Zu Lebzeiten hatte Martin Kippenberger das Image eines exzentrischen, eigenwilligen Bohemiens, dessen Werk nicht leicht zugnglich war. Wie kaum ein anderer verstand es der Konzeptknstler sich in seinen Bildern und Installationen selber als Schauspieler einzubringen. Auch heute noch, wie etwa auf der krzlich veranstalteten Klner Art.Fair, regen seine Bilder aufgrund ihrer mehrdeutigen Bezge und fehlender political correctness zu eigenen Auseinandersetzungen an. Ein Exzess des Moments untertitelt Angela Richter ihr theatrales Portrait des Ausnahmeknstlers, das Kippenberger ein ebenfalls mehrdeutiges und vielstimmiges Denkmal setzt. Die gebrtige Kroatin ist seit Beginn der Intendanz von Stefan Bachmann neue Hausregisseurin am Schauspiel Kln. Obwohl ihre Urauffhrung die vielen Facetten des radikalen Knstlers wrdigt, der in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden wre, tritt sein inhaltliches Werk in den Hintergrund.

Marek Harloff als Kippenberger
Beschwingte Gesprche ber ein Extrem voller Faszination und Abgestoenheit

Eine der zentralen Fragen der Inszenierung ist: Wie viel Leben darf Kunst eigentlich kosten? Fnf Schauspieler sitzen im Bhnenzentrum in einer Reihe nebeneinander. Sie werden durch zahlreiche grorumige Leinwnde mit unterschiedlichen Bildmotiven umrahmt. Die Fnf unterhalten sich und monologisieren ber den Knstler Kippenberger. Sie sprechen ber die Faszination, die von der schillernden Knstlergestalt ausging. Gleichzeitig thematisieren einige der Bhnenfiguren aber auch eine tief empfundene Abgestoenheit von Kippenberger, wenn er Menschen fr seine Zwecke ausnutzte, vor den Kopf stie und enttuschte. Das Gesagte wird stets auch immer wieder hinterfragt und in Frage gestellt, weil sich die Sprecher hinsichtlich ihren Erinnerungen nicht mehr sicher sind: Um es gleich zu sagen: Wahrscheinlich ist es ganz anders gewesen. Beschworen wird im Gedenken an Kippenberger jene bewegte Zeit der 1980er Jahre, als Kln angeblich eine Art Zentrum der Bildenden Kunst war. An einschlgigen Orten der Klner Knstlerszene, wie etwa der Paris Bar und dem Hotel Chelsea scharte Kippenberger zahlreiche Menschen um sich. Das Interesse an ihm und seiner Kunst hat fast zwanzig Jahre nach seinem Tod zu einer Art Mythenbildung gefhrt, welche Angela Richter in ihrer Inszenierung auf mehreren Ebenen thematisiert. Textquellen von Richters Kippenberger! sind unter anderem Zeugenaussagen von Prominenten wie Inga Humpe, Ben Becker, Walther Knig und Helge Malchow oder Stimmen von Weggefhrten wie der Modedesignerin Claudia Skoda. Auch ein Gesprchsband B. Gesprche mit Martin Kippenberger von 1994 diente als Hintergrundquelle.

Judith Rosmair als Kippenberger
Schauspieler erleben sich als Knstler

Die von den Figuren wiedergegebenen Eindrcke zeigen Kippenberger als sensible Knstlerpersnlichkeit voller Charme und Arroganz mit einem ungesunden Hang zum knstlerischen Exzess. Der interessantere, weil experimentelle Teil der Inszenierung beginnt jedoch erst, als sich die Bhnenfiguren endlich erheben und sich die Leinwnde nun verschieben. Einzeln und sehr improvisiert setzen sich die Bhnenfiguren jetzt selber als Knstler in Szene. Marek Harloff raucht theatralisch eine Zigarette, bevor er allerlei Getrnke in sich hineinkippt und mit einer Pistole an seiner Schlfe posiert. Ausgelassen und mit effektvoller Eleganz tanzt daraufhin Judith Rosmair. Hierbei bewegt sie als Zeichen ihrer knstlerischen Potenz einen Holzgegenstand zwischen ihren Beinen auf und ab. Eine schier unglaubliche Geschichte erzhlt schlielich Yuri Englert. Sie handelt von Schildkrten, die einem Sohn jedes Jahr aufs Neue geschenkt werden und die zu bezeichnenden Verwechslungen fhren. Mal fhrt er sie brumm brumm-machend durch sein Kinderzimmer und mal benutzt er sie noch zu ganz anderen Dingen. Doch stets ist ihrer Lebenszeit entgegen der Intention des Vaters nur eine kurze Dauer beschieden. Bei diesen Einzelperformances gibt es bezeichnende Pausen, die ein Fremdschmen fr die jeweiligen Knstler sichtlich herausfordern.

Yuri Englert als Kippenberger
Leinwnde, Musik, Traurigkeit und das Ringen darum, etwas Besonderes zu sein

Schlielich wird das knstlerische Knnen am Beispiel der fnf Darsteller auf die Probe gestellt. Abwechselnd sollen sie nun auf Kommando weinen oder tanzen. Die provokant problematisierte Inszeniertheit von Kunst verlagert sich nun direkt auf die Theaterebene. Danach gibt es noch einige berhrende Szenen, in denen die Darsteller in fiktiven Fernsehinterviews abwechselnd den frhen Tod Kippenbergers bedauern. Auch dabei kommen unterschiedliche Stimmen zu Wort und es werden oberflchliche Fragen gestellt, wie etwa: Warum war Kippenbergers Oeuvre noch nie im deutschen Pavillon in den Giardini der Kunst-Biennale in Venedig vertreten? Insgesamt ist Angela Richters Kippenberger! eine mutige und sehenswerte Inszenierung ber die nicht immer ganz einfache Verbindung von Kunst und Leben, ohne sich dabei dem Knstler auf einer autobiographischen Ebene anzunhern.

Weitere Spieltermine im Depot 2 auf dem Industriegelnde des ehemaligen Carlswerks im rechtsrheinischen Kln-Mlheim: Mo. 16.12. und Di. 17.12. ab 20 Uhr. Am Di. 17.12. wird ab 19.15 Uhr darber hinaus eine Einfhrung in das Theaterstck im Foyer des Depots angeboten. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Klner Schauspiels.


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