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Geschrieben hat das Werk der Komponist Moritz Eggert, für die Inszenierung vorgesehen niemand geringeres als der Skandal-Primus Christoph Schlingensief. Doch irgendwie kam alles ganz anders: weil sich Komponist und Regisseur vergebens um eine künstlerische Basis bemühten, kam man überein, die Oper als ein bislang nie da gewesenes Zwitterwesen zu präsentieren. Zunächst eine konzertante Fassung des Werkes nach Vorstellung von Moritz Eggert, in der Pause dann die medialen Ergüsse des Christoph Schlingensief mit seiner persönliche Interpretation des FREAX-Motifs.

Alles klar? Nicht so wirklich, und so startete der Abend dann auch mit einer kleinen Einführung des Komponisten, einem Plädoyer an die Zuschauer, sich ihrer Phantasie und Vorstellungskraft zu bedienen um in der folgenden Aufführung das zu sehen, was er sich dabei gedacht hatte. Denn „konzertante Fassung“ bedeutet nichts anderes, als das auf jegliche Aktion verzichtet wird, reiner Vortrag von Text und Musik, ohne szenische Darstellung, ohne Requisiten. Das sei ein bisschen so, als wenn man einen Film ohne Ton ansieht, bemerkte Moritz Eggert fast demütig. Aber er habe Vertrauen an die imaginative Kraft der Zuschauer. „Ich lege mein Stück in Ihre Hände“, sagt er, und das Spektakel beginnt.

Die Darsteller betreten die Bühne und nehmen vorne auf einer Reihe von Stühlen Platz, die Textbücher in der Hand. Oberhalb der Bühne werden die Regieanweisungen projiziert, so dass die Zuschauer trotz fehlendem Agieren der Handlung folgen können. Erzählt wird die Geschichte des kleinwüchsigen Franz, der mit einer Reihe bizarrer Gestalten (Freax genannt) in einer Show auftritt, einer Freak-Show, wie man sie aus der Literatur- und Theatergeschichte kennt. Da glücklicherweise auf Kostümierung nicht verzichtet wurde, erschließt sich dem Zuschauer von Anfang an das Personal der Geschichte: der Direktor, eine Reihe von kleinwüchsigen Diven, ein Hermaphrodit, ein Leopardenmann, ein siamesisches Zwillingspärchen und oberhalb der Bühne der Chor in bunten Phantasiekostümen.
Franz, in der Show unter dem Künstlernamen Horst mit Partnerin Helga ein Star, ist wohlhabend und zieht so das Interesse der schönen groß-gewachsenen Sängerin Isabelle auf sich. Diese beschließt, dem kleinen Mann ihre Liebe vorzugaukeln, um so an sein Vermögen zu kommen und sich mit Ihrem Liebhaber ein schönes Leben machen zu können. Franz verfällt der gerissenen femme fatale, macht ihr einen Heiratsantrag und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Im ersten Moment ist die Verwirrung seitens der Zuschauer groß. Die Regienanweisungen lesen, den Klängen lauschen und gleichzeitig auf die Mimik der ansonsten bewegungslosen Gestalten achten, erfordert Konzentration. Aber es funktioniert. Das Kino im Kopf setzt ein und auf einmal ist alles ganz offensichtlich: die Freak-Showbühne und die verwitterte Bar entstehen vor dem geistigen Auge. Das Stück lebt von den klar gezeichneten, besonderen Gestalten die es bevölkern und die mit ihren Einzelschicksalen jeder für sich ein kleines Universum bilden: so zum Beispiel die siamesischen Zwillinge Anne-Marie und Marie-Claire, von denen die eine ein Kind erwartet, oder der Hermaphrodit Dominique, dessen weibliches und männliches Ego im ständigen Streit miteinander liegen. Der mit folkloristischen Zirkus-Melodien angereicherte Klangteppich hüllt die Zuschauer in eine wohlige Decke des Staunens und des sanften Gruselns. Dank einer Vielzahl eher opern-untypischer Instrumente wie Trichtergeige und Banjo immer wieder anders, tragisch-komisch, mit einem Hang zu Dissonanzen. Jahrmarkt-Flair eben.
Bliebe nur noch Teil zwei der Oper zu erwähnen, Schlingensiefs Video-Installation „Selbstverstümmelung“ im Foyer der Oper: jede Menge Leiber und Körperflüssigkeiten und eine Kreuzigung rauschen auf einen hauchdünnen Vorhang projiziert an einem vorbei, dahinter halten Schauspieler aus dem Schlingensief-Team, Kleinwüchsige und Behinderte munter eine Art letztes Abendmahl ab. Eine Mischung aus Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater und Nirvanas Video zu „Hard shaped box“. Irgendwie schon mal da gewesen, irgendwie gewollt, irgendwie blass. Die Mehrheit der Opernbesucher lungert unmotiviert vor dem Spektakel und lässt sich sichtlich unbeeindruckt nach Ende der Pause zurück ins Zirkuszelt treiben. Und dort geht es im zweiten Akt im Polka-Schritt weiter durch die Geschichte um Liebe, Verrat und Körperformen.

Nachdem der symbolische Vorhang gefallen ist und ein paar einzelne wehmütige Buh-Rufe aus den Reihen der Schlingensief-Jünger verklungen sind, werden murmelnde Stimmen laut, die sagen: „Diese Oper hätten wir gerne als echte Oper mit Action und Tam-Tam gesehen!“ Aber wenn man sich nun die Worte von Moritz Eggert vom Beginn der Aufführung ins Gedächtnis ruft, kann man zufrieden sein. Das Zusammenspiel aus Gesang und Musik mit der eigenen Phantasie und Vorstellungskraft hat funktioniert. Und irgendwie ist man so Teil der Show geworden, ein Teil der Freak-Show. Was will man mehr.


Weitere Vorstellungen am 6., 8., 14., 16., 22. und 29.September.
Infos zur Kartenreservierungen unter www.beethovenfest.de

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