Sexualitt, Gewalt und Macht sind die Konstanten, die Paul Hindemith in drei hchst heterogenen Operneinaktern thematisiert. In dem jeweiligen Stcken seines Triptychons wird die Bestrafung des Sexualtriebs einer Figur mit lustvollen Chren und subtilen musikalischen Leitmotiven in Szene gesetzt. Obszn, frivol und blasphemisch wurde Hindemiths Triptychon genannt, als es bei der Urauffhrung 1922 fr einen Skandal sorgte. Die Einakter des damals 25-Jhrigen liefen brgerlichen Moralvorstellungen zuwider. Der junge Komponist der Moderne galt nunmehr als musikalischer Brgerschreck und ihm wurde fortan ein Hang zur Unsittlichkeit angelastet. 90 Jahre spter prsentiert das Bonner Theater das Bhnenwerk erneut mit imposanten Bhnenbildern und einem eindrucksvollen Knstleraufgebot. In mannigfaltigen Klangfarben entfaltet sich auf der Opernbhne ein laszives Spektakel mit abwechslungsreichen dramatischen Zuspitzungen. Allen Einaktern ist gemein, dass sie erotisches Begehren als zutiefst menschliche Sehnsucht behandeln. Hindemith betonte selber, dass er keine Analyse seiner Werke geben kann, weil er nicht wisse, wie er mit wenigen Worten ein Musikstck erklren soll. Trotzdem sollen seine Einakter hier skizziert und die inszenatorischen Kniffe ihrer Neuumsetzungen besprochen werden.

'There cannot be self without other; there cannot be other without self.'


Oskar Kokoschkas Drama Mrder, Hoffnung der Frauen (1910) beschreibt einen archetypischen Geschlechterkampf. Szenische Ereignisse mit symbolischem Wert folgen aufeinander. In einer unbestimmten Vorzeit trifft eine Gruppe von Mnnern auf eine Gruppe von Frauen. Es kommt zu Verletzungen zwischen den beiden Anfhrern der jeweiligen Gruppen. Sie brandmarken sich vor den Augen ihrer Begleiter gegenseitig. Der Mann (Mark Morouse) wird eingekerkert und findet sich gefangen auf dem Tiefpunkt seiner Macht. Doch die Frau (Julia Kamenik) umschleicht voller erotischem Begehren nach ihm seinen Kfig und befreit ihn schlielich. Am Ende triumphiert er somit ber die Frau, die er alleine durch eine leichte Berhrung ttet. Hindemith setzt Kokoschkas Drama kompositorisch mit einem polyphonen Orchestersatz und ausgeprgten Blechblserdissonanzen um. Klaus Weise inszeniert den ersten Teil des Triptychons mit aufwendigen Bhnenkonstellationen und mittels eindringlichen, schauspielerischer Gesten. Leider bleibt fr den Zuschauer die Handlung recht abstrakt. Der Gesang Mark Morouses wird von der dynamisch und rhythmisch sich steigernden Instrumentierung bertnt und ist kaum verstndlich. Auch wird das Begehren zwischen den Geschlechtern am Beispiel der Hauptfiguren nicht deutlich. Die symbolhafte Farbgebung des Malers Kokoschka bei der Ausstaffierung der Hauptfiguren wurde in Weises Inszenierung vllig ignoriert. Die Hauptfiguren erscheinen ganz in Schwarz gekleidet vllig unscheinbar. Wenn sich die Sopranistin Julia Kamenik auf einem Gitter zum korpulenten Bariton Mark Morouse heraufbeugt, kann man sich nicht vorstellen, dass ihre Figur Begehren ausdrckt und ebensolches fatale Folgen haben knnte. Auch die Schlusskatastrophe rhrt nicht an. Vllig unklar bleibt besonders die Bedeutung der zahlreichen, in Wei gekleideten Statisten, die oberhalb der Bhnenebene als Zuschauer agieren.

Hingabe einer Nonne in der Schwle der Mainacht

Whrend Mrder. Hoffnung der Frauen eher verwirrt, ist Sancta Susanna, der zweite Teil des Triptychons hchst eingngig, punktiert und unterhaltsam. Als Vorlage fr sein Libretto diente Hindemith hier August Stramms gleichnamiges Drama aus dem Jahre 1912. Die Geschichte spielt sich weitestgehend im emotionalen Innenleben der Nonne Susanna (Agnes Selma Weiland) ab. In ihrer Phantasie kommt es zu einem intimen Moment zwischen ihr und Christus. In der sinnlich-aufgeladenen Schwle einer Frhlingsnacht gert Susanna vor dem Gekreuzigten in Ekstase. Den unterdrckten Teufel der Sexualitt kann Susanna nicht mehr lnger vertreiben. Sie tritt in eine erotische, krperliche Beziehung zum Gekreuzigten, dem einzigen Mann im Kloster. Religise Hingabe mit erotischem Verlangen verschmelzend, begegnet Susanna der Hrte der klsterlichen Welt. Die ungehorsame Nonne wird zur Shne lebendig eingemauert. Schon zuvor bt im Kirchenraum eine Wand mit Ikonostasen Druck auf Susanna aus. Bhnenbildner Raimund Bauer gelingt hier in Sancta Susanna ein besonderer Coup. Nicht nur, dass Susanna und ihre Mitschwestern auf dem Weg zum Gekreuzigten durch ein innen ausgeleuchtetes Kreuz gehen. Eine ganze Wand von ikonenhaft eingefrorenen Nonnen blickt auf Susanna. Erst am Ende ndern die Darstellerinnen ihre Haltungen ab und berraschen mit ihrer pltzlichen Interaktion das Publikum. Nicht ohne Grund bezeichnete Hindemith Sancta Susanna als bestes der drei Stcke. Der Gemtszustand Susannas wird durch das sanfte Spiel einer Flte und mit sich wiegend steigernden Gesangsmelodien unterstrichen. Agnes Selma Weiland, die erstmals in Bonn in Vertretung fr die erkrankte Ingeborg Greiner auftritt, berrascht in der Rolle der Susanna mit wonnevoll geffneten Augen, nuanciertem Ausdruck und wohltemperiertem Gesang. In ausdrucksstarken Bildern wird mit leiser Situationskomik auf blasphemische Art gezeigt, wie die Begierde und Leidenschaft einer Nonne in ihrer Selbstzerstrung mnden.

Das Nusch-Nuschi: Burmanische Marionetten locken zum Beischlaf

Zum symbolisch aufgeladenen Geschlechterkrieg und dem tabuisierten Thema christlich-institutionalisierter Restriktion verhlt sich Hindemith letzter Einakter vllig komplementr. Die parodistische Burleske Das Nusch-Nuschi ist alberner, verspielter und hat vielerlei Bezge zur Commedia dellarte. Sie beruht auf dem gleichnamigen Marionettenspiel des Schriftstellers Franz Blei von 1911. Der Diener Tum Tum (Roman Sadnik) macht sich im Reich des Kaisers Mung Tha Bay (Martin Tzonev) auf, um fr seinen Herrn Zatwai (Hayato Yamaguchi) eine Dame aus dem Harem des Kaisers zu holen. Gleich vier Frauen des Kaisers (Kathrin Leidig, Vardeni Davidian, Charlotte Quadt, Ingeborg Greiner) folgen dem begehrlichen Ersinnen Zatwais. Sie betreten abwechselnd das Haus und nach dem lasziven, anmutigen Ablegen ihrer Kleidung das Schlafgemach des schnen Zatwai. Ein frhlicher Reigen mit Tnzerinnen, Eunuchen und dressierten Affen befeuert das Liebesspiel. Die Bestrafung des erotischen Amsements die Kastration des Mannes - wird nach allerlei Verwechslungen am Ende nicht mehr fr ntig befunden. Mannigfaltige Klangfarben, kammermusikalische Finessen und zahlreiche Stilblten betonen das Lustbedrfnis der Figuren effektvoll. Leider ist das Nusch-Nuschi selber, angekndigt als halb groe Ratte, halb Kaiman, auf dem der Gott des Verlangens reitet, in der Inszenierung als recht unspektakulres Stofftier dargestellt. Hier htte man sich mehr Pracht erhofft. Trotzdem berzeugt der lngste der drei Einakter durch beachtliche Bhnenbilder, witzige Figuren und gut aufeinander abgestimmte Chre. Hervorzuheben ist noch die schauspielerische Leistung Martin Tzonevs, der vor allem in der Rolle des Feldgenerals Kyce Waing ein kstliches Bild abgibt. Ein insgesamt sehr gelungener und vielschichtiger Abend.

Weitere Spieltermine: Sa., 03.11. und Fr. 14.12. jeweils ab 19 Uhr 30 sowie am So. 14.11. ab 16 Uhr im Bonner Opernhaus. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage der Bonner Oper. Im Opernhaus-Foyer ist als Rahmenprogramm bis einschlielich 14. Dezember 2012 eine in Zusammenarbeit mit dem Hindemith-Institut Frankfurt am Main ins Leben gerufene Ausstellung zum Einakter-Triptychon besichtigbar.

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