"Am Anfang war Napoleon" so begann der Historiker Thomas Nipperdey seine "Deutsche Geschichte" des 19. Jahrhunderts. Napoleons Bedeutung fr die Entwicklung Deutschlands in dieser Zeit ist kaum zu berschtzen. Doch nicht nur Deutschland, ganz Europa kann sich auf den gewichtigen Einfluss des berhmten Feldherrn berufen. Diese Perspektive soll in der neuen Ausstellung der Bonner Bundeskunsthalle vermittelt werden. Dank der Nhe zur aktuellen Forschung gelang eine ganz neue Sichtweise auf die vielschichtige Herrscherpersnlichkeit in ihrer Zeit. Das spiegelt sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form wider. Auf keinen Fall sollte eine traditionelle biografische oder gar militrhistorische Ausstellung entstehen. Den Besucher erwartet statt dessen eine hauptschlich kultur- und mentalittsgeschichtliche Betrachtung.

Der Untertitel "Traum und Trauma" funktioniert auf deutsch sehr gut, vielleicht sogar zu gut. Er suggeriert die Konzentration auf zwei Extreme, die natrlich nicht der Lebenswirklichkeit entsprochen haben. Die Ausstellung wolle, so Kuratorin Bndicte Savoy, sogar genau diese Ambivalenz auflsen. ber 400 Exponate sollen zwischen Faszination und Abscheu, Halbgott und Ungeheuer, zwischen Schwarz und Wei ein breites Spektrum von Grautnen darstellen. Gleich im Eingangsbereich ist diese Komplexitt offenkundig. Der Besucher steht vor der Wahl, wo er beginnen mchte. Die Architektur ist offen, gibt keinen Rundgang und keine Richtung vor. Immer wieder steht der Besucher vor Durchgngen, Spalten und Sehschlitzen. Die laden dazu ein, von der vagen Chronologie der durchnumerierten Kapitel abzuweichen.

Napoleon, menschlich gesehen

Napoleon selbst soll erfahrbar gemacht werden. Sein persnliches Taschenfernrohr und seine Feldmbel unzhliger Schlachten, aber auch seine Grtnerschrze aus der Verbannung auf der Insel St. Helena zeigen Napoleon in der Nahaufnahme. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die epochalen Neuerungen der Zeit. Mit Weitwinkelobjektiv wird die "Generation Bonaparte" betrachtet: Goethe, Beethoven, Humboldt und viele andere hauchen dem Zeitgeist der Epoche um 1800 Leben ein. Medizinische Instrumente zur Versorgung der verwundeten Soldaten, technische Erfindungen und natrlich der "Code civil" die Grundlage des modernen Zivilrechts verdeutlichen die Beschleunigung des Fortschritts.

Inhaltlich liegt die Ausstellung am Puls der historischen Forschung. Auerdem schafft sie es, Kunst und Ikonografie als Herzstcke mit ins Boot zu holen. Das gro angekndigte Themenfeld des napoleonischen Kunstraubs gibt jedoch bei weitem nicht den Ton an. Schwerpunkt der Ausstellung ber alle Kapitel hinweg ist vielmehr Propaganda und Symbolik. Die Bedeutung des Bildes nahm in der Epoche Napoleons stark zu, und so ist es doch irgendwie passend, dass Napoleons Markenzeichen, Mantel und Hut, fr die Ausstellung nicht aus dem Kleiderschrank des Feldherren entnommen wurden. Statt dessen kann man den Mantel Marlon Brandos bestaunen, den dieser 1954 als Napoleon im Film "Dsire" trug.

Thomas Nipperdey stellt schlielich fest: "Die Grundfarbe der Geschichte ist grau, in unendlichen Schattierungen." Diese Erkenntnis macht eine authentische Darstellung historischer Ereignisse nur annhernd mglich und ist fr die Massen kaum umsetzbar. Die Ausstellungsmacher von "Napoleon und Europa" berufen sich zumindest auf die "256 Graustufen eines Laserdruckers" immer noch eine groe Herausforderung. Die Ausstellung ist erwartungsgem innovativ in ihrer Gestaltung und aktuell in ihren Aussagen. Fr alle Kenner der Materie gibt es viel Neues zu entdecken. Wer sich in der Epoche "Napoleon" noch nicht zu Hause fhlt, sollte sich darauf einstellen, nicht alle Graustufen an einem Tag erfassen zu knnen.


Napoleon und Europa. Traum und Trauma
17. Dezember 2010 bis 25. April 2011

Echoraum ECHO 3
17. Dezember 2010 bis 27. Mrz 2011

Weitere Informationen auf der Museumshomepage.

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