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„Aber wir sollen ja nicht denken, wir sollen funktionieren!“ Dr. Pröll, Funktionsoberarzt der Chirurgie ist entsetzt, wirft seine Hände in die Luft und schleicht wie ein gebrandmarktes Tier um den Operationstisch herum. Seine Kollegen schauen ihn nur mit großen Augen an. Sie wollen ihn beruhigen. Doch das ist schwierig, weil sie sich selbst eingestehen müssen, dass er recht hat. „Am Anfang war ich ehrgeizig, der 24-Stunden-Dienst hat mir sogar Spaß gemacht. Ich habe meine Kollegen unterhalten, war immer vorne mit dabei. Und jetzt?“ Dr. Otteni, Facharzt für Anästhesie schaut leer in die Runde. Und jetzt? Tugsal Mogul ist in erster Linie Facharzt für Anästhesiologie und Notfallmedizin. Nebenbei allerdings auch Schauspieler und Regisseur. Eine gute Mischung also, um den knallharten Alltag der Ärzte in der Intensivmedizin auch mal für „Fachidioten“ auf die Bühne zu bringen. Mit Halbstarke Halbgötter wagte sich Mogul an ein schweres Thema, das er wohl so gut kennt, wie sonst nur seine Kollegen. Faszination und Wahnsinn liegen bei dem Ärzteberuf nah beieinander, die schönen Seiten vom Beginn des Lebens und erfolgreichen Operationen stehen dem Tod und dem Glauben an Versagen und Nichtskönnen gegenüber. Hinzu kommen immer mehr Patienten und immer weniger Ärzte. Klinikalltag, hautnah Einmal wieder ein Buch bis zum Ende lesen. Einen Samstag ausschlafen. Es sind kleine Wünsche, die sich beim stressigen Berufsalltag einstellen. Es geht um vier Ärzte: Dr. Dalfago (Carmen Dalfago), Fachärztin der Gynäkologie, Dr. Lamprecht (Bettina Lamprecht), Assistenzärztin der Chirurgie, Dr. Otteni (Stefan Otteni), Facharzt für Anästhesie, und Dr. Pröll (Dietmar Pröll), Funktionsoberarzt der Chirurgie. Sie alle erzählen von dem Menschen hinter dem Maschinenwerk, denn auch Halbgötter sind nur Menschen. Die Zuschauer sitzen an drei Seiten um die Bühne herum und werden in das Stück einbezogen. Auf der hektischen Visite wird schnell klar: Zuwenig Zeit, um sich um alle Patienten in der nötigen Weise zu kümmern. Hektik und Massenabfertigung, denn: Dr. Pröll muss ins OP. Jetzt! Die Herzfrequenzen der Schauspieler werden auf eine Leinwand übertragen, sie zeigen den Menschen hinter der Maschine. Wenn sich Dr. Dalfago über eine 16jährige aufregt, die sie um 4 Uhr morgens aus dem Schlaf reißt, weil sie die Pille danach braucht, geht der Pulsschlag schon mal auf 184. Authentizität, die berührt Die Dialoge wirken nicht auswendig gelernt, sind bewusst auf „normale“ Art verfasst. Sie greifen ineinander, wirken natürlich und lassen den Zuschauer ganz nah an die Situationen ran. Gänsehaut. Mal vor Freude, mal vor Kummer. Die Schauspieler bewegen sich auf höchstem Niveau, packen den Zuschauer am Schopf und konfrontieren ihn mit der knallharten Realität. Und das nur, um ihn anschließend an die Hand zu nehmen und scherzend durch die Intensivstation zu schlendern. Alles ist medizinisch fundiert. Mogul weiß, wovon er spricht. So gibt es im Stück auch mal eine Übersetzungseinheit, in denen die verwirrend klingenden Begriffe wie Adenosinmonophosphatkinase, postaxialer Typ, Achalasie oder Laparoskopie erklärt werden und plötzlich gar nicht mehr so unvertraut klingen. Die Erinnerung an das ärztliche Gelöbnis klingt feierlich, die Erlebnisberichte der ersten Einsätze lassen die Zuschauer Schmunzeln. Auch hier gibt es Erstlingsstreiche: Der Alkoholiker ist allen bekannt, nur der neuen Dr. Lamprecht nicht. Sie wird hingeschickt und „kriegt keine Spritze rein.“ Peinlich ist das. Und dann die Erlösung beim lachenden Oberarzt in der Klinik. ... denn auch sie sind nur Menschen Es sind die typischen Situationen, die Mogul darstellt: Not-OP während der Nachtruhe. Zu wenig Personal. Notruf im Außendienst. Übernächtigung. Scherze über die längste Narbe der Kollegen. Kollegenhaftes Angeben mit dem eigenen Können. Man kann regelrecht fühlen, was in den Köpfen dieser Leute vorgehen muss. Oder es zumindest erahnen. Dabei beschränkt sich Mogul auf ein minimales, aber sehr ausdrucksvolles Bühnenbild. Der größte Effekt: Eine echte Leber. Aber die wirkt nicht fehl am Platz, nicht eklig. Sie ist Teil des Alltags und für die Dauer des Stücks wird der Zuschauer ein Teil eben diesen Ablaufs. Wohlfühlen und Schauder wechseln sich ab. Muss ein Arzt sich Vorwürfe machen, wenn ihm ein Patient unter den Händen wegstirbt und er wirklich absolut nicht dagegen tun kann? Warum greift Dr. Pröll bei zu hoher Belastbarkeit zur Flasche? Ist ein Tanz auf den Gängen der Intensivstation erlaubt? Freut sich eine Assistenzärztin wirklich, wenn sie das erste Mal selber eine Operation durchführen darf? Mogul bringt in rund anderthalb Stunden Spielzeit alles auf den Punkt. Ein Stück, das unter die Haut geht und man gesehen haben muss. Damit man mal den Mensch hinter der Maschine sieht. Und der Spaß und Kummer hat und der lacht und weint, wie jeder andere Mensch auch. Die Vorstellungen im theater im ballsaal Bonn sind bereits ausverkauft. Am 12. und 13. März ist Halbstarke Halbgötter noch einmal im Gostner Hoftheater in Nürnberg zu sehen. Karten können unter info@gostner.de oder unter 0911/ 26 15 10 vorbestellt werden.
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