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Sie war Fotomodell, Schauspielerin, Sängerin – eine Ikone ihrer Zeit: Christa Päffgen alias Nico. Bekannt wurde sie als Frontsängerin bei “The Velvet Underground”, einer der erfolgreichsten Underground-Produktionen aller Zeiten, sowie vor allem als Muse von Andy Warhol. Im New York der 60er Jahre gehörte sie zu seiner berühmt-berüchtigten „Factory-Clique“, jener Künstlerschmiede, die sowohl durch revolutionäre Kunstideen wie vor allem durch exzessive Happenings auffiel. In „To All Tomorrow’s Parties. Erinnerungen an Nico and The Velvet Underground“ zeigt das Theater Bonn eine Hommage an diese Zeit zwischen Sex, Drugs and Rock’n’Roll.

Kaum hat man die Halle Beuel betreten, ist man auch schon mitten in der Szenerie. Die Wände sind von Alufolie bedeckt und reflektieren so das Scheinwerferlicht, mitten im Raum befindet sich ein Laufsteg, umrahmt von vier überdimensionalen Spritzen. Der ganze Raum ist zur „Silver Factory” geworden, Andy Warhols Studio im New York der 60er Jahre, in der sich stets eine bunte Mischung aus extravaganten Selbstdarstellern traf, um Kunst sprichwörtlich am Fließband zu produzieren.

Exzentrik und Wahn im Rausch der Musik

Ungeniert wird der alltägliche Wahnsinn dieser Avantgarde-Schmiede dargestellt. Ob sexuelle Leidenschaft (egal welcher Ausrichtung), ausufernde Drogenexzesse oder exzentrische Ausbrüche der Bohemiens – nichts wird verschleiert oder gar ausgelassen. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Auseinandersetzung mit dem Leben Nicos, ihrem rasanten Aufstieg in der Kunstszene der 60er Jahre und ihrem allmählichem (Ver-)Fall zum heroinabhängigen Junkie.

Das sechsköpfige Ensemble wartet mit einem skurrilen Reigen extraordinärer Persönlichkeiten auf, einige wechseln zeitweilig die Rolle. Hinzu gesellen sich vier lässige Musiker in schwarz, mit Sonnenbrillen, die geradezu apathisch vor sich hin starrend auf ihren nächsten Einsatz warten.

So wirft der niederländische Regisseur und Theaterkomponist Ivar van Urk die Zuschauer in einem berauschenden Arrangement aus 24 Songs und nur wenigen Textpassagen in eine Welt aus wahnhaften Zuständen.

Zum Titelsong „All Tomorrow’s Parties“ leidet man mit der Drag Queen Candy Darling (Arne Lenk), die immer wieder verzweifelt einen Mann sucht und seelisch aufgebaut werden muss. Bei „White Light/White Heat“ rockt man unwillkürlich in einem typischen 60er Jahre-Happening-Event mit.

Zwischen Extravaganz und Selbstzerstörung

Anastasia Gubareva zeigt sich dabei als Idealbesetzung für die engelsblonde junge Nico, die sie in eine naive Elfe verwandelt, die vom Rausch der Factory langsam aber sicher gefangengenommen wird.

Die ältere Nico mit pechschwarzen verfilzten Haaren inszeniert Susanne Bredehöft als einen vom Heroin heruntergewirtschafteter Junkie, der in anderen Sphären schwebt und auf der beständigen Suche nach dem nächsten Schuss ist. In wirren Textpassagen gewährt sie schemenhafte Rückblicke auf ihr Leben. Bei „I’ll be your mirror“ demonstriert sie ihrem jüngeren Abbild eindringlich und letztlich blutverschmiert, wie sie einmal enden wird.

Unterbrochen wird die Szenerie mehrfach von der männerhassenden Kampf-Emanze Valerie Solanas (Hendrik Richter), einer feministischen Autorin, die die Bühne stürmt und mit einer furiosen Eloquenz die Ausrottung aller Männer fordert.

Gerard Malanga (Ralf Drexler) greift zur Peitsche und führt seinen berühmten Whip Dance auf. Gleichzeitig wurden in seine Figur Elemente des homosexuellen Schauspielers Ondine transferiert, der zwischenzeitlich auch einmal die Rolle des Papstes mimt. Durch den ausufernden Drogenkonsum wird er jedoch zunehmend aggressiv und vergreift sich in einem ausdrucksstarken Tanz an Nico.

Gewalt, Wahnsinn und Selbstzerstörung beherrschen immer mehr als zentrale Motive die Szene. Schließlich eskaliert die Situation: Valerie Solanas schießt Warhol nieder und beendet damit zwar nicht sein Leben, aber doch jenes der Factory. Und damit schlägt auch Nico den direkten Weg hin zum eigenen Tod ein.

Mit einem rockig-resümierenden „Walk on the wild side“ entließ man die Zuschauer in die Nacht. Nicht jedoch, ohne zwei Zugaben zu geben – was nicht überraschte, denn allein die Musik stachelte ungemein an. Die schillernden Akteure taten ihr übriges.

Allen Fans der Extravaganz und des 60s-Lifestyle sei geraten: Auf nach Bonn ins Stück „To All Tomorrow’s Parties“.

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