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„Ich Spiele dieses Stück, bis das Stück mich spielt!“ Das ist Pathos und Energie. Recht so: Manch einem Schauspieler stünde diese Einstellung gut zu Gesicht. So sprach allerdings Agamemnon, Kriegsherr aller Griechen und Initiator des Trojanischen Krieges. Nachzulesen in Homers Ilias. Wohlgemerkt: Nicht das Zitat, mehr der Krieg an sich. Streng genommen war es nicht Agamemnon selbst, sondern einer der Schauspieler der BUSC. Ja ist klar, aber nicht wirklich. Wir schreiben das Jahr… och, eigentlich auch wurscht. Unsere Zeit etwa: Der Campingplatz ist jedenfalls schon erfunden, und dorthin entführt das Ensemble der BUSC in der Premiere von Werner Schwabs Troiluswahn und Cressidatheater in der Brotfabrik in Bonn-Beuel am 26. Juni. Nicht an die Gestade Trojas etwa, doch zumindest im Geiste nach Griechenland. Eine Truppe Schauspieler versucht das Drama Troilus and Cressida von William Shakespeare einzustudieren. Wohlgemerkt: Nicht die Shakespeare Company selber, die mimt die andere Truppe, die ihrerseits "Theater spielt". Alles klar? Nein? Schwierig, schwierig – verständlich: Metaebene für Metaebene kaskadiert und verflechtet sich die Charaktermythologie und Psychologie zu einem schwer entwirrbaren Gespinst und gäbe es nicht zumindest eine sprachliche Differenzierung zwischen dem Stück im Stück, selbsterklärend durch Shakespeare-Englisch und der Mimentruppe an sich, die "Deutsch" spricht, man wäre schnell des Grenzwahns fette Beute. Abgesehen davon, das Schwabs gewöhnungsbedürftige Wortaneinanderreihungen gelegentlich den semantischen Nutzwert missen lassen und die "gewienerten" Passagen den Wunsch heraufbeschwören sich einen doppelten Mokka und ein Stück Sacher zu bestellen. Es gibt aber nur Würstchen auf dem Grill, auf dem Campingplatz, in Griechenland, während die gottgleichen Helden ihren Auftritt zelebrieren. Gleich an Augen und Haupt dem donnerfrohen Kronion, Gleich dem Ares an Gurt, und an hoher Brust dem Poseidon. So wie der Stier in der Herd ein herrlicher wandelt vor allen, Männlich stolz, denn er ragt aus den Rindern hervor auf der Weide. (Ilias: zweiter Gesang) Wie ein Stier oder ein Rind? Zumindest wie ein Gockel: Parade der Achaier (Griechen), allen voran Agamemnon. Die griechischen Fürsten allesamt in königlichen Gewändern, sprich: Morgenmantel und Badelatschen. Gestritten wird sich schnell reichlich. Die Griechen mit den Trojanern sowieso und alsbald die Griechen miteinander, vielmehr die Schauspieler untereinander. Man ist sich uneins, wie man das Shakespearestück einzustudieren hat: Es ist das siebte Jahr des Krieges, ausgelöst durch Paris Raub Helenas. Achilles mit Agamemnon zerstritten, weigert sich am Kampf teilzunehmen und lebt mit seinem Gefährten Patroklus in seinem Zelt. Im Lager der Griechen herrscht eine Krise: Kampfesmüde sind die Mannen. Agamemnon, Nestor und Odysseus (Engl. Ulysses) beraten sich. Bei den Trojanern begehrt indes Troilus (Hendrik Wevers), jüngster Sohn König Priamos, Cressida (Sarah Kloss), Tochter des Priesters Calchas, der auf die Seite der Griechen gewechselt ist, da er Trojas Untergang "gesehen" hat. Troilus wendet sich an Cressidas Onkel Pandarus (Paul Zitzke), der versucht die beiden zu verkuppeln. Währenddessen bietet der beste Kämpfer und Erstgeborener Priamos, Hektor, den Griechen ein Duell an. Die Zweifel in den griechischen Reihen will er ausnutzen und ihren Kampfesmut endgültig brechen. Ajax, ein Hüne herkulesischer Natur will gegen ihn antreten. Zwischenzeitlich führt Pandarus Cressida zu Troilus und die beiden schwören sich ewige Treue und Liebe, zu vielmehr kommt es aber nicht: Antenor, ein trojanischer Heerführer, wird von den Griechen gefangen genommen. Calchas überredet Agamemnon Antenor gegen Cressida auszutauschen. Die Trojaner gehen darauf ein, und Cressida verlässt die Stadt im Versprechen Troilus treu zu bleiben. Während Hektor und Ajax miteinander kämpfen, wird Cressida im Lager der Griechen "herumgereicht". Der Kampf geht unentschieden aus, die Griechen feiern ein Fest und Troilus besticht Ulysses, der ihn heimlich ins Lager bringt. Dort ertappt er Cressida beim willentlichen Treuebruch mit dem griechischen Heerführer Diomedes. Er bricht voll Gram zusammen. Am nächsten Tag rüsten beide Heere zum Kampf. In der Schlacht fällt Patroklus, Achilles tritt in den Kampf ein und Hektor wird von den Myrmidonen umzingelt und erschlagen. Zurück auf dem Campingplatz, ringt die dilettantische Schauspieltruppe – nicht die "Echten", die Gemimten – mit sich selbst. Und auch hier nimmt das Beziehungswirrwahr alsbald erschreckende Dimensionen an. Man streitet sich, man überwirft sich und das Spiel im Spiel wird zum Spiegelbild oder zum Zerrbild der Realität. Gleichwohl, sind die Figuren bei Schwab nicht mehr als Grotesken, ebenso wie die homerischen Vorlagen archetypischen Mustern folgen: Krieger, treusorgender Beschützer, Führer, Priester, "unsterblicher" Held, Weiser, Verführer und Täuscher. Doch hätte bei Homer jeder Psychologe seine Freude an diesen Mustern gehabt, müsste bei Schwab gleich eine ganze Schar Psychiater beschäftigt werden. Eine wild überzeichnete "Orgie" menschlicher Affekte, gleichsam in Umkehrung der klassischer Motive und in Kulmination sexueller Unterschwelligkeit des Original Shakespeares: Die verzaubernde Helena (Eva Zielasko) als promiske Schlampe, der Weise Nestor (Christoph Seibert), als grenzdebiler rollstuhlfahrender und kathetrierter Greis, der unbezwingbare Ajax (Chris Karpenchuk) als proletischer "Zwerg" und Patroklus (Stephanie Klaedtke, Thomas Pähler) als gespaltene zweigeschlechtliche Entität. Der Rest schneidet nicht besser ab. Zentraler Dreh- und Angelpunkt dieser Clownerie ist der Würstchengrill, anstelle des Feuers als Versammlungspunkt des antiken Feldlagers. Sollte es für ihn eine bedeutungsvollere (Meta)Ebene geben, entschlüsselt die sich im Dickicht diverser Verwirrungen nicht. Allerdings darf er zum Ende als Mordinstrument herhalten. Mit Hektor (Ingo Piess) nimmt es halt in keiner Version des homerischen Stoffes ein gutes Ende. Nicht wirklich schlauer, hat man nach knappen drei Stunden einiges an der Seite der Akteure durchlebt. Selbst wenn nicht gleich "erleuchtet", zollt man dem Ensemble seines fulminant-brachialen Spiels wegen uneingeschränkten Respekt. Wechselbälgern gleich, glitten sie fließend von einer in die andere Sprache und Rolle und unwillkürlich stellt sich die Frage, ob sie noch selber zu jeder Zeit wussten, wen gerade sie geben und wie es nach der Vorstellung zum gewohnten Ich zurückzufinden geht? Als Zuschauer ist es nicht verkehrt zumindest grundlegende Kenntnisse der homerischen Epenwelt zu haben, notwendiger als das, sind aber solide Englischkenntnisse. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass solche Inszenierungen in ganz besonderem Maße Geschmackssache sind, den einen genialisch inspirierend und unterhaltend, einen anderen verwirrt die Stirne runzelnd, auf jeden Fall spektakulär mit allerlei Wurstsemmeleiferei. Weitere Aufführungen in der Brotfabrik Bonn-Beuel sind am 28./30.6. und 1./2.7. jeweils um 20 Uhr. Karten kosten 9 Euro, Studenten zahlen 6.50 Euro. Karten sind an der Abendkasse erhältlich und können bei der Brotfabrik bestellt werden (0228/ 42131-0).
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