Edvard Munch: Dorfstrae in Krager, 1911-1913.
119.000 Besucher lockte die Bundeskunsthalle mit der James-Cook-Ausstellung nach Bonn. Doch die Napoleonausstellung wird das noch toppen: Seit dem 17. Dezember zieht die aufwendig aufbereitete Schau wahre Menschenmassen an. Die 100.000er-Marke soll schon berschritten sein.

Da berrennt der korsische Meisterstratege das Rheinland glatt zum zweiten Mal. Und vielleicht ist in seinem riesigen Schatten beinahe etwas untergegangen: Vom 28. Januar bis gestern, den 27. Mrz, lief die Ausstellung mit dem umstndlich langen Titel "Arp, Beckmann, Munch, Kirchner, Warhol... Klassiker in Bonn." Und zwar nur eine Etage hher.

Groe Namen erweckten groe Erwartungen. Zweifellos. Doch der Untertitel mochte wieder ein wenig Abkhlung bringen: "Die unbekannte Sammlung aus Bielefeld". Denn Bielefeld... was ist das schon? Firmensitz eines erfolgreichen Lebensmittelchemie-Konzerns. Aber sicherlich kein Kunst-Mekka. Oder doch?

Es begann in Bielefeld...

Doch. Denn in Bielefeld steht seit 1968 die "Kunsthalle Bielefeld". Gestiftet von Rudolf-August Oetker, gebaut von Philip Johnson. Der war Mitarbeiter Mies van der Rohes und zeichnet fr nicht wenige renommierte Museumsbauten weltweit verantwortlich. Damit ist die Kunsthalle Bielefeld allein schon von ihrer Baugeschichte her ein Zungeschnalzen wert. Konzipiert als Museum und Ausstellungshaus zugleich gab sie einer Sammlung ein Zuhause, deren Geschichte bis ins Jahr 1901 zurckreicht.

Pablo Picasso: Narrenkopf, 1905.
Seit dieser Zeit machte sich Bielefeld nmlich einen Namen in der nationalen, aber auch internationalen Kunstszene. Begnstigt durch die kraftvollen und innovativen Strmungen der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, mauserte es sich langsam zur kleinen, aber feinen Sammelstelle fr die Werke namhafter moderner Knstler. 1927 ist das "Stdtische Kunsthaus Bielefeld" etabliert. Eine Pflegschaft und Frdervereinigungen ermglichen Ankufe, so da eine Sammlung heranwchst.

Ab 1933 wten die Nazis. Moderne Kunst ist ihnen "entartete Kunst". Das Stdtische Kunsthaus mu bluten, viele Werke gehen verloren. Alliierte Luftangriffe vernichten 1944 das Museumsgebude vollstndig. Der Teil der Sammlung, der dem Vandalismus der Nazis nicht zum Opfer gefallen war, konnte jedoch zuvor ausgelagert werden und blieb verschont.

Kleiner Umfang, groer Querschnitt

Nach dem Krieg wird das Stdtische Kunsthaus wiederbelebt: Die Sammlung ist ab 1950 in Erdgescho und Keller des Historischen Museums Bielefeld untergebracht. Nach langen berlegungen ist es 1964 endlich soweit: Die Dr. August-Oetker-Stiftung bernimmt alle Kosten fr einen Neubau. Richtfest ist im Juni 1967.

Man Ray: La rue Frou, 1952.
Die Sammlung hat wieder ein Zuhause. Sie wchst darin. Bis heute umfat sie 700 Gemlde und Skulpturen sowie 4.500 Grafiken. Das ist vielleicht auf den ersten Blick nicht viel. Der zweite Blick jedoch ist der auf die Namen: Ernst Ludwig Kirchner, Alexej Jawlensky, Max Beckmann, Emil Nolde, Robert Delaunay, August Macke, Edvard Munch, Pablo Picasso, Paul Klee, Max Ernst, Hans Arp, Man Ray, Lyonel Feininger, Josef Albers, Konrad Lueg, Dieter Roth, Anselm Kiefer, Gerhard Richter, Andy Warhol, Georg Baselitz, Thomas Schtte...

Eine lange Liste offenbart sich da. Lang und beeindruckend. Denn die Namen stehen fr einen satten Querschnitt durch die Kunst des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Und sptestens das ist nicht mehr beeindruckend oder bemerkenswert das ist berwltigend.

Unverzichtbar

Die Bundeskunsthalle hatte eine Auswahl aus diesem Querschnitt getroffen. Insgesamt waren es 120 Werke: Gemlde, Papierarbeiten, Skulpturen, Photographien, Filme und Installationen. Sie waren so ausgewhlt, da sie einen kunsthistorischen Zeitraum von 100 Jahren gekonnt abbildeten. Nicht etwa deswegen, weil hier "Stars" gehngt wurden; im Gegenteil waren hier groe Namen nicht mit ihren "Renommierstcken" vertreten, von Kirchners "Russische[r] Tnzerin" vielleicht einmal abgesehen.

Es waren die "untypischen Nummern", die wenig bis sogar gnzlich unbekannten Schtze die sensiblen Radierungen und der "Narrenkopf" Pablo Picassos, das Sptwerk Max Beckmanns, der autobiographische Rckblick Man Rays und die abstrakte Siebdruckfolge Andy Warhols, die hier die Akzente setzten. Sie hinterlieen Eindruck. Sie prgten sich ein. Gerade deswegen, weil sie nicht in jedem Nachschlagewerk unter dem Epochenlemma oder dem Knstlernamen zu finden sind; weil sie mitunter abseits des bildungsbrgerlichen Mainstreams liegen. Eben deshalb sind sie so faszinierend, erhellend und lehrreich.

Blick auf Andy Warhols "Garn-Bilder", 1983.
Und eben deshalb ist dieser Ausschnitt aus der Bielefelder Sammlung eine so wichtige Ausstellung gewesen. Sie beleuchtete bedeutende Epochen der Kunst aus intimen Perspektiven, gab ein Bild der knstlerischen Entwicklung des 20. Jahrhunderts, das Charaktertiefe hat. Salopp gesagt war es "die halbe Moderne", die sich dort in wohltuend leisen Tnen von einigen ihrer vielleicht besten Seiten zeigte.

Mit anderen Worten: Einfach Kunst. Lebendig und in Reinform. Die Klassiker in Bonn eine Ausstellung, die aus sich heraus unverzichtbar war.

Mag also die Napoleonausstellung im gesamten ersten Drittel des Jahres klar die herausragende Rolle in der Bonner Museenlanschaft spielen: sie nhrt sich nicht unerheblich vom "mythischen Glamour" ihres Protagonisten. Die unbekannte Sammlung aus Bielefeld hatte dagegen kein Glamour. Den brauchte sie nicht. Sie war einfach nur dauerhaft schn. So richtig was frs Leben.

Weitere Informationen auf der Homepage der Bundeskunsthalle.

Artikel drucken