, wie sie das Kunstmuseum zeigt, für die Reise konzipiert: das Institut für Auslandsbeziehungen ermöglichte eine mehrjährige „Welttournee“ der Arbeiten, die zu diesem Zwecke eingekauft wurden. Indem das Kunstmusem sie gleichberechtigt neben die Malerei stellt, paßt es sie in seine Programmatik ein. Somit ermöglicht es nicht bloß einen bemerkenswerten Einblick in das Schaffen zeitgenössischer deutscher Künstler, sondern leistet darüber hinaus einen wertvollen Beitrag zur weiteren Stärkung der Rolle der Zeichnung. Bis zum 16. Mai ist die äußerst sehenswerte Ausstellung in Bonn noch zu Gast. Ausreichend Zeit also, ein globales und vor allem basales Gebiet der Kunst aus interessanten Blickwinkeln kennenzulernen. Weiteres zur Ausstellung und Informationen zum Rahmenprogramm auf der Homepage des Kunstmusems.
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