Ihre Jahresringe mchte sie abtragen und hinter sich lassen. Das nachdenkliche Gesicht der Frau wird bei diesem Ausspruch groformatig auf eine Flche ber die Bhnenebene projiziert. In einem Zugabteil auf der Heimreise von Paris nach Wien Westbahnhof erinnert sich die namenlos bleibende Protagonistin (Julia Wieninger, die anscheinend stets in Katie Mitchells Werkzyklus die Hauptrolle spielt) an ihre Kindheit. Sie teilt sich das Zugabteil whrend der nchtlichen Fahrt mit ihrem Mann (Daniel Betts), der ein Bett unter ihr schlft. In einem groformatigen Heft notiert sie alles, was sie mit ihrem Vater (Nikolaus Benda) und ihrer Kindheit in Verbindung bringt. Ein Schwarz-Wei-Foto von ihm liebevoll betrachtend, nennt sie ihn zuerst noch Pfeifenpapa. Wenig spter werden ihre Gedanken und Empfindungen pltzlich ungeordnet und oftmals kryptisch. Eine andere Figur (Ruth Marie Krger) liest die Gedanken vor in eben dem Moment, in dem sie im Kopf der Protagonistin entstehen. Das Stck erscheint so berwiegend als monologischer Bewusstseinsstrom, weil andere Perspektiven nicht zu Wort kommen und unbercksichtigt bleiben. Dialogszenen werden zwar gespielt, bleiben jedoch fr den Zuhrer stumm und fr das Publikum somit irrelevant. Andchtig werden assoziative Passagen wiederholt. Schnee auf dem Rcken eines Hundes diese Worte tauchen ohne erkennbaren Zusammenhang immer wieder auf. Irgendwann spter bildet sich Schwei auf der Stirn der Protagonistin und ihre Zge entgleiten: Ich habe nicht mehr viel Zeit. Meine Zeit luft ab.

Verloren auf einer verzweifelten Suche nach Nhe


Die Erinnerungen scheinen schmerzvoll zu sein. Immer wieder erstarren die Zge der Protagonistin bei den angestrengten Bemhungen einer Reise in die Vergangenheit. In einem anderen Raum des nachgebildeten Zugabschnitts befindet sich das Zimmer ihrer Kindheit. Ruth Marie Krger erscheint nun in der Rolle der Mutter. Sie spielt voller Zrtlichkeit mit einem kindlichen Gegenber. Irgendwann verzieht sie ihr Gesicht ngstlich. Geh schnell in dein Zimmer. Dein Vater kommt; sagt sie. In der zeitlichen Parallelebene verlsst nun um drei Uhr Nachts die erregte Protagonistin ihr Abteil. Dabei erweckt sie das Interesse des zustndigen Schlafwagenschaffners (Renato Schuch). Sie hat mit ihm spontanen Geschlechtsverkehr. Auch whrend dieses sexuellen Erlebnisses bleiben ihre Gesichtszge angespannt.

Spter in ihrem Abteil grbelt sie, wie nahe Liebe und Hass doch beieinander liegen. Am nchsten Morgen trgt sie Schminke auf. Man kann nun nicht mehr erkennen, ob sie blo bernchtigt ist oder geweint hat. Schnellen Schrittes geht sie zum Schaffner, der gerade seine Schicht beenden mchte. Sie bedrngt ihn und ksst ihn strmisch. Ihr Mann kommt und sieht die beiden. Er verprgelt den Schaffner. Zuvor wurde gezeigt, wie in dem Zimmer ihrer Kindheit der Vater die Mutter verprgelte. Die Protagonistin blickt geschockt ins Leere. Sind es Gewalterfahrungen oder Missbrauchserfahrungen, welche die Protagonistin verarbeiten muss? Leidet sie etwa unter einer posttraumatischen Belastungsstrung oder blo unter Schlafstrungen? Vieles bleibt im Dunkeln. Denn eine Konfrontation mit ihrem Mann bleibt aus und den Schaffner lsst die Protagonistin am Boden liegen. Sie geht wieder in ihr Abteil. Spter ksst sie ihr Mann zrtlich, als ob nichts gewesen wre.

Multimediale Umsetzung einer knstlerischen Vision


Katie Mitchell bricht wieder die Einheit von Personen und Handlungen auf. Gerusche, Gedanken und Bilder stellen sich bewusst als inszeniert dar, indem sie knstlich gemacht werden. Kamerapersonal verdeckt auf der Bhne stets die fr den Zuschauer gerade wichtigste Episode, indem sie diese filmt. Oft ist das eigentliche Geschehen in dem Zugabteil, das manchmal auch hinter der Bhne live gefilmt wird, nur als Einblendung oberhalb der Bhne sichtbar. Auf bildlicher Ebene werden durch den Einsatz von Lichtsymbolik stets Verbindungen zwischen den Zeitebenen der Zugfahrt und der Kindheit aufgezeigt. Die Zugfahrt wird durch die Projektion der Drehungen einer prparierten Lampe auf die Kulisse wirkungsvoll dargestellt. Die Drehung einer Weihnachtspyramide symbolisiert die Begegnung mit dem Vater, angetrieben durch die von ihm entzndeten Kerzen.

Die multimedial live realisierte Machart ist vielschichtig und diffizil. Diese theatralen Mittel verbrauchen sich jedoch mit der Zeit. Whrend Katie Mitchells Umsetzungen der Inszenierungen von Franz Xaver Kroetzes Wunschkonzert und Virginia Woolfs Die Wellen noch aufregend und innovativ wirkten, sind die Umsetzungen von W.G. Sebalds Ringe des Saturns und Friederike Mayrckers Reise durch die Nacht in der Halle Kalk eher anstrengend und verstrend. Trotzdem sind durchaus Unterschiede im Ausdruck von Mitchells angewendeter Methode erkennbar. In Wunschkonzert ben verschiedene Akteure die Handlungen stellvertretend fr die Protagonistin aus, wodurch die Selbstentfremdung, Depression und Isolation der Figur verdeutlicht wird. In Die Wellen sind die basalen Sinneseindrcke verschiedener Charaktere gesondert durch andere Figuren dargestellt, wodurch dem Krankheitsbild der Schizophrenie wirkungsvoll Ausdruck gegeben wird. In Reise durch die Nacht schlielich wird vieles durch Kamerapersonal verdeckt gespielt oder findet sogar hinter der Bhne statt. Das erzeugt eine Atmosphre des Vergessens, Vertuschens und Verschweigens, wie es bei Traumatisierungen in der Kindheit symptomatisch ist. Das weitestgehende Fehlen von Dialogen, nicht enden wollende, nihilistische, assoziative Bewusstseinsstrme und das Fokussieren auf einzelne oftmals nichtssagende Bilder ermden doch recht schnell und lassen einen ratlos zurck.


Weitere Spieltermine: Di. 30.10., Mi. 31.10., Fr. 02.11., Sa. 03.11. und So. 04.11. jeweils ab 19:30 Uhr in der Halle Kalk in Kln-Deutz. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage des Klner Schauspiels. Smtliche Auffhrungen sind bereits ausverkauft.

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