Der Stummfilm "Metropolis" legte bei seinem Erscheinen 1927 einen Grundstein fr den Science Fiction. Die UNESCO ernannte "Metropolis", eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte, zum Weltdokumentenerbe. Als 2008 in einem Museum in Buenos Aires verschollen geglaubte Szenen wiederentdeckt wurden, galt dies als Sensationsfund. Zwei Jahre spter zeigten unter anderem die Internationalen Filmfestspiele Berlinale eine restaurierte Fassung des Klassikers. Auch in Bonn war das Monumentalwerk ber die Maschinenhaftigkeit des geordneten Gemeinwesens bei den internationalen Stummfilmtagen im Arkadenhof der Universitt zu sehen. Nun wird die Geschichte des Filmklassikers in der Halle Beuel des Bonner Theaters inszeniert. In der von Jan-Christoph Gockel und David Schliesing fr die Bhne bearbeiteten Fassung spielen Puppen eine groe Rolle. Von den Schauspielern gefhrt, werden sie zu den Figuren der Geschichte. Wenn sich die Schauspieler von ihren jeweiligen Puppen lsen, wandeln sie sich pltzlich zu deren Doubles und zur jeweiligen Bhnenfigur. Fr diejenigen, die keine ausgesprochenen Liebhaber des monumentalen Stummfilms sind, verwirrt dies zu Anfang der Inszenierung; zumal zentrale Charaktere der Geschichte versuchen ihre Kleider und Identitten zu tauschen.

Ein Leitmotiv: "Mittler zwischen Hirn und Hnden muss das Herz sein"

Der bis heute kostenintensivste deutsche Film wurde von Zeitgenossen der Filmpremiere als trivial, schwlstig, albern und pathetisch verrissen. Auch die Bonner Bhneninszenierung erzhlt die Geschichte um eine ausgeprgte Zweiklassengesellschaft in der futuristischen Grostadt Metropolis mit zahlreichen Puppen oftmals schwerfllig. Joh Fredersen (Wolfgang Rter) beherrscht diese Stadt der Zukunft und residiert mit anderen Mitgliedern der Oberschicht hoch ber Metropolis. Unter der Stadt schuftet sich ein Heer von Arbeitern an Maschinen zu Tode. Die Klassenverhltnisse geraten ins Wanken, als sich Fredersens Sohn Freder (Hajo Tuschy) in die Arbeiterfhrerin Maria (Mareike Hein) verliebt. Der Erfinder Rotwang (Michael Pietsch) erschafft zeitgleich einen sthlernen Maschinenmenschen, dem er das Aussehen Marias verleiht. Die falsche Maria hetzt die Arbeiter auf, die ihre Maschinen verlassen. Das Unheil nimmt seinen Lauf und es gilt Metropolis vor dem Untergang zu bewahren. Die gigantische Stadt der Superlative aus Langs Film kann das Bonner Theater natrlich nur schwerlich nachstellen. Auf der Hauswand vor dem Theatereingang prangt in groen Lettern "Metropolis" und grorumig wurden verheiungsvolle Plakate verteilt, mit Slogans wie "Die Maschinen sind lebendig geworden." Die soziale Spaltung symbolisierende rumliche Ungleichheit wird auf der Bhne eher dezent durch Abtrennungen angedeutet. So finden das Zusammentreffen der Arbeiter und das Liebesbekenntnis zwischen Freder und Maria unterhalb der Bhne statt. Fr die Zuschauer wird diese Handlung im Bhnenzentrum live in Schwarz-wei auf eine Leinwand projiziert. Eine Hommage an den legendren Film?


Wer leidet, trgt eigene Schuld in sich

Die Arbeiter selber bewegen sich wie Sklaven in einem mhevollen Kreislauf stetiger, unbefriedigender und stumpfsinniger Ttigkeiten. Ob sie nun telefonisch Kundenbefragungen ttigen oder an ihren Mini-Puppen arbeiten, ihr Tun ist scheinbar unntz und wird trotzdem gefordert. Denn sobald Arbeitersklaven der Maschine gegenber eigene Bedrfnisse formulieren, ertnt stets eine automatisierte Roboterstimme mit den Worten: "Zugriff verweigert - Sie haben keine Berechtigung". Ein Highlight der Inszenierung sind die Auseinandersetzungen zwischen Freder und Joh Fredersen. Der Sohn wirft dem Vater vor, die Gefrigkeit der Maschinen verschleie zu viele Menschen. Der Vater hingegen spricht von der "Mangelhaftigkeit des Menschenmaterials" und entgegnet seinem Sohn, er trage wohl eigene Schuld in sich, wenn er selber leide. Seinem Sohn rt er deshalb, sich das Leiden und die Schuldgefhle abzugewhnen. So wrde er sich gleich eine Begabung aneignen.

Dystopie des technisierten Kapitalismus heute aktueller denn je

Zahlreiche Verweise auf Fragen der Gegenwart, wie die stumpfsinnig anmutende Arbeit in Callcentern, der Robotik, NSA-Spionage und Datensammelwut thematisieren auf verwirrende und mannigfache Art die fortschreitende Verschmelzung von Mensch und Maschine. Obwohl sie in ihrer Vielzahl meist nur an der Oberflche schrfen, sind sie nichtsdestotrotz interessant. Elektronische Gerte wie Smartphones, Tablets, Laptops und E-Reader verwalten heute tatschlich persnliche Daten und werden so fr viele Menschen unentbehrlich. Auch in der Medizin wird das menschliche Leistungsvermgen durch Erfindungen wie Herzschrittmacher oder elektronische Implantate stetig optimiert. Jan-Christoph Gockels Inszenierung vermag es kaum, Fritz Langs beeindruckende Bildsprache auf die Bhne zu transportieren. Sie berhrt stattdessen aktuelle Diskussionen und hinterfragt, ob Freiheit aufgrund der Technikglubigkeit des Menschen berhaupt mglich ist. Auch die Halle Beuel ist fr Gockels Inszenierung ein geschichtstrchtiger Ort, haben hier doch zur Zeit des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiterinnen Sackleinwand fr die Front gewebt.

Nchste Spieltermine in der Halle Beuel: Do. 21.11., So. 24.11., Fr. 06.12., So. 08.12., Di. 10.12., Do. 12.12., So. 15.12., Sa. 21.12. und Sa. 28.12. ab 19.30 Uhr. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Bonner Theaters.

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