Sylvie Kyeck, Assistentin der Ausstellungsleitung
   
Der Countdown luft: nur noch bis zum 3. Oktober sind die "Geretteten Schtze" aus Afghanistan in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen. Die 24jhrige Sylvie Kyeck assistierte der Ausstellungsleiterin Susanne Annen und war bei der Vorbereitung der Ausstellung im Frhjahr hautnah dabei. Sie erzhlt von den Hintergrnden und erklrt, warum sich eine kulturhistorische Auseinandersetzung mit Afghanistan lohnt.

campus-web: Von den "Schtzen" Afghanistans hren wir in Deutschland sonst sehr wenig. Unter den "Geretteten Schtzen" knnen sich die meisten kaum etwas vorstellen. Woher kommt der Titel der Ausstellung?

Sylvie Kyeck: Durch die Jahrzehnte des Krieges und der Taliban-Herrschaft sind viele Nationalschtze zerstrt worden. Eines der berhmtesten Beispiele sind die riesigen Buddha-Statuen von Bamiyan, die im Jahr 2001 gesprengt wurden. So vieles ist zerstrt worden, aber man hat auch einiges retten knnen. Da gilt der Dank den Mitarbeitern des Nationalmuseums in Kabul, die einige der wichtigsten Nationalschtze, zum Teil bis zu 4000 Jahre alt, versteckt haben. Es war lange Zeit nicht klar, ob die Schtze noch existieren. Ob sie noch in den Tresoren sind, in den sie eingeschlossen wurden. Erst 2003 hatte man sich dazu entschlossen, die Tresore zu ffnen. Und 2004, als die politische Lage wieder einigermaen stabil war, war es dann soweit. Da hat man gesehen, dass noch alles da war, was eingeschlossen worden war. Bedeutende Kulturgter des Landes konnten gerettet werden: Gerettet vor den Taliban und gerettet vor der Kriegszerstrung.

cw: Die groe Plnderung durch die Taliban fand bereits 1996 statt. Wie konnte das aufwendige Unternehmen der Rettung fast zehn Jahre lang geheimgehalten werden?

Sylvie Kyeck: Das ist eigentlich so geheim beblieben, dass kaum jemand die genauen Ablufe und Hintergrnde kennt. Nur sehr wenige Mitarbeiter des Museums waren eingeweiht. Die Schtze wurden jedenfalls in einem Safe der Nationalbank versteckt. Dort htte niemand die Dinge vermutet. Als zustzliche Sicherheitsmanahme bentigte man fnf verschiedene Schlssel, um den Safe aufschlieen zu knnen. Die einzelnen Schlssel hat man fnf verschiedenen Personen ausgehndigt.


cw: Die Schtze konnten gerettet werden und sind seit 2004 nicht mehr versteckt. Nun sind sie bei uns in Bonn. Warum gerade jetzt?

Sylvie Kyeck: Fr Zeitpunkt und Inhalt der Ausstellung gibt es keinen politischen Hintergrund. Angedacht war eine solche Ausstellung schon 2006. Bis alle Vertrge fr ein solches Projekt unterschrieben sind, dauert es aber eine Weile. Mehrere Jahre sind normal als Vorlaufzeit.

cw: Welche Stationen hat die Ausstellung, die wir hier in Bonn sehen, schon hinter sich?

Sylvie Kyeck: Die Ausstellung war zu allererst in Paris. Unser Kurator Pierre Cambon vom Muse Guimet in Paris hat die Ausstellung konzipiert. Er ist zum Teil sogar bei den Ausgrabungen dabei gewesen. Sein Museum hat das mit dem Nationalmuseum in Kabul zusammen organisiert und Mitarbeiter aus Kabul sind mit nach Paris gekommen. So fing alles an. Dann gab es die Ausstellung auch in Amsterdam, Turin und in vielen groen Museen in den USA und Kanada. Jetzt, wo sie wieder in Europa ist, wird sie als nchstes vom British Museum in London bernommen. Anschlieend wird es wahrscheinlich noch eine Pazifiktour geben. Australien, Neuseeland und Singapur haben Interesse angemeldet.

cw: Waren auch Mitarbeiter aus Afghanistan hier?

Sylvie Kyeck: Es waren viele Mitarbeiter hier beim Aufbau der Ausstellung. Zum Beispiel der stellvertretende Direktor des Nationalmuseums und viele, die auch dabei waren, als die Tresore geffnet wurden. Einige kann man in dem National Geographic-Film sehen, der im kleinen Kinosaal innerhalb der Ausstellung gezeigt wird.

cw: Wie hat die Zusammenarbeit geklappt? Es gibt groe sprachliche und kulturelle Unterschiede, da war die Verstndigung sicher nicht immer einfach.

Sylvie Keck: Ach, das war richtig schn mit den afghanischen Kollegen. Es war wirklich eine richtig herzliche Atmosphre mit ihnen. Die haben auch gerne mit den Restauratoren zusammengearbeitet, was wirklich wichtig ist beim Aufbau. Wir haben uns auch mal abends getroffen und zusammen afghanisch gekocht und anderes neben der Arbeit gemacht. Die afghanischen Kollegen sind uns richtig ans Herz gewachsen. Einer konnte Deutsch und manche Englisch oder Franzsisch. Die anderen haben dann immer so ein ses Lachen auf den Lippen, und so verstndigt man sich dann auch schon.

Sie haben auch vom Alltag in Afghanistan erzhlt und davon, wie das Nationalmuseum wieder aufgebaut wurde. Der Aufbau ist sehr wichtig fr sie. Aber zum Teil sind sie auch skeptisch. Momentan wird geplant, die schon erwhnten Bamiyan-Buddhas wiederaufzubauen. Dazu meinte einer, man msse es auch mal gut sein lassen, man knne nicht alles wieder aufbauen. Die seien nun mal jetzt zerstrt; man sieht die Umrisse ja auch noch. Das sei eigentlich ein Denkmal genug. Er findet das nicht gut, wenn sie wiederaufgebaut werden, denn es sind dann nicht mehr die alten. Der jetzige Zustand soll daran erinnern, dass sie zerstrt wurden. Man kann nicht einfach alles wieder glattbgeln.

cw: Es gibt doch schon so viel Afghanistan in der ffentlichkeit und in den Medien. Nun auch noch diese Ausstellung. Warum sollte man die Ausstellung gesehen haben?

Sylvie Kyeck: Was man in den Medien sieht, ist leider ein ganz anderes Afghanistan, als das, was man in der Ausstellung zu sehen bekommt. Das heutige Afghanistan entspricht ja auch nicht dem antiken Land. Die Besucher sind immer berrascht, wenn sie sehen, was fr Einflsse das "Afghanistan" vor hunderten oder tausenden von Jahren eigentlich schon aufgenommen hat, von wie vielen verschiedenen Vlkern es beeinflusst wurde. Der griechische Baustil, die Buddhas, indische Einflsse, chinesische Glasarbeiten Afghanistan wurde von so vielen verschiedenen Lndern beeinflusst. Das sind eben auch alles die Wurzeln des modernen Afghanistans.

cw: Nicht nur der Inhalt, auch die Form der Ausstellung ist auergewhnlich. Die Objekte sind schon um die halbe Welt, von einem Museum zum nchsten gereist. Wurde die aktuelle Ausstellungsarchitektur extra fr die Bundeskunsthalle entworfen?

Sylvie Kyeck: Das Architekturbro aus Stuttgart hat eine ganz moderne, andere Architektur geschaffen als bei den vorherigen Stationen. Die afghanischen Mitarbeiter, die hier waren, waren alle total begeistert und meinten, so eine tolle Architektur htten sie bei den anderen Stationen noch nicht erlebt. Sie mochten besonders, wie das moderne mit den alten, traditionellen Formen verschmolzen ist. Die Architektur wurde sehr gelobt.

Die Architekten haben alte Ornamente und Objekte abstrahiert und dann in der Wandgestaltung wiederaufgegriffen. Also die alten Symbole genommen, aber modern dargestellt. Auen sind die einzelnen Prsentationsrume sehr farbig, innen dagegen komplett schwarz, sehr konzentriert auf die Objekte. Es war auch neu, dass sogar smtliche Informationsmbel von den Architekten gestaltet wurden und man innen in den Rumen gar keine Informationen mehr erhlt. Die Besucher bekommen stattdessen kostenlos ein kleines Heft, in dem sie die Information zu jedem einzelnen Exponat nachschlagen knnen.

cw: Gibt es ein persnliches Highlight unter den Ausstellungsstcken?

Sylvie Kyeck: Die Goldobjekte von Tillya Tepe, eine der Fundsttten, sind die beeindruckendsten. Das ist Goldschmuck, den wrde ich sofort selber tragen, obwohl das Design schon 2000 Jahre alt ist. Gold und trkise Edelsteine wurden zusammen verarbeitet. So ein ganz spezielles Lieblingsstck hab ich da eigentlich nicht.

cw: Am Ende des Ausstellungsrundgangs steht and der Wand ein Zitat: "A Nation stays alive when its culture stays alive" auf Englisch und auch auf Dari, einer der Amtssprachen Afghanistans. Wie kam man darauf, diesen Satz dort zu plazieren?

Sylvie Kyeck: Ein Transparent mit diesem Satz hing auch am Eingang des Nationalmuseums in Kabul whrend des Wiederaufbaus. Das spricht allen Afghanen aus der Seele. Die kulturelle Vergangenheit ist extrem wichtig fr ihr eigenes Nationalbewusstsein. Sie haben uns erzhlt, dass sie, als die Tresore damals wieder geffnet wurden, drei Tage gefeiert und geweint haben vor Freude. Sie hatten gesehen, dass die bedeutenden kulturellen Schtze noch erhalten geblieben sind. Fr sie ist es sehr wichtig, dass die Kultur berlebt. Ohne seine Kultur oder Reste der frhen Kultur verliert man seine Identitt.


Zur Homepage der Bundeskunsthalle.

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