So mancher Opernbesucher wre beim Anblick eines gemalten Phallus bei der Urauffhrung des Figaros im Jahre 1786 wohl schockiert gewesen. Der pinkfarbene Phallus prsentiert sich zu Beginn der Klner Inszenierung skizzenhaft auf eine Tafel gezeichnet. Zu einer nackten mnnlichen Figur gehrend, beugt er sich gefhrlich nah hinber zu einer ebenfalls nackt skizzierten weiblichen Figur. Ein ganzer Reigen an einzeln auftretenden Opernfiguren trippelt in der Ouvertre an dem gemalten Bild vorbei. Alle Figuren betrachten die Kreidezeichnung belustigt, irritiert, hhnisch oder gespannt.

Ohne Umschweife und wenig subtil gelangen wir zum zentralen Konfliktpunkt der Handlung. Der verstohlen lsterne Conte Almaviva (Mark Stone) stellt die Forderung nach der ius primae noctis. Er will die Hochzeitsnacht mit Susanna (Ofelia Sala) verbringen, die ihren Verlobten Fidelio (Matias Tosi) heiraten mchte. Beide stehen in den Diensten des Grafen und seiner Frau Contessa Almaviva (Maria Bengtsson). Das Beharren auf dem Recht der ersten Nacht oder seine mgliche Vereitelung sind der provokative Auslser einer ganzen Reihe von Verwicklungen in einem komplexen gesellschaftlichen Gefge.

Lust an undurchschaubaren Verwirrungen


Whrend Figaro offen gegen den Grafen rebelliert, versucht seine Verlobte sich vor dem Grafen mit einer Tuschungskunst zu schtzen. Eine Verbndete findet sie dabei in der Grfin Almaviva, die ihren Gatten wiedergewinnen will und sich nach Momenten der Liebe mit ihm zurcksehnt. Das Begehren wtet ringsumher. Denn der Page Cherubino (Adriana Bastidas Gamboa) entbrennt sehnsuchtsvoll gleich fr beide Frauen: Susanna und die Grfin. Der Jngling hat unbeschrnkten Zugang zu den Gemchern der Frauen und versteckt sich in einigen Szenen unter Susannas Rock. Er selbst lst bei den Frauen erotische Tagtrume aus. Auerdem gibt es da noch Marcellina (Hilke Andersen), die eigene Rechte auf eine eheliche Verbindung mit Figaro einfordert.

Es handelt sich bei Le Nozze Di Figaro um eine schwarze Komdie der Sparte opera buffa. Die Oper enthlt zahllose Komdienelemente wie Verkleidungen, Verstellungen, Versteckspiele, Phantasieszenen und regelmige Verwirrungen mit Menschen, die irgendwo hineinplatzen, wo sie eigentlich nicht sein drfen. Unterschwellig verbirgt sich dann in den Phantasien der Figuren viel Brutalitt und Aggressionspotential. Zuschauer, die weder des Italienischen mchtig sind noch die Oper gut kennen, mssen meist die deutschen bertitel der vorgetragenen Arien mitlesen. Ansonsten knnen sie die komplexen Verstrickungen und Gelste der Figuren nicht nachvollziehen.

Wer fhrt hier wen in die Irre?


Anschuldigungen, Mhen der Intrigen und der befangenen Geheimnistuerei verbergen sich in hitzigen und temperamentvollen Arien. Viele der Gesangspartien grnden auf doppelten Boden. Man wei manchmal nicht so genau, ob bei Duetten die jeweiligen Figuren authentisch eigene Sehnschte, Wnsche und Verantwortungen behandeln. Whrend die Macht des Grafen scheinbar zerbrckelt, finden andere Figuren zu neuem Selbstvertrauen. Die Figurenkonstellation verndert sich, wenn die Grfin und die Dienerin nachts ihre Gewnder tauschen. Listig tuschen sie ihre jeweiligen Partner, die zuvor noch eiferschtige Rache-Arien vortrugen.
Die klaren Hierarchien des Hofes und die Gesetzmigkeiten des Tages zerbrechen endgltig im nchtlichen Garten des vierten Akts. Auch die schwarz-weien Kulissenwnde, die im Stckverlauf immer mehr demontiert wurden, sind vollends zerfallen. Zu guter Letzt regieren die begehrten Frauenkrper als von der Bhnendecke hngende, unfrmige Stoffpuppen das Bhnenbild. Alle Schwere und Mhen, welche die Intrigen kosteten, knnen sich endlich in Luft auflsen. Die Partner finden zueinander und der Heirat steht nun scheinbar nichts mehr im Wege. Wenn der Schlusschor im Dur-Klang erklingt, wird die Bhnenebene von hinten ausgeleuchtet und es fllt zugleich Licht aus einer Kiste im Bhnenzentrum. Vielleicht steht dieses Licht fr eine neugewonnene Lebensweisheit der Figuren, die endlich freinander einstehen.

Maria Bengtsson ist in der Rolle der Grfin ein Erlebnis


Jungregisseur Benjamin Schad inszeniert die Oper Le Nozze Di Figaro mit wenigen Requisiten, modernen Kostmen und einem modern anmutenden Bhnenbild. Mark Stone und Ofelia Sala geben in der Rolle des Grafen beziehungsweise der Susanna ihre Hausdebts an der Klner Oper. Sie berzeugen mit ihrem kraftvollen und wohltemperierten Gesang und mit ihrem dynamischen gestischen und mimischen Spiel. Besonders die schwedische Sopranistin Maria Bengtsson sticht mit samtenem, feinnuancierten Stimmkolorit hervor, wenn sie mal klar und mal mit sanft bebendem Timbre bei Arien wie Dove sono i bei momenti (Wo sind die schnen Augenblicke?) den Verlust der Liebe betrauert und sich der vergangenen Glckseligkeit mit dem Grafen erinnert. Das Grzenich-Orchester unter Gastdirigent Konrad Junghnel musiziert unaufdringlich im Orchestergraben und die Instrumentierung wirkt neben den gesanglichen Leistungen manchmal zu unscheinbar. Trotzdem klingen nach der dreieinhalbstndigen Auffhrung die Kompositionen noch lange nach, wenn man sichtlich ermdet die verwirrenden Eskapaden der Figarofiguren und den Ausweichort der Klner Oper hinter sich lsst.

Weitere Spieltermine: Sa. 20.10., Mi. 24.10., Fr. 26.10., Mi. 31.10. jeweils ab 19.30 Uhr sowie am So. 28.10. ab 16 Uhr und am So. 04.11. ab 18 Uhr im Palladium. Zustzliche Infos gibt es auf der Homepage der Klner Oper.

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