Wir sitzen in einem schummrig beleuchteten Kellerraum, whrend im groen Haus, dem Theatersaal des Dsseldorfer Schauspiels, das Hauptwerk Goethes dargeboten wird. Elfriede Jelineks FaustIn and Out (2012) spielt hier zeitgleich zur Vorstellung von Goethes Urfaust. Das Stck wurde vor dem Hintergrund der neuen Geschftsidee Jelineks entwickelt, dem Theaterbetrieb sogenannte Sekundrdramen anzubieten. Sekundrdramen der Schriftstellerin knnen nur parallel zum Klassiker gespielt werden, enthalten jedoch eine eigene Handlung inklusive zahlreicher Querverweise. Die Stuhlreihen an den umliegenden vier Wnden bieten nur Platz fr etwa dreiig Zuschauer. Einzige Requisiten im kargen Raum sind zunchst zwei, oberhalb der Stuhlreihen platzierte Fernsehapparate, die das Geschehen der Goethe-Fassung von der Bhne im groen Haus aus live zeigen. Doch die Monitore sind viel zu klein und tonlos, um vom dsteren Keller-Geschehen ablenken zu knnen. Whrend die Besucher so zunchst wenig von der sprachgewaltigen Goethe-Fassung mitbekommen, wird das Geschehen im Keller von einem Kameramann gefilmt und dann in der Goethe-Inszenierung im Saal auf einer Grobildleinwand live bertragen. Nach einer kurzen Eingewhnungsphase an den bhnenlosen Raum fangen drei unscheinbare, zwischen den Zuschauern platzierte Darstellerinnen (Franziska Walser, Miriam Maertens, Sarah Hostettler) abwechselnd an zu sprechen. In kurzen Stzen wird ohne Pause zynisch und sarkastisch kalauernd ber begrenzte Perspektiven und Lebensaufgaben einer exemplarischen Frau gesprochen. In den lebhaft betonten und gestenreich vorgetragenen Monologen sind oft Zitate aus Goethes Faust verwoben, die frei assoziativ und mit Sprachspielen in neue Zusammenhnge gestellt werden. Es geht zunchst um die allgemeine Wehleidigkeit der Frau und ihre grenzenlose Abhngigkeit vom Urteil der rzte oder Mnner. Schon bald beklagt eine andere Sprecherin, dass die kindliche Ergebenheit in Abhngigkeit auch unerquickliche Unruhe mit sich bringt, besonders dann, wenn es nicht mehr der Arzt ist, der die Frau schlussendlich noch versorgen kann.

Erleuchtung: noch nicht eingetroffen.

Eine Toilettenschssel wird in der Mitte des kalten Raumes platziert, damit sich die Figuren hier erleichtern knnen. Gut hrbar wird in die Schssel uriniert. Eine andere Erleichterung bietet der zweckmig-kalte Keller nicht, in dessen Begrenzung sich die Figuren nur den Gedanken hingeben knnen. Haben sie sich hier selber beerdigt oder wurden sie gar vom Vater weggesperrt oder vom Gott-Vater begraben? Die Ausweglosigkeit der Situation spiegelt sich einer kompromisslosen Sprache, welche kein Selbstwertgefhl mehr zulsst: Ich bin nichts als eine Fotze. Ich bin ihm eine Last. Ich bin die Tochter und gleichzeitig die Frau meines Vaters. Ich bin einfltig. Ich bin entdreigefaltet und -gerissen. Ich bin einmal unter ihm zerrissen, aber das macht nichts. Er sagt, was unter ihm geschieht, ist ihm egal. Hier setzt Jelinek die Dreifaltigkeit mit einer Machtposition gleich, die ein selbsternannter Frsorger als Allerfasser und Allerhalter und Alleinunterhalter zwanglufig ber von ihm Abhngige gewinnt. Jelinek kritisiert an Goethes Faust, dass seine Figur uneingeschrnkte Macht ber die Frau am Beispiel Margaretes erlangt und diese Macht ohne Rcksicht auf Verluste gebraucht. Als Kulminationspunkt mnnlicher Verbrechen an der Frau zitiert Jelinek dafr wiederholt den Fall Fritzl von 2008. Der 73-jhrige Geschftsmann Josef Fritzl aus Amstetten in Niedersterreich hielt seine Tochter 24 Jahre lang im hauseigenen Keller gefangen und vergewaltigte sie dort. Sie bekam im Keller sieben Kinder.

Weh und Ach. Wenn sich das Kellerloch doch noch ffnet

Whrend Faust auf der Bhne im groen Saal poetisch-pathetisch ber den Sinn des Lebens und Menschseins nachgrbelt und erkennen mchte was die Welt im Innersten zusammenhlt, gehen die Frauen bei Jelinek im Keller ein und erwarten, dass sie bald genauso wie die Kellerwnde verwittern. Pltzlich bricht nach etwa anderthalb Stunden ein Faust-Darsteller (Edgar Selge) die Kellertr auf und erscheint, eine Axt schwingend, im ersten Moment wie der lang erwartete Peiniger. Doch wider den Erwartungen bittet er die drei Darstellerinnen zusammen mit dem Keller-Publikum auf die Bhne, nachdem alle ein hnliches graues Jackett angezogen haben. Auf der Bhne angelangt begrt der andere Faust-Darsteller (Frank Seppeler) die aus dem Keller befreiten freundlich mit Handschlag. Nach einem Moment der Stille darf das Kellerpublikum von der Bhne abtreten ist und an den Seitenrngen im groen Saal bei den brigen Theaterbesuchern Platz nehmen. In der wiedergewonnenen Freiheit vermgen es die drei emporgehobenen Frauenfiguren mit ihren Kellererfahrungen nur schwer, die von den beiden Faust-Figuren an sie gerichteten Erwartungen zu erfllen. Dem formschnen Begehren Fausts wird mit vulgrsprachlichem Trotz und Zweifeln geantwortet. Doch beide Faust-Darsteller, die mit Mephistopheles auch unterschiedliche Wesenszge von Goethes Figur verkrpern, haben ihre Mittel und Wege der berzeugungskraft. Schon bald sumen Leichen die Bhne, da Gretchen ihr, mit Faust gezeugtes uneheliches Neugeborenes ttet und daraufhin selber hingerichtet wird. Das letzte Wort spricht dann kurze Zeit spter aber doch Jelineks FaustIn (Franziska Walser) und ldt damit zum Nachdenken ein: Ziehen sie bitte selbst den Mann von alledem jetzt ab. Sie knnen ja subtrahieren, hoffe ich.

Wie Goethe einst sein Gretchen strafte

Johann Wolfgang von Goethe beschftigte sich nicht nur literarisch, sondern auch als Jurist mit Kindesttungen und der Verurteilung von sogenannten Kindesmrderinnen. Bei einem Kindesmord-Fall vom 11. April 1783 empfahl Goethe gegenber dem unentschlossenen Richter das Todesurteil fr die Tterin Johanna Catharina Hhn. Die junge Frau wurde daraufhin ffentlich hingerichtet. Wenig erstaunlich ist deshalb, dass Jelinek auch fr Goethe und sein Hauptwerk keine mildernden Umstnde walten lassen mchte und mit ihrem Sekundrdrama seine Gretchentragdie in einem neuen Licht erscheinen lsst. Die tempo- und einfallsreiche Inszenierung des tschechischen Regisseur Dusan David Parizek berhrt dabei auch aktuelle Diskussionen, wie etwa die gesellschaftlichen Voraussetzungen und den Umgang mit dem Fall Fritzl. Wer nach dem Ende von Karin Beiers Intendanz sozialkritische und mutige Urauffhrungen von Jelinek im Klner Schauspiel vermisst, dem sei die Reise zum Dsseldorfer Schauspielhaus in diesem Jahr sehr empfohlen.

Nchste Spieltermine im Dsseldorfer Schauspielhaus am Di. 18.02. und Mi. 19.02. jeweils um 19.30 Uhr. Mehr Infos gibt es auf der Website des Dsseldorfer Schauspiels.

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