Das fringe ensemble erffnet die neue Spielzeit des Theaters im Ballsaal mit einer ganz besonderen Hommage. Ihre aktuelle Urauffhrung widmet sich dem sen Molekl, welches bereits vor einer Woche Spiegel-Titelthema war. Zucker ist im Leben jedes Einzelnen allgegenwrtig. Das Agrarprodukt verst unseren Alltag, ohne dass man sich in Gedanken ber dieses ergeht. Eher wird der Rohrstoff mit Kalorien und Karies assoziiert, als das man ber seine Entstehungsgeschichte und Herstellungswege sinniert. Dies soll nun anders werden, dachte sich der Komponist Gregor Schwellenbach. Er inszenierte mit dem fringe ensemble einen hintergrndigen und unterhaltsamen Abend rund um das se Kristall.

Die vielleicht lteste Droge

Eingeleitet wird die dynamische Inszenierung durch ein ausgedehntes Vorspiel minimalistischer Musik. Verschiedene Heimorgeln ertnen im stimmungsvollen Wechsel. Auch andere ungewhnliche Instrumente, sowie in unterschiedlichen Farben gestaltete Quadrate und ein Vorhang mit weien Flocken bestimmen das beachtenswerte Bhnenbild Annika Leys. ber den fnf Heimorgeln angebrachte Spiegel glitzern bisweilen wie durchsichtig reflektierender Zucker. Das Vorspiel macht gespannt und stimmt auf den ungewhnlichen Abend ein. Ein beeindruckend temporeicher Vortrag sehr heterogener Texte, die der geneigte Zuhrer oft nur auszugsweise aufnimmt, schliet daran an. Debattiert wird ber Glucose, die Zuckerkrankheit, Zucker aus Runkelrben und ber Enzyme, die Zucker zerspalten. Aufgelockert wird die Textdichte schon nach kurzem durch einfallsreiche Gesangseinlagen. Wenn Manuel Klein sich an der Gitarre begleitend zu Sklaven der Verfhrung anstimmt, ist das schon sehr exquisit, eingngig und elektrisierend. Da kann man verstehen, warum das Kristall so begehrt ist. Manuel Klein erhlt fr den verlockenden Vortrag Szenenapplaus.

Gefroren, geschkt, gekopft

Nun bewegt sich das Stck jedoch in andere Gefilde. Die Expertise von Fachleuten kommt monologisch und dialogisch zu Wort. Themen werden miteinander verwoben. Wissenschaftler und Autoren wie Rudolf Steiner werden zitiert. Das Sklavenschiff von Heinrich Heine wird mit wechselnden Stimmen melodisch vorgetragen. Gesangliche Verzierungen der Figuren lenken vom komplexen Inhalt ab, der Folter und Ermordungen auf Transportschiffen mit zynischer Brutalitt beschreibt. In einem spteren Chatdialog tauscht sich Andrea (Justine Hauer), die dringend Zucker in groen Mengen braucht, mit dem 'Sugar King' (Andreas Meidinger) und anderen Beteiligten ber Import und Export aus. Geldgebende Instanzen werden als willfhrig vorgefhrt. Besonders berhrend ist auch ein kurzer und einfacher Monolog Bettina Maruggs ber die brutale Ausbeutung auf Zuckerplantagen in Drittweltlndern. Er sticht aus den vielen sprachlich und inhaltlich komplexen Texten durch seine Klarheit hervor. Wenn sich die vier Darsteller regelmig auf und hinter der Bhne umziehen und dabei stets weiter vortragen, fragt man sich, ob dadurch die Austauschbarkeit der Formen des Zuckers und seiner Zuwegebringer bildlich hervorgehoben werden soll.

berall ist heute Zucker drin


An vielen Stellen wird das Stck sozialkritisch. Es ist von Lohndumping, Kinderarbeit und der Euro-Krise die Rede. Die gut aufgelegten Darsteller werfen sich gegenseitig die Blle zu. Elegant aufeinander abgestimmte Choreographien und bemerkenswertes gesangliches und musikalisches Knnen runden den anregenden Abend ab. Dass viele der theatralen Einlagen improvisiert wirken, mag vielleicht auch daran liegen, dass das Quartett schon lange selbstgeschriebene Stcke zusammen auf die Beine stellt. Die erfrischende Atmosphre schafft einen stimmungsvollen Rahmen fr viele kleine Geschichten um das weie Gold. Zucker erscheint nach dem Theaterbesuch in einem ganz neuen Licht. Guten Gewissens verrhre ich den Fairtrade-Bio-Rohrzucker in meinem schwarzen Kaffee. Karies war im Stck noch kein Thema.

Die nchsten Vorstellungen von ZUCKER. Kein Musical im Theater im Ballsaal sind am 17.10., 18.10, 19.10. und 20.10 ab 20 Uhr. Karten: 14 und ermigt 9 . Ticket-Hotline: 0228-797901. Zur Homepage des fringe ensemble.

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