Vom Grnen Hgel verlagert sich das Abenteuer um den heiligen Gral nun in die Oper am Dom. Fr die germanistischen Medivisten unter uns, die Parzival als mittelalterlichen Versepos Wolframs von Eschenbach kennen, verkrzt und verfremdet Richard Wagners Adaptation die Geschichte natrlich. Wagner nderte selber den titelgebenden Namen seiner Vorlage durch die Kombination der Worte Parsi und fal ab, die in der bersetzung aus dem persischen reiner Tor bedeuten. Das Abenteuer, in dem der khne Recke Parsifal einerseits dem Leid des Gralsgeschlechts und auf der anderen Seite lockenden Versuchungen begegnet, gliedert sich in drei Akte. Viele der Hintergrnde der Geschichte werden durch Figuren, wie dem Gralsritter Gurnemanz (Matti Salminen) mit lebendigen Gesten solistisch dem Publikum vorgetragen.

Blutreliquien, Liebe und Entsagung
Zitate werden blau schimmernd ber Kuppel projiziert


Der Knig Titurel (Young Doo Park) ist im Besitz zweier wichtiger Reliquien. Dem heiligen Gral, mit dem das Blut von Christus aufgefangen wurde und dem heiligen Speer, mit dem ihm eine Wunde in der Seite zugefgt wurde. Um die Reliquien herum gruppiert sich die Gralsgemeinschaft, deren einzige Aufgabe es ist, diese zu verehren und deren hchstes Ritual die Enthllung des heiligen Grals ist. Allerdings ist der Speer abhanden gekommen und befindet sich beim Widersacher Klingsor (Boaz Daniel). Dieser hatte zuvor versucht, sein sndiges Leben zu beenden, um in die sexuell keusch lebende Gralsgemeinschaft aufgenommen zu werden, indem er sich selbst entmannte. Doch trotz diesem drastischen Eingriff wurde er von Knig Titurel abgewiesen. Derart gedemtigt sinnt Klingsor fortan auf Rache und schafft einen Zaubergarten als Gegenwelt zur Gralsgemeinschaft. Mit den darin befindlichen Blumenmdchen sucht er die Gralsritter zu verfhren und dadurch vom rechten Pfad der Entsagung abzubringen. Titurels Sohn Amfortas (ebenfalls Boaz Daniel) hat, wie manch anderer Gralsritter, versucht Klingsor zu bekmpfen. Dies ist ihm aber nicht gelungen. Stattdessen hat ihm Klingsor mit Hilfe der Dienerin Kundry (Silvia Hablowetz) den Speer entwendet und ihm damit eine Wunde zugefgt. Diese Wunde schliet sich nicht mehr und bereitet Amfortas unsgliche Schmerzen. Amfortas Aufgabe ist es seit jeher den Gral in einer rituellen Handlung zu enthllen, was ihm selbst ein Weiterleben ermglicht, ihn aber nicht von den Schmerzen erlst. Dies vermag nur der entwendete Speer. Nur ein reiner Tor soll dazu in der Lage sein, den Speer der Gralsgemeinschaft wieder zurckzubringen. Parsifal (Marco Jentzsch), der die Welt der Gralsritter nicht kennt, ttet am Fue der Gralsburg einen Schwan und die Handlung nimmt ihren Lauf.

Visuelle Reizberflutung in einem vielstimmigen Spektakel
Parsifal (Marco Jentzsch)


Der katalanische Regisseur Carlus Padrissa wurde nicht nur mit einigen Wagner-Inszenierungen bekannt. In Kln wurde im vergangenen Jahr in seiner Regie Karl-Heinz Stockhausens Mammutwerk Licht aufgefhrt. Mit seinem Ensemble zusammen kommt er vom Straentheater, was der Parsifal-Inszenierung deutlich anzumerken ist. Es gibt neben dem reichhaltigen Einsatz von Akrobatik auch viele phantasievolle Kostme und bewegliche Bhnengerste zu bestaunen. Zahlreiche Komparsen werden darauf reduziert im gesamten ersten Akt unbewegt in einem Gerst zu sitzen, das eine gewisse hnlichkeit mit der Berliner Reichstagskuppel aufweist. Im dritten Akt darf das Komparsenvolk hinab von den Hhen des Gerstes auf dem Boden liegen, ein jeder mit Laub in der Hand, ansonsten ebenso unbewegt wie im ersten Akt.

Zudem werden alle mglichen technischen Finessen wie projizierte Lichtspiele und Videosequenzen eifrig in die Inszenierung mit eingebaut. Padrissa ist es ein Anliegen, dass die Zuschauer die Vorstellung mit einem Lcheln verlassen. Bleibt nur noch die Frage, worber sie schlielich lcheln. Denn die vielen Bildprojektionen und eingeblendete Zitate lenken von der eigentlichen Bhnenhandlung, den gelungenen gesanglichen Partien und den eindrucksvoll getragenen orchestralen Tableaus ab. Die Mglichkeiten von computergesteuerten Lichtanimationen werden berreizt und haben bisweilen den Charme einer Powerpointprsentation.

Parsifal wird verkopft interpretiert - Ein erhebendes Gedankengerst?
Kundry (Silvia Hablowetz)


Viele der eingeblendeten Zitate kommen aus der Feder Friedrich Nietzsches. In den Bildkompositionen der Inszenierung bezieht sich Padrissa auf die enge Freundschaft und das Zerwrfnis zwischen Wagner und Nietzsche. So erscheint die Titurel-Figur am Ende wie eine Verkrperung Wagners und in Titurels Sohn Amfortas glaubt der Zuschauer bisweilen aufgrund des aufflligen Schnurrbartes Nietzsche zu erkennen. Titurel hat sich voll und ganz dem Ritual verschrieben - und wre somit Rituell, so wie Parsifal, der reine Tor von Kundry auch als trichter Reiner bezeichnet wird. Anders sein Sohn Amfortas, der durch den Speer der weltlichen Lste verwundet ist. Ihn erhlt die Enthllung des heiligen Grals zwar auch am Leben. Es ist ihm jedoch nicht mehr an diesem Leben gelegen, er will nur noch sterben. Tatschlich litt Nietzsche brigens an Syphilis und endete durch diese Erkrankung in geistiger Umnachtung. Diese beiden Figuren der Oper mit den beiden historischen Personen des 19. Jahrhunderts in Beziehung zu setzen ist eine sehr interessante Interpretation.

Als Parsifal zur Gralsburg zurckkehrte folgte ihm das eingeblendete Nietzsche-Zitat: Der Mensch ist ein Seil, geknpft zwischen Tier und bermensch Dieses Zitat stammt aus Also sprach Zarathustra (1883-85) und hat folgende Fortsetzung: - ein Seil ber einem Abgrunde. Dieser Teil erschien nicht in der Einblendung, war aber offensichtlich ein Leitmotiv des Regisseurs allerdings vor allem leider nur im akrobatischen Sinne. Insgesamt wirken die in die Inszenierung immer wieder eingeblendeten Nietzsche-Zitate eher strend in Bezug auf das Geschehen auf der Bhne und verkopft in Bezug auf die Intention des Regisseurs.

Ein heiliges Werk
Ritual der Gralsenthllung


Wagner selbst glaubte an seine Idee, ein heiliges Werk und eine dauerhafte Spielsttte auf dem Grnen Hgel zu schaffen. So nannte er Parsifal ein Bhnenweihfestspiel. Fr unsere Gegenwart wird damit deutlich, wie sehr dieses Stck immer wieder nach einer neuen Interpretation verlangt, um nicht zu einer reinszenierten Huldigungsfeierlichkeit zum Amt des Grals - zu verkommen. Die Mglichkeiten hierzu sind enorm und machen den Reiz der Parsifal-Auffhrungen aus. Um einen Eindruck weiterer Mglichkeiten einer zeitgemen Inszenierung zu bekommen, lohnt ein Blick in die Deutsche Oper in Berlin. Dort gab es bei der jngsten Parsifal-Inszenierung ein wesentlich einfacheres und klareres Bhnenbild, mit der Gralsburg auf der linken und Klingsors Zaubergarten im zweiten Akt im Bhnenzentrum. Whrend in Kln im Vorspiel Filmaufnahmen von tdlich verlaufenden Unfllen gezeigt wurden, wurde in Berlin die Kreuzigung Jesu inszeniert. Ging es in Kln um philosophische Fragen ber das Menschsein vor dem Hintergrund des Wagner-Nietzsche-Verhltnisses, so ging es in Berlin um das Potential religis verblendeter Gruppen. Fragt sich noch wie jeweils mit dem Heiligsten, der Gralsenthllung, umgegangen wurde. In Kln wurden Amfortas und Parsifal mit den Hilfstechniken der Akrobatik in die Luft ber den brunnengroen Gral gezogen, whrend die geluterte Kundry darin badete bertreibung ins Groteske wies hier den Ausweg. In Berlin wurde hingegen deutlich, dass das Amt der Gralsenthllung ein Ritual ist, auf das alle (einschlielich Wagner) warten, wie der Junkie auf den Dealer, whrend Verstehen, Erkennen und Mitgefhl sich nur im zweiten Akt realisieren, wenn Kundry versucht Parsifal zu verfhren, er das Spiel aber allmhlich durchschaut.

Vielleicht wre auch bei der Klner Inszenierung weniger Spektakel mehr gewesen. Denn bis auf Gurnemanz dessen undeutlicher Gesang oft vom Orchester bertnt wurde, waren besonders die gesanglichen Leistungen der Hauptfiguren und des Chores im Zusammenspiel mit dem Orchester trotz Ausweichquartier bemerkenswert.

Weitere Spieltermine: So. 14.04. ab 16.00 Uhr sowie am Do. 11.04. ab 18:30 Uhr in der Oper am Dom. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage der Klner Oper.

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