|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
Eine Steinkohlezeche, kurz vor der Schließung. Draußen tobt der Streik, drinnen sitzen die Kumpel Kemal und Ritchie und warten auf Thomas, Ritchies Bruder. Der erscheint, schleppt einen angeschossenen Unternehmensberater mit sich, fuchtelt wild mit der Waffe. Die Zeche ist sein Leben, er verteidigt seinen Arbeitsplatz mit allen Mitteln. In den mitunter rüden und aggressiven Auseinandersetzungen wird schnell klar, daß auch sein Bruder und Kemal ihn nicht davon abbringen können, seine "Verschwörungstheorie" aufzugeben: Thomas sieht hinter allem ein großangelegtes Komplott, hetzt gegen Bosse und die Finanz, sieht überall Unterwanderung und Ausnutzung des ehrlichen Kumpels. Seine versponnene Weltsicht schließt Animositäten gegen seinen Bruder Ritchie ein, der vom Vater seiner Ansicht nach bevorzugt worden ist, jedoch Familie und Bergbau den Rücken kehrte und später nur widerwillig die Arbeit in der Zeche aufnahm. Als Thomas' Familie zur Sprache kommt, die Rede auf seine Frau Susanne fällt, mit der Ritchie ein Verhältnis hatte, wird klar, daß Thomas' Amoklauf in der Zeche nur die Spitze des Eisberges ist. Der um Arbeit und Existenz gekommene Kumpel hat schon längst seine Konsequenz aus der Situation gezogen und die eigene Familie umgebracht. Im Beisein seines Bruders erschießt er sich letztlich selbst. Viel Zünd, viel Stoff Regisseur Adnan G. Köse hat einen Bergbau-Thriller inszeniert, der drei Männer in einer Grenzsituation zeigt: Angst um Arbeitsplatz und finanzielle Existenz, die daraus folgende Verzweiflung und die Konfrontation mit scheinbar ausweglosen Situationen. Ein Bruderzwist bildet den Hintergrund, ausgetragen vor einem gemeinsamen Freund. Dieser Konflikt zwischen den Brüdern wird nahezu extrapoliert und damit existentiell. Neid und Mißgunst, die letztlich nur auf gegenseitiges Unverständnis gründen, entpuppen sich als Hauptmotive der Klimax. Somit ist das Stück nicht bloß als Gesellschafts-, Milieu- und Klassenstudie zu verstehen, sondern greift weit darüber hinaus, indem alle Register für eine "Amokläuferstudie" gezogen werden. Damit ist in Zeiten regionaler Strukturschwäche und Zechenstillegungen, Werksschließungen und der Weltwirtschaftskrise genügend Stoff verarbeitet, der letztlich auch gesellschaftlicher Zündstoff ist. Vom Amoklauf als sozialgeschichtlich junges, doch um so schärferes Damoklesschwert ganz zu schweigen. Das ist viel. Sehr viel. Zu viel. Und genau das ist der Schwachpunkt des Stückes. Rundes Spiel Zweifellos ist die Dramatik der Situation bestens eingefangen. Die Unmöglichkeit, vor dem Amokläufer zu fliehen, der sterbende Unbeteiligte mitten unter ihnen, der psychologische Druck: die Schauspieler vermitteln die Brisanz der Lage alles in allem sehr gut. Allen voran glänzt Andreas Joachim Hertel. Sein Thomas ist aggressive Verzweiflung pur. Unberechenbar und doch zeitweise fast trügerisch verbindlich. Als Mann mit der Waffe hält er das Heft in der Hand und seine Freunde in Schach. Daß es der Mord an Frau und Kind ist, der seine Seele geradezu erstickt und ihn zur Gewalt zwingt, enthüllt sich erst spät. Dadurch wird Thomas' Charakter tief. Und die Reflexionen, die sich letztlich nur um den toten Vater drehen, sind glaubwürdig. Peter S. Herff liefert mit Ritchie einen Gegenpol: stoisch, kontrolliert, distanziert. Doch auch er trägt vieles mit sich. Im ganzen bleibt er aber ein wenig zu sehr hinter Hertels Thomas zurück. Die Distanz zwischen beiden ist groß und will selbst in dem Berührungspunkt der gemeinsamen Vergangenheit nicht recht schrumpfen – was ein klein wenig den Spannungsbogen entspannt. Aydin Isik als Kemal spielt so natürlich, als hätte man ihn direkt aus der sterbenden Zeche rekrutiert. Von Anfang an bleibt ihm nichts anderes übrig, als geschickt so zu taktieren, daß möglichst wenig Schaden entsteht. Er kann zur Eskalation jedoch nicht mehr beitragen, als zu verhindern, daß Thomas im Adrenalinchaos offen die Hörner aufgesetzt bekommt. Aber das ist nicht wenig! Numan Sarrac tritt als verwundeter Unternehmensberater im Hintergrund auf. Trotz Zündstoff: kleine Explosion Gut umgesetzt ist es also: die Schauspieler sind in ihren Rollen sicher, die Emotionen zwar stark, aber nicht übertrieben, die forcierte Enge der Situation glaubhaft in Szene gesetzt – nur springt der Funken nicht über, und das Stück wirkt über weite Teile behäbig. Der Zuschauer hat gerade aufgrund des fast übervollen Motivhimmels ab der Hälfte des Stückes längst durchschaut, wohin die Reise geht. Trotzdem wird der Bruderkonflikt immer weiter auf die Spitze getrieben. Der Familienmord ist damit schon kurz nach seiner Ankündigung als Element etabliert; nach all dem, was das Stück ohnehin schon auffährt, sowieso vorhersehbar. Und auch der atmosphärische Lichteinsatz, die eingespielte Musik, nicht zuletzt die Erscheinung der toten Ehefrau: was im Film die Ausweglosigkeit der Situation unterstrichen hätte, wirkt auf der Bühne eher als Bremse. So entstehen Längen, die es nicht gebraucht hätte. Gerade Peter S. Herff wirkt dadurch des öfteren unfreiwillig wie in Zeitlupe plaziert. Und Andreas Joachim Hertel fährt mit seinem kraftvollen Spiel stellenweise wie ein Güterzug mit Wurfanker durch das Stück. Eher Kaminfeuer statt Inferno Der versprochene Thrill bleibt so leider aus. Was übrigbleibt, ist allerdings eine saubere Psychostudie, die aber zu sehr aus dem vollen schöpft. "Unter Tage" lief bereits in Dinslaken im Rahmen der RUHR.2010, feierte dort eine flammende Premiere und lockte in sechs Tagen 1600 Zuschauer. Im Kölner Arkadas Theater war die Premiere am 16. März nicht weniger hell. Dennoch bleibt der Eindruck eines Feuers, das eher überschaubar schwelt, anstatt im flammenden Inferno zu lodern. Sehenswert ist das Stück jedoch allemal. Die Inszenierung fängt nämlich trotz allem emotionale Aggression und Verzweiflung gelungen ein. Und trotz drohender Überfrachtung sind die Schauspieler vom Scheitern weit entfernt. Weitere Termine des Stückes im Arkadas Theater: 17. März, 10.,11., 13. bis 16. April, 21. April, 19. und 20. Mai, jeweils 20 Uhr. Zur Theaterhomepage.
|