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Noch liegt die Welt in Dunkelheit. Wassergeräusche erklingen; eine Frau putzt den Boden. Und gerade so, als würde sie das Bewusstsein freilegen, wird es langsam heller. Zuerst nur das kleine Licht einer Taschenlampe, mit der ein Mann seine Umgebung in Bruchstücken erkundet. Er wirkt lustlos, desinteressiert. Die Welt, die er wahrnimmt, scheint ihm nicht viel zu geben. Sobald es heller wird, sieht man nicht mehr als einen schräg durch den Raum gezeichneten Gang und ein paar Stühle; einer von diesen hat seine Funktion eingebüßt und hängt jetzt als Kleiderhaken von der Decke. So beginnt das Stück "Vergissmeinnicht", erarbeitet von Regisseurin Barbara Wachendorff und Dramaturg Joachim Henn. "Ein theatralisches Spiegelkabinett zum Thema Demenz", so der Untertitel – eine passende Bezeichnung. Assoziativ springt die Wahrnehmung zwischen verschiedenen Szenen der Erinnerung hin und her. Der Mann besucht seine unter Demenz leidende Mutter im Krankenhaus, dann scheint er plötzlich selbst der Patient zu sein. Momente seiner Kindheit vermischen sich mit Einblicken in das Leben seiner Mutter zu einer Familien- und Krankheitsgeschichte. Die Brüche sind dabei teilweise so stark, dass man auch eine Aneinanderreihung vieler Einzelschicksale vermuten könnte. "Wie kommt das, dass das alles so durcheinander läuft?" bringt der Mann seine Situation schließlich auf den Punkt. Tatsächlich entstanden die Motive des Stücks durch den direkten Kontakt mit Demenzkranken, durch Gespräche und gezielte Interviews. "97 Prozent Originaltöne" findet Henn in den Texten der Bühnenfassung wieder. Das Team um Dramaturg, Regisseurin und Darsteller Roland Silbernagl befasst sich bereits seit 2005 mit der Thematik. Im Rahmen einer künstlerischen Kampagne des Schlosstheaters Moers kam es hier zu einer prämierten Inszenierung, in der Silbernagl die Bühne mit Demenzkranken teilte. "Vergissmeinnicht" geht einen anderen Weg; da keine Patienten an der Aufführung beteiligt sind, kann die Nachfrage nach bundesweiten Gastspielen befriedigt werden. Tour de Force durch die Gefühlswelt Viel wichtiger ist aber, dass sich inhaltlich durch die ausschließliche Besetzung mit professionellen Schauspielern ganz neue Möglichkeiten eröffnen: Emotional schwierige Erinnerungssituationen wie Angst, Scham, Wut oder sexuelle Lust könnten Patienten leicht überfordern. In "Vergissmeinnicht" fügt sich alles zu einem traurigen Grundtenor zusammen, in dem einzelne Momentaufnahmen (wie zum Beispiel das gemeinsame Kakao-Kochen von Mutter und Kind) Lichtpunkte setzen. Wichtig ist hier vor allem die Dimension der Körperlichkeit, die von Silbernagls Bühnenpartnerin, der Tänzerin Annabel Celine Cuny, meisterhaft eingebracht wird. Akrobatische Einlagen begleiten den schleichenden Verlust des Realitätsgefühls. Gleichzeitig eröffnen sie aber auch eine Ebene der Wahrnehmung, die praktisch nicht mehr in Worte gefasst werden kann. Zum Ende hin verliert sich die Bühne in nächtlichem blauen Schlaglicht, und die ineinander verschlungenen Akteure transformieren sich in überdimensionale Schattengebilde an den Wänden. Das Publikum der ausverkauften Bonner Erstaufführung belohnt die Leistung der Schauspieler, aber auch der Schöpfer zurecht mit tosendem Applaus. In der anschließenden Diskussion, die Dramaturg Henn mit geschmackvollem Humor leitet, ist vor allem die theatrale Arbeit mit Demenzkranken der früheren Inszenierungen ein Thema. Zu "Vergissmeinnicht" werden durchaus unterschiedliche Eindrücke sichtbar – hier erschreckende Trostlosigkeit, dort eine absurde Komik, die auch große Teile der Zuschauer zum Lachen mitriss. So oder so, man spürt eine Einigkeit im Gefühl, gerade eine einstündige Tour de Force durchlebt zu haben – eine Intensität, die man den Darstellern bei den ersten Verbeugungen noch sichtlich anmerkte. Weiterer (und letzter) Termin: Sonntag, 11. April, 17 Uhr. Weitere Informationen auf der Theaterhomepage.
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