Wer beim Stichwort "Aborigines" nur an Ayers Rock, Didgeridoos und Knguruhs denkt, wird im Museum Ludwig eines Besseren belehrt: "Remembering Forward" heit die Ausstellung, in der Arbeiten von neun Aborigineknstlern prsentiert werden.

1.
"Die dynamische Wucht dieser Bilder ist ungeheuer." So beschreibt Kaspar Knig, Direktor des Museum Ludwig, die ausgestellten Arbeiten, von denen er sichtlich begeistert ist. "Extrem wichtig" sei die aktuelle Ausstellung "Remembering Forward. Malerei der australischen Aborigines seit 1960". Damit hat er recht, denn dass die Kunstgeschichte an einer einseitigen Fokussierung auf westliche Kunst krankt, wird wohl niemand bestreiten wollen. Ausstellungen, die diese Einseitigkeit durchbrechen, laufen hufig Gefahr, im Kitsch zu enden: Zwar schlieen sie das Fremde nicht aus, sondern beziehen es, ganz im Gegenteil, ein. Ihren Weg in westliche Ausstellungsrume findet auereuropische Kunst aber oft nur um den Preis ihrer Exotisierung. "Mystische" oder "magische" Eigenschaften werden der Kunst indigener Vlker oft nachgesagt. Das ist zwar durchaus positiv gemeint, sorgt aber dafr, dass das Fremde fremd bleibt.

Hochpolitische Bilder
2.

Knig ist sich dieser Gefahr durchaus bewusst. Um nicht in eine "Post Hippie-zurck zur-Natur-Seligkeit" abzudriften, habe man sich entschieden, dem Klner Publikum eine reine Kunstausstellung zu prsentieren. Das heit auch: Eine Reflexion ber die postkolonialen Hintergrnde der Aboriginal Art bleibt aus. Dass die Bilder hochpolitisch sind, wird trotzdem deutlich: Denn alle neun Knstler spiegeln in ihren Werken immer auch die Beziehung zu ihrem Land bzw. den Kampf um dieses Land. Die fr die Aborigines enorm wichtige Bindung an ihr Land basiert auf den Geschichten der Dreamtime. Diese Mythologie der Schpfungszeit ist an bestimmte heilige Orte geknpft, die im Rahmen ritueller Zeremonien von den verschiedenen Aborigine-Stmmen besucht werden.


Lizenz zum Malen
3.

Was hat man sich nun unter dem zentralen Begriff der Dreamtime vorzustellen? Sie lsst sich jedenfalls nicht mit einer linear fortschreitenden und messbaren Zeit vergleichen. Vielmehr umspannt die Dreamtime Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit zugleich. Die Bilder katapultierten den Betrachter in eine "sehr schwer vorstellbare Zeit", erlutert Knig denn auch folgerichtig. Exotisierung also auch im Museum Ludwig? Nein, denn hier sind die Ausfhrungen zu Dreamtime und bestimmten Ritualen tatschlich notwendig: Viele der ausgestellten Arbeiten greifen Themen und Motive aus der Dreamtime auf. Dabei wird jedoch streng darauf geachtet, keine geheimen Geschichten zu verbildlichen. Denn das wrde gegen das Gesetz verstoen. brigens ist nicht jeder dazu berechtigt, die Mythen zu malen: Nur wer sich den vorgeschriebenen zeremoniellen Prozeduren unterworfen hat, erhlt die "Lizenz" zum Malen das erklrt auch das fortgeschrittene Alter vieler der ausgestellten Knstler.
Die ausgestellten Arbeiten erzhlen also nicht nur von der Dreamtime und des mit ihr verknpften Landes, sondern symbolisieren immer auch die Autoritt des Knstlers ber beides.
4.

Wie sieht nun Aborigine-Kunst von den 1960ern bis heute aus? Jedenfalls nicht so fremd und mythisch, wie es das Klischee nahelegt. Im Gegenteil: Viele der Arbeiten erinnern an die europische klassische Moderne. Trotzdem weisen sie Spezifika auf, wie etwa einen punktfrmigen Farbauftrag oder eine wei gepunktete Rahmung. Interessant sind brigens auch die Bark Paintings, also Gemlde auf Baumrinde, die in einem Seitenkabinett der Ausstellung gezeigt werden.

Wer sich selbst ein Bild von der Vielseitigkeit der Aboriginal Art machen will, hat noch bis zum 20. Mrz 2011 Gelegenheit dazu.


1.
Paddy Bedford (ca. 19222007, Gija, Western Australia)
Two Women Looking at the Bedford Downs Massacre Bruning Place
2002
180 x 150 cm
Ocker und Pigmente mit synthetischem Bindemittel auf Belgischer Leinwand / ochres and pigments with synthetic binder on Belgium linen
Privatsammlung / private collection
Paddy Bedford Estate

2.
Queenie McKenzie (ca. 19251998, Gija, Western Australia)
Ridge Country on the Way to Banana Springs
1998
140 x 100 cm
Natrliche Pigmente und Bindemittel auf Leinwand / natural pigments and binder on canvas
Art Gallery of New South Wales, Sydney
Estate of Queenie McKenzie

3.
Rover Thomas (ca. 19261998, Kukatja/Wangkajungka, Western Australia/Northern Territory)
Ngarin Janu Country
vor 1988
100 x 140 cm
Natrliche Pigmente auf Leinwand / natural pigments on canvas
Art Gallery of New South Wales, Sydney
Estate of Rover Thomas, courtesy Warmun Art Centre

4.
Ronnie Tjampitjinpa (geb. ca. 1943, Pintupi, Northern Territory/Western Australia)
Tingari Ceremonies at the Site of Pintjun
1989
152 x 180 cm
Acryl auf Leinwand / acrylic on canvas
Gabrielle Pizzi Collection, Melbourne
Ronnie Tjampitjinpa 2010, Aboriginal Arts Agency (AAA)

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