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Da hängen sie. Die Bilder der Zukunft. In den Räumen der Galerie Kalthoff in Essen. Im hellgrauen Fußboden spiegelt sich das grelle Neonlicht der Deckleuchten. Die Wände sind weiß, im Hintergrund lassen sich leise Jazzklänge vernehmen. Auf einem Tisch in der Mitte der sterilen Räumlichkeiten liegt ein Besucherbuch aus. Dort steht auf der aufgeschlagenen Seite: "Sehr gute Ausstellung, erfreulich. Dankeschön." Hier in diesen kleinen menschenlosen Hallen Essens hängen die Bilder von morgen. Die Zukunft fotografieren? Wie soll das gehen? Zeigen fotografische Bilder schließlich nicht immer vergangene Momente? Für Galerist Jürgen Kalthoff macht es die Kombination der Arbeiten von 12 Studierenden aus Berlin und dem Ruhrgebiet. "Klar wirkt jede Arbeit für sich, aber die Summe macht’s. Ein tolles Projekt". Mit ihrem Fotoprojekt 20/20 – Kannst du es sehen? haben junge Künstler einen Blick in Zukunft gewagt. Einen möglichst klischeefreien Blick entwickeln. Die Projektidee war einfach: Studierende aus Berlin und Essen besuchen jeweils die Heimat der anderen. Vor Ort machen sie sich ein Bild und suchen ein Thema, das einen Ausblick in die Zukunft der Region werfen soll. Die Teilnehmer blicken fotografisch voraus. Das heißt, jetzt schon erkennen, was heute und für die nächsten zehn Jahre Relevanz hat. "Es ist alles schon da. Man kann es sehen", sagt Hendrik Lietmann, zuständiger Dozent an der Ruhrakademie Schwerte: Stadtentwicklung, Wahrnehmungspsychologie, die sinkende Geburtenrate, all das sind aktuelle Themen, die jungen Menschen auffallen. Beide Studierendengruppen besuchten sich im vergangenen Jahr zweimal, um in die Zukunft zu schauen. Doch viel wichtiger war ein anderer Nebeneffekt: das Nachdenken über die eigene Heimat. Einmal Ruhrgebiet – Berlin und wieder zurück. Ein gemütliches kleines Café am Rande des Ruhrgebiets in Schwerte. Nicht weit entfernt liegt in idyllischer Ruhe die Ruhrakademie. Es ist kalt. Die Ausstellungseröffnung in Essen liegt noch in der Ferne. "Das Ruhrgebiet ist doch auch Großstadt", gesteht Magdalena Spinn, Fotografiestudentin aus dem Ruhrgebiet. Ihr hat die Arbeit mit den Berlinern sehr viel Spaß gemacht. "Ich habe immer noch sehr guten Kontakt zu allen Berlinern, und ich freue mich sie bald alle in Essen mal wiederzusehen", sagt sie mit einem aufrichtigen Lächeln auf dem Gesicht. Sie hat sich Berlin im Jahr 2020 ohne Kinder vorgestellt. Daraus hat sie eine gespenstische Serie von verwaisten Spielplätzen fotografiert. "Es gibt so viele Spielplätze in Berlin. Und wenn man sich mal vorstellt, dass die irgendwann keiner mehr benutzen wird, wirkt das unheimlich auf mich." Auch Debbie Runkel hat einen eher untypischen Blick auf die Hauptstadt geworfen. Ihre Zukunftsvision: "Dogtown" – Berlin aus Sicht der Hunde. "Überall, wo man hinschaut, sind Hunde. Als ich bei meinen Besuchen unter anderem in Neukölln und Kreuzberg unterwegs war, hatte ich den Eindruck, dass diese Stadt in zehn Jahren komplett von Hunden regiert sein könnte." Interessante Zukunftsaussichten für die Hauptstadt. Auf die Frage, was die Kulturhauptstadt von der Hauptstadt unterscheidet, antwortet Debbie wie aus der Pistole geschossen: "Die Vielfältigkeit macht das Ruhrgebiet aus. Berlin auch, aber ich meine die Vielfältigkeit von Stadt und Provinz. So etwas gibt es in Berlin nicht." Magdalena sieht der Zukunft des Ruhrgebiets ganz optimistisch und selbstsicher entgegen, denn die "wird glorreich sein! Berlin ist natürlich super, aber das Ruhrgebiet ist Heimat." Nur wer sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, kann Aussagen über die Zukunft treffen. Die Brunnenstraße in Berlin Mitte. Ein warmer Sommerabend in der Hauptstadt. Den Fernsehturm im Rücken. Eine Straßenbahn fährt durch die recht stark befahrene Straße. Dahinter eine junge kurzhaarige Frau auf einem Fahrrad. Sie hält an, sichert ihr Gefährt an der nächststehenden Laterne und sagt: "Hey, bist du Anne? Ick bin Giovanna." Sie geht voran durch einen Hinterhof in das Gebäude der Neuen Schule der Fotografie in Berlin. Vorbei an Dunkelkammern, Bearbeitungsstudios und einer Wand, die mit Fotos aller Jahrgänge der Schule geschmückt ist, geht es in ein Fotoatelier. In der Mitte steht ein großer Tisch, nebenan gibt es eine winzige Teeküche. Zeit für eine kleine Erfrischung bei diesen hochsommerlichen Temperaturen. Da kommt auch noch Teresa-Sophie Weicken. Für ihre Serie hat die Fotografiestudentin aus Friedrichshain Angehörige ihrer im westfälischen Unna lebenden Familie aufgenommen. Fragend, unsicher oder selbstbewusst, fast herausfordernd wirken die Gesichter. Zukunftsfroh, skeptisch? Sie sagt: "Nur wer sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt, kann Aussagen über die Zukunft treffen." Ihrer Meinung nach sind es die Menschen, die das Ruhrgebiet prägen. Ehrlich sollen sie sein. Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten zwischen dem Pott und Berlin steht ihr Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben. Nach kurzem Insichgehen stellt sie entscheiden fest: "Berlin ist was ganz anderes, das kann man nicht wirklich vergleichen. Berlin ist ein weltweiter Treffpunkt. In meinem Freundeskreis sind fast gar keine Deutsche." Für Teresa-Sophie ist es momentan nicht vorstellbar, ins Ruhrgebiet zu ziehen. Für Giovanna Schulte-Ontrop eine mögliche Option: "Wenn Berlin weiter so fleißig all seine schönen Heterotopien durch teure Langweiligkeiten ersetzt, dann ziehen wir halt alle ins Ruhrgebiet. Platz gibt es da genug, nette Menschen und gute Infrastrukturen sowieso!" Ihr Blick aufs Ruhrgebiet liegt im Detail: abbröckelnde Häuserwände, ein Mann, der mit einem Zollstock versucht, seine Münzen unter einem Fahrscheinautomaten zu ergattern, ein ins Treppenhaus flüchtendes Mädchen im orangefarbenen Kleid. Detailreiche kostbare Momentaufnahmen, auf die man in Zukunft mehr achten sollte. Kostbar ist auch ihr Versuch, das Ruhrgebiet zu beschrieben: "Das Ruhrgebiet ist vergleichbar mit einem Berliner Szeneviertel wie dem Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder wie jetzt Neukölln vor dem großen Hype." Zurück in Essen. Gute Aussichten für die Ausstellung. Die Zukunftsvisionen der jungen Künstler kommen gut an, berichtet Jürgen Kalhoff. Deswegen will er die Bilderserien den ganzen Sommer über noch in seinen kahlen, nackten Räumen beherbergen und sich für den jungen Künstleraustausch einsetzen. "So ein Projekt muss gefördert werden, das ist Kulturhauptstadt pur." Wo er recht hat, hat er recht. Schade nur, dass im Rahmen der Ruhr.2010 der Blick eher in die Vergangenheit des Reviers gerichtet ist. Die Zukunft liegt doch so viel näher. Und so bleibt Jürgen Kalthoff zurück in seiner Galerie, in der die Zukunft schon hängt, allerdings noch nicht geschrieben ist. 20/20 – Kannst du es sehen? Galerie Kalthoff Sabinastraße 1 45163 Essen Geöffnet von Dienstag bis Freitag 9 - 18 Uhr, Samstag 10 - 13 Uhr.
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