Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit. So steht es zumindest im Artikel 23 der allgemeinen Erklrung der Menschenrechte von 1948. Doch natrlich kann man dieses Menschenrecht vor keinem Gericht der Welt einklagen. Gerade fr eine Hausfrau und Mutter kann die Loslsung aus familiren Zusammenhngen schwer sein, wenn sie sich pltzlich durch sinnstiftende Arbeit selbst verwirklichen mchte. Diese Problematik greift Elfriede Jelinek in Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Sttzen der Gesellschaften (1977) auf, einer Fortschreibung des Dramas Nora (1879) von Henrik Ibsen. Ineinander verschachtelt, bearbeitet und stark gekrzt werden nun beide Dramen am Dsseldorfer Schauspielhaus inszeniert. Hinzu kommt ein Epilog, Nach Nora, den die Literaturnobelpreistrgerin Jelinek 2013 eigens fr das Dsseldorfer Schauspielhaus verfasste.

Gleich zu Anfang von Duan David Parzeks Inszenierung von "Nora 3" so der Titel der dreiteiligen Inszenierung - wendet sich Nora Helmer (Stefanie Reinsperger) an das Publikum. Sie verlie ihren Mann "selbstttig" und mchte in einer Textilfabrik arbeiten, um sich "vom Objekt zum Subjekt" zu entwickeln. Weitere im Publikum sitzende Figuren treten mit Nora in einen lebendigen Dialog. "Das Wichtigste ist, dass ich ein Mensch werde", meint Nora. Doch der Personalchef und die Arbeiterinnen verstehen Noras Haltung nicht. Fr sie sind ein vermgender Ehemann und die Mglichkeit, die eigenen Kinder zu Hause zu versorgen ein beneidenswertes Privileg. Immerhin erscheinen dem Investor Konsul Weygang (Michael Abendroth) die naive Haltung und der unverbrauchte Krper Noras reizvoll. Erst recht, als er den Namen der mglichen neuen Arbeiterin vernimmt: "Heien sie tatschlich Nora Helmer, wie in dem Stck von Ibsen?" Flugs wird Nora nun gebeten, ihr persnliches Drama mit ihren neuen Kollegen auf der Bhne darzubieten. Vielleicht gelingt ihr ja sogar der soziale Aufstieg mithilfe der Kunst und Weygang ebnet einen den Weg der Selbstverwirklichung durch eine sinnstiftende Arbeit? Ein "Begrungsprogramm auf kulturellem Gebiet" beginnt. Da die Fabrik vor der Schlieung steht und Arbeitslosigkeit droht, spielen Nora, die Arbeiterinnen und der Personalchef um ihr Leben und wechseln in die Rollen aus Ibsens Drama.

Was geschieht, bevor Nora ihren Mann verlsst?


Ein Puppenheim, so lautet der Originaltitel des 1879 uraufgefhrten Schauspiels von Henrik Ibsen. Das Bhnenbild ist am Dsseldorfer Schauspiel grau, karg und kalt. Der designierte Bankdirektor Torvald Helmer (Rainer Galke) behandelt seine Nora wie eine Puppe, indem er sie bevormundet und sich mit ihr vor Anderen schmckt. Mit Karacho auf die Bhne geschleuderte Kleider oder Schuhe und zahlreiche Kosenamen entwickeln eine ganz eigene, aggressive Dynamik. Nora schlpft in neue Garderobe und versucht, ppig ausstaffiert, Torvald zu gefallen. Torvalds "Zwitscherlerche" und "Singvgelchen" darf sich ihr "Zuckermulchen" auf gar keinen Fall durch genaschte Makronen oder gar Widersprche und eigene Ansichten beschmutzen. Als Nora von ihrer verwitweten Freundin Frau Linde (Sarah Hostettler) besucht wird, ergeht sie sich stolz in dem Erfolg ihres Ehegatten. Ihr eigenes Knnen begreift sie in der Selbstaufgabe fr den Ehegatten. So flschte sie beispielsweise eine Unterschrift ihres Vaters, um Kurkosten fr den schwer erkrankten Torvald aufbringen zu knnen. Als er - mittlerweile wieder gesundet - ausgerechnet den tatschlichen Finanzier seiner Kur, Vorarbeiter Franz (Till Wonka), entlassen will, gert Nora in die Bredouille. Franz wollte durch sein Darlehen selber in eine hhere Betriebsposition aufsteigen. Indem er Torvald mit einem Brief erpresst, die Kndigung zurckzunehmen, verrt er Noras Geheimnis. Torvald straft Nora. Er erkennt ihre Tuschung nicht als Liebesbeweis an und denkt selber nur an die Auswirkungen fr seine Karriere. Nora begreift so langsam ihr Eheglck als Illusion. Sie entschliet sich Mann, Kinder und Haus zu verlassen.

Und was geschieht, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte?


Die Theater-im-Theater-Situation wird wieder aufgebrochen und das Publikum applaudiert fr Nora. Mehr und mehr deutet sich an, dass ihr die ambitionierte Selbstfindung nicht an der Maschine der Textilfabrik gelingt. Sie erliegt dem Charme wohlklingender Anglizismen der Brsenwelt und gierige Mnnerhnde reichen sie weiter, bis sie schlussendlich erschpft in ihr Puppenheim heimkehrt. Indes brennt die Textilfabrik auf mysterise Weise ab und es heit, die Produktion werde nun verlagert. Vielleicht ist ja der groe Gewinner die Textilindustrie? Jelineks Epilog Nach Nora beginnt. Nach einem erneuten Zeitsprung beteuern Vertreter global ttiger und in westlichen Metropolen ansssiger Textilkonzerne ihre guten Absichten und versichern, dass der Wille des Kunden ber allem stehe. Doch die aus der Firma entlassene Nora ruft Bilder von Unglcksorten auf, von ausgebrannten und einstrzenden Fabriken, von sterbenden Nharbeiterinnen. Whrend in Elfriede Jelineks erstem Theaterstck Was geschah [] (1979) noch holzschnittartige Figuren und Handlungen angelegt sind, kommen in Nach Nora polyphone Textflchen mit widersprchlich ineinanderflieenden Stimmen zu Wort. Es wird assoziativ nach vorne weg gesprochen.
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Nach Nora: Menschen sterben fr Kleider

Die drei gekrzt wiedergegebenen Werke korrespondieren auf bemerkenswerte Art mit Vernderungen des kargen Bhnenbilds. Wenn sich die Dramen ablsen, bewegen sich oftmals die seitlichen Bhnenwnde, brechen auf oder verdichten sich. Doch nicht nur auf bildlicher Ebene werden unterschiedliche Schwerpunkte akzentuiert. Ibsen legte in seinem Drama den Fokus auf die Illusion eines vermeintlichen Familienglcks. Nora lst sich aus dieser Welt und geht ihren eigenen Weg der Emanzipation. Hier schliet sich Jelineks Was geschah [] an, in dem es nicht mehr um die traditionell konservativen Moralvorstellungen hinsichtlich der Ehe geht, sondern um die daraus erfolgte Herauslsung, das heit den Fragen der gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsdebatte. Dabei hat Jelinek die Thesen zur Emanzipation und ihre Bedeutung kritisch reflektiert und lsst verschiedene Sichtwesen miteinander in einen Diskurs treten. 34 Jahre spter verlagert sich nun der Fokus des Problembereichs abermals. Er geht weg von unserer Gesellschaft nach Sdasien, wo Textilarbeiterinnen ausgebeutet werden und in ihren Arbeitssttten ums Leben kommen. In Nach Nora setzt Jelineks Kritik beim unreflektierten westlichen Konsum und der Ausbeutung von Armut in den Krisen der letzten Jahre an: also bei Ibsen in der Familie, bei Jelinek 1979 in der gesellschaftlichen Emanzipationsdebatte, bei Jelinek 2013 in der Ausbeutung von Arbeiterinnen fernab Deutschlands. Denn hier will die Selbstsicherung einfach nicht wachsen.

Ein gelungener Epilog

Die tempo- und einfallsreiche Inszenierung berhrt aktuelle Diskussionen, wie den Fabrikeinsturz in Bangladesch und behandelt so existentielle Fragen. Die konomischen Voraussetzungen fr die Mglichkeiten und Grenzen der Selbstbestimmung und -verwirklichung werden beleuchtet. Elfriede Jelineks, eigens fr das Dsseldorfer Schauspielhaus verfasstes Nach Nora setzt der Geschichte ein alternatives Ende, bei dem auch H&M-Vorstandschef und Miteigentmer Karl-Johan Persson zitiert wird. Wer nach dem Ende von Karin Beiers Intendanz sozialkritische und mutige Urauffhrungen von Jelinek im Klner Schauspiel vermisst, dem sei die Reise zum Dsseldorfer Schauspielhaus in diesem Jahr sehr anempfohlen.

Weitere Spieltermine: Mo. 25.11., Di. 26.11. und Do. 28.11. jeweils um 19.30 Uhr. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Dsseldorfer Schauspielhauses.

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