Ermordet von des eigenen Bruders Hand - Der Geist des Vaters springt auf Hamlets Scho, als er ihn fr seine grausame Rache instrumentalisiert. Nimm Rat von allem, aber spare dein Urteil - Auch die Kinder des Polonius bekommen Unterweisungen von ihrem Vater. Bewappnet mit einem flligen und gewichtigen Krper, maregelt Polonius das Gefhlsleben und den Umgang seiner Tochter Ophelia. Sie wei, nach wem sie sich richten soll und von wem sie im Zweifelsfall gerichtet wird. Wenn sie auf einer Linie eingelassener Bodenritzen Eimer oder spter ein aufgeschlagenes Buch wie Flgel schwingend zum Klavier balanciert, sind das rhrende Bilder einer engumgrenzten Lebenswirklichkeit. Claudius schlielich, Hamlets Onkel und neuer Knig Dnemarks, macht sich nicht nur Laertes, den Sohn des Polonius, zum Handlanger. Die Machtintrigen des dnischen Herrschergeschlechts bringen ein unheilvolles Geschehen ins Rollen, welches auch die Opfer der jngeren Generation fordert. Shakespeares poetische, mehrdeutige und bilderreiche Sprache machen seine Tragdie Hamlet, eines der meistgespielten Dramen der Welt, stets zu einem einzigartigen Bhnenerlebnis.

Die Zeit ist aus den Fugen


Johannes Lepper whlte fr seine Neuinszenierung Heiner Mllers bersetzung von 1976 und nicht die meistzitierte bertragung von August Schlegel und Ludwig Tieck. Der bedeutende Dramatiker Mller setzt viele moderne Akzente. Er verarbeitete seine Shakespeare-Lektren auch im eigenen Oeuvre, wie etwa in seinem kraftvollen Drama Die Hamletmaschine von 1977. Einige bhnenbildnerische Einflle bernimmt Leppner aus Die Hamletmaschine. Auch die Kostme, die Requisiten und das sparsame Bhnenbild muten modern an. Eine podestartige, breite Treppe wird auf der Bhne in den verschiedenen Akten unterschiedlich zur Bhne hin ausgerichtet. Polonius (Gnter Alt) wird spter als Paket im Inneren eines hochgefahrenen Bhnengersts begraben. Die Mutter Hamlets, Gertrud (Sabine Wiegmann), trinkt aus Sektflaschen und bewegt sich dabei mit berschwnglichen Gesten im Takt zu eingespielter Popmusik, wie Under Pressure von Queen. Ophelia (Anastasia Gubareva), von der Macht der Verwicklungen im Knigshaus verwirrt, fhrt schlussendlich einen Putzwagen mit Karacho gegen eine Bhnenwand. Bei den vielen, modern anmutenden inszenatorischen Ideen gehen oft facettenreiche Anspielungen in Shakespeares Sprache unter, auch weil man die Darsteller manchmal akustisch nicht versteht. Wenn Susanne Bredehft etwa in der Rolle des Boten Osric Hamlet ber ein bevorstehendes Duell zwischen ihm und Laertes unterrichtet, versteht man kein einziges Wort. Denn Bredehfts Stimme wird durch einen Lausprecher akustisch bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Auch Johannes Lepper, der selber fr den verhinderten Bernd Braun die Rolle des Claudius bernimmt, ist akustisch oft besonders fr die hinteren Zuschauerreihen kaum verstndlich. Seine Figur wirkt manchmal fast unscheinbar neben Hamlet (Konstantin Lindhorst), der agil und mit jugendlichem Charme die Inszenierung ber weite Strecken trgt.

Krze ist des Witzes Seele

Die ersten zwei Stunden der etwa vierstndigen Inszenierung reien durch ein weitestgehend gutes Zusammenspiel bei den Interaktionen und Dialogen mit. Auch die inszenatorischen Kniffe erzeugen witzige Spannungsmomente. Otto Schnelling etwa spornt als bergroer Vatergeist gerade noch Hamlets Rachegelste fr den Verrat seines Bruders und seiner Frau Gertrud an. Kurze Zeit spter flirtet er mit Gertrud in der Rolle des Gldenstern und wird von ihr dazu angehalten Hamlet auszuspionieren. Der Zuschauer wird dadurch in hnlicher Weise verunsichert wie Hamlet, der gerade darber nachgrbelt, ob er den Aussagen des Geistes Vertrauen schenken kann. Auch das Stck im Stck, Der Mord von Gonzago, bei welchem Hamlet die vermutete Ermordung seines Vaters durch eine Schauspielgruppe vor den Augen des Knigs nachstellen lsst, ist uerst gelungen umgesetzt.

Etwas ist faul im Staate Dnemark


Doch nach der Pause hat die Inszenierung deutliche Lngen und der Spannungsbogen zerfasert. Es hufen sich auf der Bhne die Leichen, ohne dass ihre Tode wirklich berhren. Polonius etwa ist nach seiner pltzlichen und unbeabsichtigten Ttung durch Hamlet selber vllig unbeeindruckt von seinem Ableben. Wie ein Slapstick-Sketch wirkt es, wenn er hinter Hamlet bereitwillig hergeht, als dieser ihm sagt, dass er seine Leiche wegen ihrer Krperflle nicht forttragen knnen wird. Ophelias Selbstmord findet noch unspektakulrer hinter der Bhne statt. Trotzdem lenken die Nebenfiguren, die zuletzt allesamt als Geister wieder auf der Bhne erscheinen, vom zentralen Konflikt zwischen Hamlet und dem Knigspaar ab. Wenn laute Beatmusik ertnt, sich die Ereignisse berschlagen und sich Hamlet und Laertes in Degenmontur auf der Bhne duellieren, geriert die Inszenierung mehr zu einem bunten Spektakel, denn zu klassischem Tragdienstoff. Immer wieder fllt der Zuschauer in Sekundenschlaf. Der Schlussmonolog Horatios (Hendrik Richter) lsst einen vllig kalt. Vom gedankenschweren Pathos Shakespeares bleibt wenig, auch das Gefhlsleben der Charaktere wird nur ansatzweise deutlich. Die Bonner Inszenierung beeindruckt so vor allem durch das Tempo seiner Hauptfigur und die bildgewaltige und poetische Sprache Shakespeares und Heiner Mllers, die vielfach trotz allem durchscheint.

Der Rest ist Schweigen.

Weitere Spieltermine: Do. 8.11., Fr. 23.11. und Fr. 30.11. jeweils ab 19 Uhr sowie am So. 04.11. ab 16 Uhr in den Bad Godesberger Kammerspielen. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Bonner Theater.

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