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Ein alter Greis steht nachts im Museum vor einem Gemälde von Pierre Bonnard, in der Hand Palette und Pinsel. Plötzlich holt er aus, setzt an und – verbessert das Bild. Der Nachtwächter kann es nicht fassen, vehement versucht er den Alten von seinem Vorhaben abzuhalten. Der wird wütend, behauptet, es sei sein Bild und er könne damit machen, was er will. Als der Wachmann ihn weiterhin von seinem Tun abhält, zückt er erbost den Ausweis und verlässt die Szenerie, einen verblüfften Wachmann zurücklassend: „Er ist Pierre Bonnard!“ So beginnt Israel Horovitz‘ Stück „Bonnards Geheimnis“, das am Wochenende im Euro Theater Central in Bonn gezeigt wurde. Ein Stück über Pierre Bonnard, den überaus schaffenswütigen französischen Post-Impressionisten, und das Verhältnis von Kunst zu Liebe und Leidenschaft. Der Maler und seine Frauen Es folgt eine Reise durch das Leben des Malers (Richard Hucke). Drei Frauen spielten darin eine besondere Rolle, allesamt dargestellt von Doris Lehner. Allen voran steht Marthe de Méligny, seine Muse, Gefährtin und letzten Endes sogar Ehefrau. Sie war sein berühmtestes Sujet, für exakt 384 Gemälde stand sie Modell, oftmals als Akt und bevorzugt in Badewannen-Szenen (ein Faible Bonnards).Ihre äußerlich makellose Schönheit stellte für den Künstler eine nie versiegende Inspirations-Quelle dar, innerlich glich sie eher einem Monster, das blind vor Eifersucht war. Berechtigte Eifersucht, denn Bonnard hatte mehrere Geliebte. Doris Lehner gibt demgemäß tadellos eine tobende Furie, die lediglich in einsamen Momenten ihr wahres Gesicht preisgibt: das einer frustrierten, verzweifelten Frau, deren Liebe nicht erwidert wird. Sie ist und bleibt nur das Modell Bonnards, mag sie auch noch so erpresserisch („Hochzeit oder Tod“) die Vermählung erzwingen. Eine vollkommen andere Person ist die Widersacherin, Bonnards Geliebte und ebenfalls Modell Renée Monchaty. Der Maler liebt „Chaty“ ehrlich. Obwohl sie brünett ist, stellt er sie stets mit blonden Locken dar, um das von ihr ausgehende „Strahlen“ zu verewigen. Auch die zweite zentrale Geliebte steht Modell, Lucienne Dupuy-de Frenelle, dargestellt als eine naiv-kichernde Studentin, die sich dem Maler freizügig anbiedert, doch lediglich eine kurze Affäre bleibt. Chaty und Bonnard treffen sich heimlich, schmieden sogar Hochzeitspläne, doch Bonnard, zu taktvoll, um Marthe die Liason zu beichten, wird noch bevor es dazu kommen kann, in die Ehe mit Marthe gedrängt. Chaty, die von Lehner entgegen Marthe mit einem liebenswürdigen und charmanten Charakter bekleidet wird, nimmt sich das Leben. Manches ändert sich nie Luc (Frank Musekamp) und Aurélie (Laura Weider), zwei Kunststudenten im heutigen Paris, die ihr Examen zu Pierre Bonnard schreiben, befinden sich in derselben Ränkelei: Sie lieben einander, doch sind beide anderweitig gebunden und können (und wollen) auch diese Lieben nicht aufgeben. Immer wieder unterbrechen sie die Szenerie und zeigen, dass Liebe, Leidenschaft und Kunst auch heute noch sowohl verbindet wie vernichtet. Musekamp und Weider geben dabei ein unglücklich verliebtes Modern-Times-Paar, das beim Museumsbesuch dem bewunderten Bonnard auch mal eine Rap-Hymne darbringt („Bonnard, Bonnard, Bonnard war genial“). Vehement kämpfen sie gegen ihre Liebe zueinander an, mal leise verzweifelt, mal lautstark, aber immer mit dieser Zerrissenheit zwischen Wollen und Nicht-Wollen. Die moderne Bonnard-Geschichte, durch Gespräche über sie unmittelbar verwoben mit dem Original. Glanzleistungen des Ensembles „Wir schaffen lauter kleine Lügen, um eine große zu ergründen“ sagt Bonnard zu seinem besten Freund und Förderer Thadée Natanson (Daniel Andone) bei einem Treffen kurz nach Chatys Tod zu der Frage, was ein Künstler eigentlich macht. Die Leidenschaft, die bei der Suche nach Perfektion freigesetzt wird, treibt in die Verdammnis, die Kunst fungiert als Erbauer und Zerstörer zugleich. Ein Umstand, der den durchweg virtuosen Schauspielern durchaus bewusst sein dürfte, beweisen sie doch 90 Minuten lang, dass sie selbst begnadete Künstler sind. Richard Hucke spielt nicht den Bonnard, sondern er wird zu ihm. Ruhig und exzentrisch zugleich, beständig schwankend zwischen der paradoxen Liebe zu Marthe und der herzinnigsten zu Chaty, braucht er die Kunst als Lebenselixier. Sein Förderer Thadée unterstützt ihn dabei mit Rat und Tat sowohl im Künstlerischen wie als Freund vor allem auch im Privaten. Mit viel Scharfsinn spielt Andone den adretten Juden, der als wahrer Freund in Erscheinung tritt und Bonnard nach besten Kräften unterstützt. Fazit: Ein Abend voller großer Gefühle, mit starken Schauspielern, die den Gestalten nicht nur ein Gesicht, sondern auch ausgeprägte Charaktere geben. In der intimen Atmosphäre des Euro Theaters wird man schnell in das Geschehen eingesogen, Horovitz‘ Geschichte wird zum Leben erweckt. Ein nicht enden wollender Applaus spricht bekanntlich Bände, in diesem Falle war er auch ohne Frage angebracht. Weitere Termine und Informationen zum Euro Theater Central gibt es auf der Homepage
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