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Eine Kneipe, deren Hauswand von einem Mann im Malerkittel fleißig bepinselt wird – kein besonders außergewöhnliches Motiv für eine Fotografie. Bis man genauer hinschaut. Denn besagter Maler ist kein geringerer als Hitler, der da so ernst mit der Farbe hantiert. Der Bildinhalt erklärt sich durch seinen Titel: „Die Welt wäre noch immer ein friedlicher Ort, wenn...“ Ja, wenn was? Wenn jeder bei seinen Leisten bleiben würde und Hitler seinen Jugendtraum als Kunstmaler verwirklicht hätte, statt NS- Geschichte zu schreiben.

Die 1939 geschaffene Fotomontage sorgte damals für nicht wenig Furore, wurde an das französische Propagandabüro verkauft und sollte in 200.000 Exemplaren über Deutschland abgeworfen werden. Dazu auf der Rückseite der Text: „Ich bin ein Maler, kennt ihr meine Farben? Mit Braun und Rot streich ich die deutschen Lande an. Fehlt mir die Farbe, nehm ich frisch das Blut der andern und opfere gern des deutschen Volkes letzten Mann.“
Ebenso soll diese Montage in über 140 amerikanischen Magazinen und Zeitungen erschienen sein. Ob dies wirklich der Fall war und das Flugblatt wirklich abgeworfen wurde, ist bis heute unklar – eins aber steht fest: Mit dieser Fotomontage hat sein Bildautor „Marinus“ seine am meisten verbreitete Arbeit neben vielen weiteren scharfsinnigen Fotomontagen geschaffen.

Hitler als Anstreicher, als Karnevalsjeck oder als Bräutigam aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“, Stalin als Mona Lisa, General Franco als Seiltänzer – stets war Marinus’ Kritik an den Diktaturen in seinen politischen Fotomontagen präsent, die er am laufenden Band produzierte. Über 250 derer veröffentlichte er von 1932 bis 1940 in der französischen Illustrierten „Marianne“. Sie erschienen als Begleitbild zu den Leitartikeln, aber auch textautonom als Kommentar zu den aktuellen politischen Ereignissen.

Aber wer war der Künstler hinter den Fotomontagen? Nur ein einziges Mal unter dem Synonym „Marinus“ benannt, war lange Zeit ungewiss, wer sich hinter den scharfsinnigen Bildkommentaren verbarg.
Offenkundig waren diese von den Arbeiten des Fotomonteurs John Heartfields (1891-1968) inspiriert, dessen Leben und Werk bereits hinreichend aufgearbeitet und dokumentiert worden ist. Gemeinhin als Erfinder der politischen Fotomontage bezeichnet, wurde der als Helmut Herzfeld in Berlin geborene Künstler durch seinen Montagen für die AIZ (Arbeiter-Illustrierte-Zeitung) und für Kurt Tucholskys „Deutschland, Deutschland über alles“ bekannt. Berühmte Fotomontagen wie „Adolf der Übermensch: Schluckt Gold und redet Blech“ sowie der „Sinn des Hitlergrußes“ führten Hitler als Marionette des Großkapitals vor. Während seine klugen Kombinationen von Text und Bild dazu dienten, die nationalsozialistischen Machthaber zu entlarven, blieb Heartfield Stalins Politik gegenüber jedoch völlig unkritisch.

Dies holte der unbekannte Marinus nach, dessen Identität erst vor kurzem gelüftet wurde. In den 1970er Jahren wurden auf einem Pariser Flohmarkt Reste seines Nachlasses entdeckt und so sein Name ermittelt: Es war der Däne Jacob Kjeldgaard (1884-1964), den es jetzt neben John Heartfield als wichtigen politischen Fotomonteur der 1930er Jahre zu entdecken gilt.

Das Museum Luwig zeigt nun erstmalig in Deutschland nahezu alle noch erhaltenen originalen Fotomontagen von Marinus und die gedruckten Ausgaben von „Marianne“. In einem zweiten Teil der Ausstellung sind Arbeiten Heartfields zu sehen, die möglicherweise als Vorbild dienten. Bis heute ist nicht klar, ob sich die beiden großen politischen Fotomonteure je begegnet sind.
Die ausgestellten Arbeiten verdeutlichen die Vielfältigkeit Marinus´ Schaffen. Immer wieder nehmen seine Montagen Bezug auf bekannte Kunstwerke: Wagners Oper „Tristan und Isolde“, Werke von da Vinci, Breughel, Delacroix und Rodin, Historienfilme wie Ben Hur stellten immer wieder Anknüpfungspunkt für Marinus´ Arbeiten dar. Bis jetzt haben sie ihre Aussagekraft nicht verloren, irritieren den Betrachter durch ihre Finesse und Virtuosität und verblüffen durch ihre nicht selten präzisen Vorhersagen politischer Ereignisse.

So sehen wir die - der Statue des Bildhauers Jeans Turcans nachempfunden - Montage eines blinden Hitlers, der einen lahmen Stalin auf dem Rücken trägt und damit die Redensart verbildlicht: „Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen sie beide in eine Grube. Wenn ein Lahmer einem Lahmen helfen will, dann kommen sie nicht vorwärts. Wenn der Blinde den Lahmen trägt, dann kommen sie beide voran.“ Damit kommentierte Marinus 1940 den Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion.

Interessant sind vor allem Motive, die sowohl Heartfield als auch Marinus genutzt und unterschiedlich ausgedeutet haben. Mit dem „Drahtseilakt“ stellte Heartfield 1935 die Verbrecherprotagonisten des Dritten Reichs dar, geführt von einem mit einem Speer bewaffneten Hitler vor einem Vorhang mit Hakenkreuz, mühsam auf einem Seil balancierend – der Inbegriff einer Gefahrensituation. Anders behandelte Marinus 1940 dieses Motiv, indem er die Akteure auf einem fast gerissenen Seil präsentierte, deren unvermeidlicher Fall in aufgestellte Speerspitzen führen wird. Zu verstehen ist die unterschiedliche Interpretation dieser Bildidee vor den historischen Ereignissen: Während Heartfield die NS-Politiker noch als durchgedrehte Seilakrobaten durch die Luft tanzen ließ, glaubte Marinus 1940 nach dem deutschen Einmarsch in Polen an ihren sicheren Sturz. Reines Wunschdenken, wie sich im Nachhinein herausstellen sollte.

Wer sich für Fotografie und politische Fotomontage im Besonderen interessiert, der sollte die Reise nach Köln nicht scheuen. Neben den Originalausgaben von „Marianne“ erwarten den Besucher ausführliche Erläuterungen zu den einzelnen Fotomontagen, ihrem historischen Kontext, den kunstgeschichtlichen Vorbildern und allgemeine Informationen zu der damaligen Presselandschaft.
Eine fundierte Geschichte der Fotomontage, ihren Einflüssen und Wirkungsweisen, ihren Bildquellen und -ideen, ihren Metaphern und Verwendungen, wie auch der Vitae ihrer Protagonisten steht noch aus, wiewohl dies gerade in der heutigen Zeit der digitalen Fotografie von besonderem Interesse wäre. Gerade in diesem Zusammenhang kommt der – vergleichenden – Ausstellung um die politische Fotomontage „Marinus - Heartfield“ eine besondere Bedeutung zu.


„Marinus – Heartfield: Politische Fotomontagen der 1930er Jahre“ ist noch bis zum 19. Oktober im Museum Ludwig zu sehen.
Beachten sollte man auch die dazugehörige Filmreihe Marinus, insbesondere den Themenkomplex „Montage und Propaganda“ am 1. Oktober.
Weitere Informationen zur Ausstellung und zur Filmreihe auf www.museenkoeln.de/museum-ludwig

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