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Selbstbildnis, 1910.
Freiheit ist verführerisch. Wer sie genießt und seinen Nutzen aus ihr zieht, fragt sich selten, warum sie existiert und wie sie entstand. Und gerne rümpft er auch die Nase über das, was vor der Freiheit war, und das er „Zwang“ nennt.

Aber das gilt nicht. Denn jede Zeit hat ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Vorzeichen. Beides kann schnell vergessen sein. Dinge und Personen, die aber aus ihr heraustreten konnten, sind oft von langfristiger Bedeutung. Wie beispielsweise Max Liebermann und sein künstlerisches Werk.

Liebermann stach zu Lebzeiten schon hervor. Zunächst durchaus negativ, denn er löste sich von Konventionen und stieß damit auf Ablehnung. In den 1870er Jahren wählte er nahezu banale Motive. So malte er arbeitende Bevölkerung, Bauern, Waisenkinder, Handwerker und Marktfrauen. Dennoch schuf er damit keine Milieustudien, sondern konzentrierte sich allein aufs Motiv und dessen künstlerische Umsetzung, wodurch sozialkritische Momente außen vor blieben.

Seinen Zeitgenossen stieß das auf. Sie verliehen ihm angesichts der allzu simplen Thematik und dessen gänzlich unprätentiöser Umsetzung den Titel „Apostel der Häßlichkeit“. Liebermann jedoch entwickelte Neues: Er setzte seine Motive in ein bis dahin nicht gekanntes Licht, indem er sich auf das Wesentliche konzentrierte und erzählerische Momente bewußt nicht einfließen ließ. Durch diese Reduktion erhielten seine Bilder Präzision und ungeheure Bildgewalt. Durch Einfachheit strahlten sie Überzeugungskraft aus, gleichzeitig stellten sie malerische vor thematisch-anekdotische Aspekte. Liebermann betrat damit eine neue Ebene.

Die Gemüseputzerinnen/Konservenmacherinnen, 1880.
Dabei schöpfte er aus einem konservativen Fundus: Liebermann stammt aus einer reichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Während der Schulzeit erhält er bereits privaten Malunterricht, und nach einem früh abgebrochenem Chemiestudium ermöglichen ihm seine Eltern die Ausbildung an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule in Weimar, wo er bei Ferdinand Pauwels lernt.

Seine handwerkliche Ausbildung war solide, die häuslichen materiellen Möglichkeiten dürften ihm Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt und Widrigkeiten kleingehalten haben. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schlug er schon früh einen Weg abseits der Tradition ein. Denn im folgenden war es nicht mehr nur die unkonventionelle Darstellung unkonventioneller Motive, die ihn zum Wegbereiter der Moderne machte: Liebermann etablierte auf der Linie des Impressionismus Manets eine Richtung moderner Malerei, die in Loslösung von geltenden Normen ihre Eigenschaften frei und spielerisch entfaltete. Die Bilder erreichten dadurch eine paradoxe Wirkung, indem sie in Skizzenhaftigkeit, Andeutung und „Formunvollendung“ malerisch vollendet und perfekt erschienen.

Damit war eine wegweisende Formel für die moderne Malerei des 20. Jahrhunderts entdeckt: Konkret ausgeführte Verknappung und Verkürzung auf breiter und vollständiger handwerklicher Basis. Ein Rezept, das die moderne Malerei weit ins 20. Jahrhundert hinein (und darüber hinaus) bestimmen sollte.

Der zwölfjährige Jesus im Tempel, 1879.
Die wirklich beeindruckende Ausstellung in der Bundeskunsthalle präsentiert einen reichen Ausschnitt aus Liebermanns Werk als Liebermanns Entwicklung. Der Rundgang führt von den Anfängen bis hin zum Spätwerk. Werke wie „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, das seinerzeit einen Skandal auslöste, und nicht minder heftig diskutierte Portraits verdeutlichen die Ausnhamestellung Liebermanns im zeitgenössischen Kunstgeschehen. Gleichzeitig bezeugen Vielfalt und motivische wie darstellerische Wandelbarkeit innerhalb des Oevres eine „künstlerische Spielfreude“. Sie verdeutlicht nicht nur die hohe Komplexität seiner eigenen Entwicklung, sondern lassen Liebermanns Bedeutung für den Weg moderner deutscher und europäischer Kunst insgesamt durchscheinen.

Beinahe nebenbei erhält der Besucher damit einen Schlüssel zum Verständnis dieses Weges. Heute nicht mehr nachvollziehbare Konventionen und künstlerische Auffassungen eines oft geschmähten Jahrhunderts rücken so in ein anderes Licht: Sie erscheinen als Grund, aus dem die Moderne letzten Endes reich und nachhaltig emporwachsen konnte. Aus ihm entstand also letztlich die Freiheit, die man heute so gerne in Kunst und Malerei preist.

Alles hat eben seinen Ursprung.

Rosengarten in Wannsee, 1928.


Die Ausstellung läuft bis zum 11. September.

Homepage der Bundeskunsthalle.

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