Wenn 21 schwarz gekleidete Menschen die Bhne betreten und sich beginnen tnzerisch in der Mitte zu einem wirren Haufen zu formen, dann macht das neugierig auf das, was da noch kommen mag - und das ist nicht einfach zu beschreiben.

Zunchst beginnt das Menschenknuel sich wieder auseinander zu bewegen und es entstehen drei Gruppen. Da wren wir auch schon mitten in der Handlung. Drei Gruppen fr drei Theaterstcke aus denen abwechselnd einzelne Szenen gespielt werden.

Klingt verwirrend - ist es auch. Glck hat nun derjenige, der sein Programmheft vorher genau studiert hat, denn ein Blick auf das Bhnenbild zeigt schnell, in welchem der drei darin angekndigten Kushner-Werke wir uns befinden. Links hngt die Flagge der Vereinigten Staaten, rechts die deutsche und in der Mitte die rote Fahne der Kommunistischen Partei und der Sowjetunion.

Den Meisten ist Tony Kushner ein Begriff, nicht zuletzt, wegen seines 1993 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Dramas Angels in America. Szenen aus diesem Stck werden auf der linken Seite der Bhne gezeigt. Links, das steht fr Amerika, genauer gesagt, fr New York, den Schauplatz der Handlung. Das zweite Stcks Slavs! spielt in Russland, und rechts sehen wir Szenen aus A Bright Room Called Day, dessen Geschehen in Berlin stattfindet, folglich bei der deutschen Flagge.

Die anfngliche Verwirrung ob der vielen Darsteller und der stndigen Wechsel von Stck zu Stck, weicht aber schnell einer gewissen Neugier, sobald die gespielten Ausschnitte lnger werden, und klar wird in welchem Stck wir uns jeweils befinden.

Was die drei Dramen gemeinsam haben, ist, dass sie alle zu einer Zeit in einem mchtigen Land spielen, wo Menschen vor die Frage der eigenen moralischen und politischen Verantwortung gestellt werden. Fr was stehe ich ein? Lasse ich mich aus Angst mitreien? Stehe ich zu mir und meiner berzeugung, zu meinem Lebenswandel? Was kann ich als einzelner auslsen und in wie weit bin ich einer hheren politischen Macht ausgeliefert? Es ist sicherlich auch das Problem der Hilflosigkeit, mit dem der Zuschauer konfrontiert wird. Und da kommt auch der Titel wieder ins Spiel: What is to be done?

Ursprnglich war dies der Titel eines Romans eines russischen Autors, Publizisten, Literaturkritikers und Revolutionrs namens Nikolai Tschernyschewski. Darin kritisiert er die Unterdrckung der Bevlkerung Russlands im 19. Jahrhundert und beschreibt, wie der einzelne, idealistische Mensch im Kleinen Vernderungen fr die ganze Welt erzielen knne. Spter bernahm Lenin den Titel. Was tun? war die berschrift einer seiner politischen Schriften, die 1902 erschien.

Und da ist er wieder, der Bogen zur Handlung. Slavs! behandelt das Ende der leninistisch-stalinistischen Revolution und die letzten Jahre der UdSSR, angefangen bei der Wahl Gorbatschows zum Generalsekretr der Kommunistischen Partei. Kushner beleuchtet die Psyche der Bevlkerung in einer Zeit des Wandels. Wir sehen Diskussionen ber eine neue ra von Uschanka tragenden Bolschewisten, die sich im Himmel kartenspielend ihren Theorien hingeben. Aber auch einzelne Charaktere der Bevlkerung werden nher betrachtet. Da wre z. B. Katharina, eine aggressive lesbische Nachtwchterin, die die Gehirne fhrender Kommunisten, wie Stalin und Lenin bewacht, die von der Partei an einem Ort in Sibirien aufbewahrt werden sowie deren Partnerin Bonfila eine rztin, die sich mit den Folgeschden der Tschernobyl Katastrophe beschftigt und Betroffene untersucht. Es ist die Rede von den gelben Kindern, die ohne berlebenschance auf die Welt kamen. Eines von ihnen ist die kleine Vodya, deren verzweifelte Mutter von ihrem schlimmen Schicksal und ihrer Hilflosigkeit gegenber Regierung und der eigenen Situation berichtet.

A Bright Room Called Day hingegen, spielt im Berlin der dreiiger Jahre, der Zeit des Endes der Weimarer Republik und des Beginns der Machtergreifung Hitlers. Die Handlung dreht sich um die Schauspielerin Agnes Eggling und um eine Gruppe von Freunden, ebenfalls Schauspieler, die sich regelmig in Agnes Apartment treffen. Wir sehen die anfngliche Freude der Gruppe am Sylvesterabend des Jahres 1932 und deren gemeinsame kommunistische berzeugung und Untersttzung der KPD, und wie sie allmhlich der Angst und Flucht vor den Nazis weicht. Diese Handlung wird regelmig unterbrochen von Zillah, einer Amerikanerin, die aus dem Amerika der 80er und der dort wachsenden republikanischen Macht geflchtet ist, und sich in hasserfllten Briefen an Prsident Reagan richtet.

Szenen aus dem dritten Stck, Angels in America, zeigen uns das Amerika der 80er Jahre mit den Problemen der Reagan-ra und dem Aufkommen von AIDS. Da wren der erkrankte Prior und sein Lebensgefhrte Louis, der berhmte Anwalt Roy Cohn, ebenfalls insgeheim homosexuell und an AIDS erkrankt und Beispiel fr das korrupte Rechtssystem der USA sowie die Geschichte um den Anwalt Joe Pitt und dessen Frau Harper, ein mormonisches Ehepaar, das von der Homosexualitt Joes und Harpers Tablettensucht vor den Scherben seiner Ehe steht.

Es ist verstndlich warum gerade diese drei Stcke gewhlt wurden und Dramaturg Andrew Hood, wie Regisseurin Diane Benedict, schufen ein beeindruckendes Gesamtwerk. Zu loben ist auerdem die eindrucksvolle Ensembleleistung. Alle Akteure bewiesen erstaunliches schauspielerisches und teilweise auch gesangliches Talent. Mit Hilfe der einfachsten Mittel, erzielten die beiden Choreographen Marcus Pickering und Skaska Thylmann hervorragende Effekte. So entzndeten die Studenten beispielsweise, mit nicht mehr als roten Gummihandschuhen und dem Getse von Fen und Stimmen, ein lebendiges Feuer, oder zauberten mit schwingenden Armen und Taschenlampen, himmlische Engelsflgel auf die Bhne. Besonders hervorzuheben sind die Einzelleistungen von Leah Clark als Katharina und John Dittricks als Prior, deren Spiel hufig Szenenapplaus erhielt.

Die reine Spielzeit betrgt allerdings, aufgrund der enormen Quantitt der Szenen und der stndigen Wechsel, mehr als drei Stunden und 15 Minuten. Es ist eine enorme Flut an Handlungen, Charakteren, politischen Hintergrundberichten und Informationen, die auf das Publikum einbricht und zu einer regelrechten Reizberflutung und nachlassender Konzentrationsfhigkeit am Ende der zweiten Stunde fhrt.

Alles in allem ist das Stck, die Idee, die Leistung aller Studenten und die groartige innovative Inszenierung, durchaus lobenswert und beeindruckend, aber manchmal ist eben doch weniger mehr. So htten auch Szenen aus zwei Dramen gereicht oder eben nur wenige besonders aussagekrftige Ausschnitte aus allen dreien. Denn wie besagt bereits ein altes deutsches Sprichwort: Zuviel verderbt gut Spiel.

Artikel drucken