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„Es ist nicht traurig das die Kinder nicht mehr sind, sondern das sie waren und wir noch immer sind!“ Ein langer Weg ist es bis dorthin. Dem endgültigen Höhepunkt und finalem Akt Medeas Grausamkeit, wie sie sich an ihrem eigenen Fleische vergeht. Getrieben von Neid, Missgunst, Verlangen und allen ach so menschlichen Trieben und Begierden. Sigmund Freud, der geistige Vater aller Seelenklempner hätte sein "Vergnügen" daran gehabt.

Hybris, die maßlose Verblendung und jenes triebhafte Streben nach den Dingen, die nicht des Menschen sind, sondern der Götter, kennzeichnen als Kernmotive nahezu alle antiken Dramen. Der Legende nach fliehen die Kinder König Athamas, Helle und Thronanwärter Phryxus, vor ihrer Stiefmutter Ino auf dem Rücken eines goldfelligen Widders (Chrysomeles). Von den Göttern entsandt steigt der Widder in die Lüfte und trägt die Kinder Richtung Osten. Über der Meerenge, die Europa von Asien trennt, stürzt Helle ins Wasser und ertrinkt. Seither ist diese Stelle als Hellespont (Meer der Helle) bekannt. Der Widder trägt Phryxus bis nach Kolchis, einem Land am Schwarzen Meer und setzt ihn sicher ab. Dieses Land wird von König Aietes regiert, der gewährt Phryxus Gastrecht und aus Dankbarkeit opfert dieser den Widder Zeus und schenkt Aietes dessen goldenes Fell. Später gelangt Jason mit den Argonauten an die Küsten Kolchis. Jason, der Sohn des verstorbenen König Äson, hat die Aufgabe das Goldene Vlies aus Kolchis zu holen und seinem Onkel Pelias in Korinth auszuhändigen, bevor er Anspruch auf dem ihm rechtmäßig zustehenden Thron erheben darf. Dank der Hilfe der Göttin Aphrodite verliebt sich Medea in Jason und verhilft ihm anschließend zum Vlies. Gemeinsam segeln sie nach Korinth.

Als Vorlage für Franz Grillparzers Das Goldene Vlies (Uraufführung 1821 in Wien) dienen diese beiden antiken Epen: Die Argonauten von Apollonios von Rhodos und Euripides Medea. Allerdings interpretiert er den klassischen Stoff in seinem Stück, das aus den Teilen Der Gastfreund, Die Argonauten und Medea besteht, teilweise neu. In einer, seiner Zeit weit vorauseilenden Weise, verbandt er Psychologie und Mythos, vergleichbar mit Wagners Ring-Tetralogie. Grillparzer, zeitlebens ein gequälter und besessener Selbstbeobachter, verarbeitet in all seinen Werken Seelenzustände der Depression, Realitätsflucht, Depersonalisierung und Selbstentfremdung, lange bevor die Psychoanalyse Begrifflichkeiten dafür (er)fand.

Diese Motive kennzeichnen auch die Inszenierung von Karin Beier und Rita Thiele, die am 7. Mai in Köln Premiere feierte. Anders als in der klassischen Vorlage, schenkt Phryxus Aietes nicht das Widderfell. Aietes geblendet von der Schönheit des Vlieses ermordet Phryxus und bemächtigt sich des Fells. Diesen feigen Mord und Bruch des „Heiligen Gastrechtes“ werden die Götter nicht ungesühnt lassen. Jahre später gelangt Jason nach Kolchis. Er hat die Aufgabe Phryxus Tod zu rächen und das Vlies nach Korinth zu bringen. Als er Medea erblickt flammen noch ganz andere Begehrlichkeiten in ihm auf. Auch Medea entwickelt Gefühle für Jason, ist jedoch zunächst zwischen ihrer Loyalität zu Vater, König und Land und der Liebe zu diesem hin- und hergerissen. Aietes versucht seine Tochter zu bewegen Jason zu vergiften, diese wendet sich von ihrem Vater ab. Jason außer sich über solch verräterischen Tun Aietes, nimmt dessen Sohn Absyrtus als Geisel, der aber zieht es vor von eigener Hand zu sterben, den als Faustpfand zu dienen. Der Fluch des Vlieses fordert, nicht zum letzen Male, Opfer.

Einige Jahre sind vergangen: Jason und Medea kommen nach Korinth. Inzwischen haben zwei Söhne als Frucht ihrer Liebe das Licht der Welt erblickt. In Korinth regiert immer noch Jasons Onkel Pelias. Jason trifft auf seine ehemalige Geliebte, Königstochter Kreusa, die ihn und seine Kinder herzlichst aufnimmt. Nur die "Barbarentochter" Medea ist wenig willkommen. Jason wendet sich bald immer mehr von seiner Frau ab. Alte Begehrlichkeiten ziehen ihn unaufhaltsam von ihr fort. Medea wird von allen fallen gelassen. Kein Platz ist für sie in Korinth. Sie soll gehen, zurück in ihre ferne Heimat. Die Kinder sollen aber bleiben.

Im Verlauf dieses triebhaften Reigens, das an vielen Punkten auch inzestuöse Motive der "Liebe" schonungslos offen legt, entwickelt die Inszenierung eine teils mitreisende Dynamik und einen gewissen satirischen Charme. Soviel herausbrechende Absurdität der Affekte und Obessionen sowie fortwährender Kampf gegen die „Inneren Dämonen“ aus Verlangen, Neid, Rachsucht und Schuld, kommen nicht aus ohne eine Spur gequälter Komik. Maßgeblich verantwortlich für diese Kraft des Spiels, ist der volle Körpereinsatz aller Akteure. Mit teils surreal anmutenden Tanzelementen manifestieren sich die peinigenden Seelenqualen und unkontrollierten Triebe der Figuren und schwappen als Welle nackter Emotion den Zuschaurreihen entgegen. Diese Spannung entlädt sich dann beim Zuschauer in manch einem reinigenden Lacher. Hut ab vor solch brachial-eleganter und mitreisender Schauspielkunst: allen voran Maria Schrader (Medea) und Carlo Ljubek (Phryxus).

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