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"Zur Unauflöslichkeit einer Verbindung ist das beliebige Zusammentreten zweier Personen nicht hinreichend; ein Theil musste dem andern unterworfen und (…), um ihn beherrschen oder regieren zu können." Kants Auffassung von Liebesbeziehungen erwies sich gerade im Hinblick auf die Frauengeschichte leider oftmals als wahr. Henrik Ibsen thematisierte diese Art der Herrschaft schon 1879 in seinem Meisterwerk "Nora". Dass die Thematik aktueller denn je ist, beweist die Inszenierung von Klaus Weise am Theater Bonn, die nun wieder aufgenommen wurde. Noras Puppenhaus Weise überträgt die Problematik in die 60er Jahre, in denen die Frauenbewegung zwar bereits existent- jedoch noch wenig erfolgreich war. So bieten die Zeiten des Wirtschaftswunders eine geradezu ideale Kulisse für "Das Puppenhaus", wie der Originaltitel ("Et dukkehjem") auf Deutsch lautet. Und die wörtliche Übersetzung des Titels sagt im Grunde schon alles aus, was das Stück beinhaltet: eine Hausfrau und Mutter, Nora, die als "Puppe" des Ehemannes Thorvald genau so funktioniert wie er es gerne hätte. In einer kopflosen Liebestat fälschte sie einst die Unterschrift ihres sterbenden Vaters, der sie bereits in Jugendjahren wie ein Spielzeug dirigierte. Eine Tat, die Thorvald nie erfahren sollte, doch nun erpresst der einzige Mitwisser, Rechtsanwalt Krogstad, Nora. Durch unglückliche Entwicklungen verliert sie vollends die Kontrolle über das "Spiel" und erkennt dabei, dass sie selbst die Hauptakteurin ist, ohne ein eigenständiger Mensch zu sein. Als Thorvald von der Betrügerei erfährt, verurteilt er seine Frau entsetzt als Betrügerin. Zwar vergibt er ihr gütigerweise, als Kogstad durch Zureden von Noras bester Freundin seine Erpressung aufgibt, doch ist es da zu spät. Nora hat erkannt, dass es in ihrem Leben bisher niemals um Liebe, sondern vielmehr um Spieltrieb der sie umgebenden geht. Es folgt, was folgen muss: der Ausbruch aus dem Puppenhaus. Puppe mit heftigen Gefühlsausbrüche Die Emanzipation, auf die Nora allmählich zusteuert, läuft freilich nicht hürdenlos ab, zu tief hat sich die junge Frau in die Rolle der Mannestreuen Gespielin einpressen lassen. Von Kindesbeinen an zum Vorzeigestück erzogen, kann sie ihre eigene Identität nur schwerlich erkennen, noch viel weniger kann sie diese auf Anhieb begreifen. Die Hilflosigkeit, mit der sie dem Puppenspiel immer mehr gegenüber steht, weiß Xenia Snagowski durch übertriebene Exzentrik eindrücklich darzustellen. Mit einer grandiosen Impulsivität inszeniert sie ein naives, verspieltes Kind, das urplötzlich erkennt, dass es ein einzigartiges Individuum ist und von dieser Erkenntnis erst einmal völlig überfordert wird. Hautnah kann man die Verwandlung einer leicht selbstverliebten, unterwürfigen Marionette in eine selbstständig denkende, nach Autonomie strebende Persönlichkeit mit erleben. Das Snagowski damit zum Publikumsliebling avanciert, überrascht nicht im Geringsten. Schonungslose Puppenspieler Einen ebenbürtigen Partner hat sie in Yorck Dippe gefunden, der den chauvinistischen Hausherrn mit allen denkbaren Klischees versieht. Er dirigiert Nora nach Belieben, befiehlt und verbietet ihr wie einem Kind und nimmt sie nicht als erwachsene Frau wahr. Ihr plötzlicher Eigensinn und Widerspruchsgeist überfordert ihn, die Reaktion ist dieselbe Hilflosigkeit, die sich in impulsiven Ausbrüchen offenbart und letztlich in einem blutigen Finale gipfelt. Die übrigen Akteure tun ihr übriges, um die Eskalation immer näher rücken zu lassen. Ralf Drexler treibt als Kogstad Nora mit seiner Erpressung in die Ecke, Birthe Schrein kann als dessen ehemalige Geliebte zwar sein Herz erweichen, drängt als ernsthaft beste Freundin aber zur Aufklärung aller Betrügereien. Roland Riebeling verschlimmert als bald sterbender, vertrauensvoller Freund Doktor Rank durch ein Liebesgeständnis die Situation noch zusätzlich. Eine Säule nach der anderen stürzt ein, nicht zuletzt dank dem hervorragenden Zusammenspiel der Darsteller. Eine gewisse zynische Komik erhält das Spiel durch prägnante Symbole, die Weise als Untermalung einstreute: Thorvald lässt Nora im wahrsten Sinne des Wortes „tanzen“, er erteilt ihr Tanzunterricht. Oder er setzt sie auf den Kaminsims, weil er dies als den perfekten Ort für sie erachtet – eben wie gemacht für eine Porzellanfigur. Es ist alles andere als verwunderlich, dass die Protagonistin schließlich die Konsequenzen zieht und Mann und Kinder verlässt. „Wie soll ich Kinder erziehen? Ich kann mich doch nicht mal selbst erziehen“ resümiert sie schließlich. Ihre Zukunft bleibt ungewiss – die der Theaterwelt dürfte jedoch gesichert sein, wenn weiterhin derart gelungene Aufführungen auf die Bühne gebracht werden. Die nächste Aufführung findet am 22. Mai in den Kammerspielen statt. Weitere Informationen auf der Homepage.
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