Tristan (Robert Gambill), Isolde (Dara Hobbs)
Opium ist der Ausgangsstoff fr Morphium und Heroin. Beide Drogen bewirken bei Konsumenten ein enormes Glcksgefhl und bei Entzug ein extremes Mangelgefhl. Das "klingende Morphium" sei die Musik im Tristan, so Stefan Blunier, musikalische Leitung von "Tristan und Isolde" an der Bonner Oper. Ohne emotionale Schonhaltung mit hoher Dramatik sei Wagners Musik fr Dirigenten krftezehrend, schreibt Blunier im Programmheft. Nicht umsonst starben inzwischen drei Dirigenten bei den Auffhrungen dieser tragischen Oper. Auch Blunier, der Chefdirigent an der Bonner Oper, brauche nach jeder Tristan-Serie erst einmal eine Ruhepause, so eine Selbstaussage im Programmheft. Tatschlich geht es in Wagners Oper "Tristan und Isolde" um die hochprozentig destillierte menschliche Sehnsucht nach der alle Grenzen bersteigenden Liebeserfahrung. Die Grenzsituation der Liebeshandlung ist somit ein explosiver Stoff, dem wir im Leben (zum Glck?) meist in verdnnter Form begegnen. Anlsslich des 200. Geburtstages Richard Wagners wurde diese Oper in Bonn nun mit beeindruckenden Bildern neu inszeniert.

"neu Erkennen, neu Entbrennen; ewig endlos, ein-bewusst"
Tristan und Isolde


Die Geschichte von "Tristan und Isolde" geht zurck auf den gro angelegten Versroman Tristan Gottfrieds von Straburg aus dem 13. Jahrhundert. Wagner ergnzt Motive, verkrzt und kondensiert die Handlung. Das bei Wagner typische existentielle Thema des gnzlichen Verlschens der menschlichen Existenz im Tode ist auch in dieser Opernhandlung ein Hauptmotiv: Einst ttete der Offizier Tristan den Brutigam der irischen Prinzessin Isolde im Zweikampf. Doch Isolde war nicht zur Rache fhig, sondern heilte den verwundeten Widersacher. Zwischen beiden entwickelte sich eine Liebe, die sie dem jeweils Anderen und auch Dritten nicht anvertrauten. Tristan hingegen warb im Auftrag Markes, Knig von Cornwall, um Isoldes Hand. Auf Tristans Schiff, das Isolde nun von Irland nach Cornwall bringt, fordert Isolde ihn auf, gemeinsam mit ihr in den Tod zu gehen. Sie reicht ihm dafr einen Trank "zu shnen alle Schuld". Denn ein Leben als Markes Ehefrau in der fortwhrenden Gegenwart des geliebten Tristans kann sie sich nicht vorstellen. Beide trinken gemeinsam den vergifteten Trank. Doch Brangne, Isoldes Vertraute, hat ihn mit einem Liebestrank vertauscht. Das unaufhrliche Sehnen im Dauerzustand des Verliebtseins und die damit einhergehende Tragdie nehmen ihren Lauf.

Im glsernen, durchlssigen Treibhaus
Tristan, Knig Marke (Martin Tzonev), Isolde


Das Bhnenbild der Bonner Oper erffnet im zweiten und dritten Akt eine Vielzahl an Deutungsmglichkeiten. Das Liebespaar bewegt sich dann in einem groen, glsernen Treibhaus, das zu Anfang des zweiten Akts herannaht und sich am Ende des dritten Aktes dreht und schlielich wegfhrt. Nur mit einem kargen Bett mbliert, kontrastiert es mit der Flle der Liebessehnsucht des Paares. Vera Nemirovas Inszenierung bezieht sich mit diesem Bhnenbild auf Vorstudien Wagners zum Tristan. "Im Treibhaus" ist so auch der Titel eines Gedichtes von Wagners heimlicher Geliebten Mathilde Wesendonck, das Wagner als Vorstudie zur Oper vertonte. Interpretationen zufolge inspirierte ihn seine Beziehung zu Wesendonck zur Tristan-Musik. In Bonn erscheinen Tristan und Isolde wie zwei exotische Pflanzen in einem ihnen fremden und kalten Treibhaus. Isolde gruppiert die Topfpflanzen zu guter Letzt enger um ihr Bett herum, liebessehnschtig eingekapselt in ihrem geschtzten Nest fr andere Personen kaum zugnglich. Bereits zuvor behauptete Isolde ihrer Gefhrtin Brangne gegenber, die Jagdposaunen ihres Ehegatten Marke wren in weiter Ferne, um die Nacht mit Tristan verbringen zu knnen. Brangne kontert gefasst, Isolde hre doch nur den eigenen Quell ihres Herzens. Wagners Komposition nimmt das Quellenmotiv sogleich auf und die dichte Orchestrierung erfolgt nun in weicheren, rieselnden Klangfarben. Bewusst ins Kitschige berhht wird die Liebe, wenn das Paar sie nicht nur gesanglich in Worte fassen will, sondern auch auf Briefen, auf den Fensterscheiben im Glashaus, auf den Krpern des Partners. Wenn Knig Marke und weitere Figuren schlielich die Bhne betreten "fallen die Sterne", von Nemirova effektvoll als fallende Lichtpunkte hinter dem Treibhaus inszeniert.

"ertrinken, versinken, unbewusst hchste Lust! Fhlt und seht ihrs nicht?"
Tristan, Kurwenal (Mark Morouze)


Die amerikanische Sopranistin Dara Hobbs spielt die Isolde mit lebendigem Ausdruck und beschreibt ihr Leid gleich zu Anfang mit inbrnstigen Gesten. Ihr fein modulierter Gesang ist wohltemperiert, ihre Koloraturen milde und sanft im Timbre. Es ist ein Ereignis, wenn Hobbs nuanciert Isoldes Verklrung "in des Welt-Atems wehendem All" in der Schlussmusik singt und alle geschriebenen Liebesbriefe langsam von der Bhnendecke herabfallen. Robert Gambill erscheint als Tristan neben Dara Hobbs zu blass, seine Stimme trifft manchmal nicht die notierte Tonhhe, sein Ausdruck ist leider oft rau, unausgewogen und glanzlos. Er spielt den Tristan im letzten Akt als Ertrinkenden, der wahnsinnig der Besinnungslosigkeit verfllt. Gegen Ende des Ausnahmezustandes wird auch fr Isolde der Tod zum Zufluchtsort fernab der Realitt. Damit kann dann auch die unendliche Melodie Wagners, die sich von der Ouvertre an konzentriert orchestriert durchzog, schlussendlich verklingen.

Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Bonner Theater.

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